Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 745 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9158257--08939-9081653- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 47 Das Jüdische Echo 745 durchbrechen und den Religionsunterricht, diese dürre Gegend, zu einem religiösen Unterricht gestalten. Dazu gehört nicht allein Mut, sondern tiefreligiöses Wollen, ein Menschsein, das vollkommen vom Jude-sein durchdrungen ist. Ausnahmen! Unsere Jugend jedoch wächst im „Religionsunterricht“ auf und soll nachher im Leben draußen gestählt und innerlich geeint dastehen, soll möglicherweise zu künftigen Leitern jüdischer Gemeinden heranreifen. Es passieren noch Zeichen und Wunder — denn trotz des Religionsunterrichts gibt es noch religiöse junge Juden! Diejenigen doch, die einem zerstörenden, banalisierenden, jüdischen Mittwochnachmittags-Religionsunterricht ausgelicfert sind, sollen zum Protest gerufen werden gegen die jüdische große Öffentlichkeit, die so was duldet! Alle Organisationen von Bedeutung, voran der Landesverband, haben die Pflicht, von Grund auf den Methoden eines „Unterrichts“ den Garaus zu machen — der heutige Religionsunterricht tötet in den Kinderseelen jede religiöse Regung. Er. führt unweigerlich dahin, wo das ansehnliche Gros der Zeitgenossen bereits satt und zufrieden angelangt ist: zur religiösen Indifferenz! Bundesgenosse dafür ist der Gottesdienst, von dem man wünschen möchte, ein Prophet aus dem Zeitalter Jerobeams II. könnte ihm beiwohnen. Es wäre immer aktuell, zu Beginn dieser Veranstaltungen, die Gottesdienst heißen, das erste Kapitel des Jesajah vorzutragen! Im Chaos der religiösen Not unserer jungen Menschen kann selbst die Synagoge keinen Ruhepunkt mehr geben, Orgelspiel, Konzertgesang, Predigt — der tief innerliche Schwung nach aufwärts, das Ergriffensein, die Gottesnähe stellen sich nicht ein. In wie vielen Gemeinden ist dieser Gottesdienst noch nichts anderes als eine üble Gewohnheit geworden, eine Gelegenheit zum Minjanmachen, und an den Sabbaten dürfen sogar die jungen Lehrlinge die Geschäftszeit unterbrechen, wenn in der leeren Synagoge zufällig (oder nicht zufällig) ein „paar Besucher“ nicht erscheinen könnten! Das Gebet selbst — viele junge Freunde klagen es mir — wird zur Farce, zum Gespött, wird unter den Augen unserer Berufenen immer mehr zur Gleichgültigkeit: auch in den pompösen Tempeln der Großstädte, die mit Aufsichtsbeamten und Parnossim stark geziert sind, blättert man in den Machsorim wie in Kurszetteln des lieben Gottes und macht eine feierliche Miene zu einem ganz schäbigen, alltäglichen inneren Empfinden. Die Jugend hat scharfe Augen. Sie ist unerbittlich, wenn sie die offenkundige Unwahrhaftigkeit herausgefunden hat. Unsere Forderung an die Führer und Sachwalter dieser Generation lautet hier sehr klar: Schafft uns einen Gottesdienst der Wahrheit und Aufrichtigk e i t! Brecht mit der schrecklichen Gewohnheit, im Gottesdienst die Erfüllung aller Religion und aller religiösen Taten zu sehen! Der Aufenthalt in der Synagoge muß nur Anlaß sein, den Sinn des Judentums draußen im Dasein zu verwirklichen! Zeigt uns die bedingungslose Ehrlichkeit des Willens zum Ringen um Gott! (Und zeigt nicht, während ihr Judentum predigt, eure Gesichter verständnisinnig lächelnd am Jom- Kippur-Nachmittag in den Kaffeehäusern.) Was werden wird. — Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, in dem fast 12 000 junge Menschen den Aufstieg des Judentums ersehnen, ruft das Gewissen der jüdischen Äut°'und Motor- Bekleidung Ausrüstung Sporthaus SCHUSTER I Katalog kostenlos! München, Rosenstraße 6 Öffentlichkeit an. Man wird sich das, wie man es ja auch im vorigen Jahr getan hat, anhören. Man wird nicht erstaunt sein, wenn die Berufenen dann (bestenfalls!) eine Kommission gründen. Wir organisieren eben seit Jahrzehnten das deutsche Judentum zu Tode. Vor Jahresfrist galt unser Wort der Frage „Jugend und Gemeinde“ und gipfelte in der Darlegung, daß jede verantwortungswürdige jüdische Gemeinde der Jugend ein würdiges Heim schafefn müsse. Nicht aus Rachmones, sondern aus der Erkenntnis heraus, damit am besten der Selbsterhaltung zu dienen! Der Widerhall bestand in einem platonischen Augenzwinkern, und im übrigen wurde die Ruhe nicht gestört. Wo ein Fortschritt zu verzeichnen ist, war er lediglich den Mühen und Abrackerungen der Jugend selbst zu verdanken. Daß die jüdische Jugend sich ihre Groschen im wahrsten Sinne e r - schnorren muß, ist dabei nur von untergeordneter Bedeutung. Den Fanatikern des Ruheprinzips sei zum Schluß noch zugesichert: es wird auch jetzt kein offizieller Sturm im deutschen Judentum losbrechen. Höchstens, daß man sich hier und da über ein paar „ungezogene“ Ausdrücke ärgert. Gott möge geben, man wollte sich endlich mit derselben Energie über die eigene hartnäckige Indifferenz ärgern, die man der jüdischen Jugend und damit der Zukunft des Judentums zeigt! Wenn wir trotzdem an die Einsicht oder meinetwegen an das Gefühl der Gemeinden und der vielen jüdischen Körperschaften appellieren, so nur deshalb, weil wir den Abgrund sehen, in den wir hineingleiten, und weil wir warnen wollen! Den indifferenten und oberflächlichen Zeitgenossen werden wir mit allen Mitteln unseren Widerstand entgegensetzen. Wo Jugend in Not ist, da ist Schweigen schlimmste Versündigung! Delegiertentag des deutschen Misrachi Frankfurt a. M., 16. November. (JTA.) In diesen Tagen wurde der Delegiertentag des deutschen Misrachi abgehalten. Der Vorsitzende des Zentralbüros, Alexander Adler, betonte in seiner Eröffnungsrede die Treue des Misrachi zur zionistischen Sache und protestierte gegen die Vorfälle an der Klagemauer. Die Aussprache über die vor der Tagung allen Gruppen zugestellten Referate eröffnete Dr. A. Barth, der für die wichtigste Aufgabe des Delegiertentages die von ihm schon seit langer Zeit angeregte Umgestaltung der Verhältnisse innerhalb der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hält; da-