Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-11-23 · 47 (23.11.1928) · p. Seite 750

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 750 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9158257--08944-9081658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

750 Das Jüdische Echo Nr. 47 nungsverschiedenheiten. Die Aussprache betraf die Fragen der Kwuzoth und des Jüdischen Nationalfonds. Es wurde ein Übereinkommen dahingehend erreicht, daß die Frage, ob die Kwuzoth als Wirtschaftsform im Rahmen des allgemeinen Kolonisationswerkes in Palästina bestehen solle oder nicht, der zu bildenden Jewish Agency zur Entscheidung überlassen werden soll. Mit Bezug auf den Jüdischen Nationalfonds wurde übereinstimmend festgestellt, daß der Jüdische Nationalfonds als Bodeninstrument der jüdischen Kolonisation bestehen bleiben soll. Louis Marshall zum Präsidenten des American Jewish Commitee wiedergewählt N e u y o r k, 13. November. (JTA.) Das American Jewish Committee, welches geschaffen worden ist, um die Ehre und die Bürgerrechte des Judentums in allen Ländern wahrzunehmen, hielt soeben eine Jahresversammlung ab, auf deren Tagesordnung u. a. auch die Wahl des Präsidenten stand. Einmütig wurde Herr Louis Marshall, der Begründer und langjährige Führer des Komitees, zum Präsidenten wiedergewählt. Die jüdische Einwanderung in den Vereinigten Staaten — Fast 8000 Einwanderer in neun Monaten N e u y o r k , 12. November. (JTA.) Laut einer Mitteilung von HIAS sind von Januar bis September 1928 10 484 ausländische Juden nach den Vereinigten Staaten gekommen. Von diesen waren 7973 Einwanderer und 2511 Nichteinwanderer. Der Anwalt von HIAS hat 186 Berufungen von Einwanderern, die nicht in das Land gelassen wurden, sowie 1382 Gesuche wegen Außer-Quote-Einwanderung oder Setzung auf eine bevorzugte Stelle der Quote vor den Einwanderungsbehörden vertreten. Rockefeiler junior spendet eine halbe Million Dollar für das Werk des Agro-Joint N e u y o r k, 13. November. (JTA.) Der berühmte christliche Milliardär und Philantrop John Rockefeller Junior hat eine halbe Million Dollar für das jüdische Kolonisationswerk des Agro-Joint in Rußland gespendet. Die Familie Rockefeller hat schon oft für jüdische soziale Institutionen, insbesondere für das Aufbauwerk des American. Joint Distribution Committee, größere Geldspenden geleistet. Der alte Rockefeiler begleitet in der Regel solche Zuwendungen mit ermutigenden Zuschriften. Der alte Rockefeller hat bekanntlich auch durch eine Millionenspende den Bau eines archäologischen Museums in Palästina ermöglicht. Rockefellers Sohn hat bis jetzt jüdischen sozialen Werken keine größeren Zuwendungen gemacht; die Halbmillion- Dollarspende für Agro-Joint ist seine erste größere Spende dieser Art. 111 ■ lill 1 ll Feuilleton |||||]||||!|||||1 ■1 || 1111 lllillllllllll 1111 111 Schnorrer Von Lehrer Kuno L Wenn ich im Winter des Abends von der Schule heimkam, meine Mutter artig begrüßte und gleichzeitig mein liebes Brüderchen kniff, so daß es plötzlich ohne sichtbare Ursache ein fürchliches Gebrüll ausstieß — wer saß da immer im behaglich durchwärmten Wohnzimmer? Reb Mendel, der Schnorrer. Sein krummer Rücken preßte sich an den Ofen; die brüchigen starren Finger umklammerten die dampfende Kaffeetasse — es mußte immer dieselbe Litertasse sein, da wir schon keine größere besaßen, sonst wurde Reb Mendel wild — während der struppige Bart unbestimmter Farbe auf der Brust lehnte und der Blick starr am Boden haftete. Nur hier und da richtete er seinen Kopf auf und schleuderte einen stechenden Blick auf sein Gegenüber, seinen Konkurrenten. Aber wie einst jene Rauchwolke die Kinder Israels vor den tödlichen Geschoben der Ägypter geschützt hatte, so erwies sie sich hier als wirksamer Schutz vor den Geschoben aus den Augen Reb Mendels. Wenn sich die Nebel für Augenblicke lüfteten, so konnte man den Herd dieser Dämpfe wahrnehmen in Gestalt einer kurzen Pfeife in ununterbrochener vulkanischer Tätigkeit. Das hervorstechendste im Gesicht war dann noch eine kupferrote, zart geäderte Nase, die auf manches schließen ließ: Reb Leiser. Als einst Reb Mendel ahnungslos das Zimmer betrat, in welchem er schon seit Jahren Stamme h r m a n n (Rimpar) gast war, da saß Reb Leiser und hatte — o Schreck! — seine Tasse in Beschlag genommen. Eine unheilschwangere Stille, während deren Reb Mendel augenrollend auf und ab geht. Endlich blieb er stehen: „Geht weg vun mein Platz!“ fauchte er Reb Leiser an. Und als dessen weit aufgerissener Mund ihn anstarrt: „Ihr sollt weggehn vun mein Platz!“ Verblüfft schickt sich der arme Reb Leiser an, sich und seinen Kaffee in Sicherheit zu bringen. „Laßt nur meine Tasse da!“ Da löste sich seine Erstarrung. „So ein Asispunem! Hab ihr schon so einen Asispunen gesehn! Da, freßt Eure Tasse auf, Ihr Fonje“ — dabei machte er keine Anstalten, sie aus der Hand zu geben, „da nehmt sie Euch, Ihr Fonje Chaser, der Ihr seid“. O si taeuisses! Mit diesem Wort, welches ein an sich nichtssagender aber empfindlicher Spottname für den russischen Juden ist, sollte Reb Leiser den Auftakt zu einem Dialog gegeben haben, welcher einen für ihn wenig rühmlichen Verlauf nahm. Denn sein schwerfälliger galizischer Geist war der Gewandtheit und Spitzfindigkeit des Litwaki1 nicht gewachsen; jedes Wort, das er vorkeuchte, baute jener zu einer wohlgesetzten homerischen Kampfrede aus, daß der arme Reb Leiser ganz betäubt war von diesem Reichtum an Kraftausdrücken. Da tat er das, was alle klu- 1 Litauer. PACKARD 6 und 8 Zylinder in Linie wesentlich niedrigerelPreise bei; gleicher Qualitäts-Berühmtheit Generalvertreter: GEBR. BEISSBARTH / KOHLSTR. 2 beim Deutschen Museum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.