Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-11-09 · 45 (9.11.1928) · p. Seite 717

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
Seite 717 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9158219--08909-9081623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Literarische Beilage Der geschictaliche Jesus von Ditlef Nielsen Im folgenden sei ein Kapitel des wertvollen Buches eines dänischen Theologen abgedruckt, des dem urchristlichen Problem unbefangen auf den Grund geht. Auf seiten der christlichen Theologen, und natürlich nur der „liberalen“, hat man sich zu wirklicher „Voraussetzungslosigkeit“ auch heute noch kaum entschlossen. Es sind nur einzelne, allerdings führende Gelehrte, die sich zu einer gerechten Auffassung des Judentums zur Zeit Christi durchgerungen haben. Das Ressentiment, das bisher klaren, und nicht einmal schwer erlangbaren Erkenntnissen entgegenstand, und noch entgegensteht, wird späteren Zeiten so wunderlich erscheinen, wie uns manche Wahnvorstellung des Mittelalters. Was dagegen nicht nur den Babyloniern und Assyrern, sondern der ganzen semitischen Rasse eigen war, das war eine ausgeprägte Religiosität. Wie die alten Griechen das klassische Volk in der Geschichte der Kunst sind, die Römer die Lehrmeister späterer Zeiten in der Organisation der Gesellschaft, wie Deutschland die Heimat der klassischen Musik und Dänemark das Fortschrittsland in bezug auf Allgemeinbildung und Volksaufklärung ist, so waren seinerzeit die Semiten das klassische Volk in der Religionsgeschichte. In keinem anderen menschlichen Gesellschaftsverbande hat die Religion jemals den einzelnen mit solcher Konsequenz von der Wiege bis zum Grabe begleitet wie in dem, von dem uns die alten semitischen Inschriften zeugen, nirgends sonst unter den Menschen waren Gesetze und Einrichtungen, Sitten und Gebräuche, Wissenschaft und Kunst, Weltanschauung und Ideal in gleichem Maß mit Religion durchsetzt. Die Semiten waren, wie Renan sagt, „das Volk Gottes und das Volk der Religionen“. „Der semitischen Rasse gebührt die Ehre, die Religion der Menschheit geschaffen zu haben“, und es ist ja wohl kein Zufall, daß die großen Weltreligionen: Judentum, Christentum und Muhammedanismus, die eine so ungeheure Bedeutung für die Weltentwicklung gehabt haben und über die Hälfte des Menschengeschlechts beherrschen, alle drei der alten semitischen Kultur entstammen. * * * Im Gegensatz zu der alten indischen Kultur, die den Buddhismus hervorbrachte, trägt die alte semitische Kultur und Religion das Gepräge eines stark nach außen gewandten, zum Handeln drängenden Volkscharakters, wie es sich im Christentum, im Judentum und im ursprünglichen Muhammedanismus wiederfindet. Die indische Veranlagung führte zu einer nach innen gerichteten Spekulation, sie erzeugte im Buddhismus mehr eine Philosophie als eine Religion. Da ist nicht persönliche Unsterblichkeit, kein persönlicher Gott als feste Burg gegen alles Erdenschicksal, auf den der Mensch sein Glauben und Hoffen gründet, kein Brunnquell, aus dem ihm unendliche Kraft für sein Leben strömt. Der Mensch erlöst sich da selber, und die Erlösung besteht in' unfruchtbarer Askese und Weltflucht. Daher bestand im Altertum so gut wie keine Wechselwirkung zwischen den beiden Kulturen, und auch später ging eine jede ihren eigenen Weg: die semitischen Religionen gegen Westen, der Buddhismus gegen Osten. Der Kernpunkt der semitischen Religionen war also nicht die Götter- oder Opferlehre, die Dogmen, mit denen das Judentum, das Urchristentum und der Islam brachen, und die sich nur als Petrefakt ins Heidenchristentum hinüberretteten. Es war vielmehr ein lebenskräftiger Schaffensdrang, der von Mal zu Mal neue Ideale emporleuchten ließ, die noch unserer Zeit etwas zu sagen haben, eine Schöpferkraft, die nicht vor der Welt flieht, sondern sie beherrscht, indem sie sie in bessere und reinere Sphären emporhebt. Der Anlauf zu dem Glauben an einen Gott, der sich in den höheren Schichten der babylonischassyrischen und ägyptischen Religion findet, erreichte allerdings nur bei den Juden die Stufe eines praktischen Monotheismus, aber umgekehrt fand sich bei den alten Babyloniern — schon Jahrtausende vor Jesu Zeit — der Unsterblichkeitsglaube, der im Judentum erst gegen Jesu Zeit auftrat. In den syrischen und babylonischen Kulturländern, wo Handel und Wandel viele Nationen zusammenführten, bestand — ebenfalls von alter Zeit her — ein international gerichtetes Verbrüderungsgefühl, das die politischen Schranken und den Nationalhaß neutralisierte, der in primitiven Formen in der semitischen Religion auftritt und auch im Judentum mit der Religion verkettet war. Hier war der Boden für eine Religion vorbereitet, die vollständig mit dem Dogma brach, das eine einzelne Nation als auserwähltes Volk Gottes setzte, für eine Religion, die alle Menschen zu Brüdern in einem großen weltumspannenden Friedensreich machte. Die Kultur, die den Gedanken nährte, daß alle Menschen Brüder seien, weil sie alle Gottes Kinder sind, machte ebensowenig wie irgendeine andere Kultur des Altertums einen praktischen Versuch, Klassen- oder Standesunterschiede in der Gesellschaft aufzuheben — dieser Versuch gehört erst der Gegenwart an —, aber sie versuchte lange vor Jesu Zeit auf verschiedene Weise, den Krieg abzuschaffen und den Weltfrieden zu verwirklichen, nach dem auch wir heute streben. * * * Das Licht vom Osten, das von den alten Inschriften Vorderasiens ausgeht, entkleidet nicht nur die Jesusgestalt der später hinzugetretenen Mythologie und zeigt uns an, wie der geschichtliche Jesus in Wirklichkeit aussah, sondern es lehrt uns auch, daß der Kernpunkt seiner Religion, das Ideal, das trotz Dogmen und Sakramentenlehre noch im Christentum lebendig ist, lange vor Jesu Zeit in der Religionsgeschichte mehrerer Jahrtausende vorbereitet war. Erst so haben wir eine richtige historische Grundlage gewonnen für die Erforschung von Judentum, Christentum und Islam. Diese Religionen haben in der Kulturgeschichte weit tiefere Wurzeln, als man sich je träumen ließ. Man versteht das Judentum und den historischen Jesus nicht ohne dies Licht, man verstünde überhaupt das Christentum und seine Vorge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.