Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- Seite 701 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 701 Aus der jüdischen Welt Kundgebung gegen die Friedhofschändungen Berlin, 19. Oktober. (JTA.) Für Donnerstag, dem 18. Oktober, abends, hatte der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Sitzungssaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses zu einer Kundgebung geladen, der Motto lautete: „Versündigung an der deutschen Kultur. Gegen Friedhofsschändungen und rohe Gewalt.“ Der Einladung hatten viele Hunderte jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten Berlins Folge geleistet; Saal und Galerien waren dicht gefüllt. Seine Weihe erhielt der Abend durch das mitten in der Versammlung erfolgte Erscheinen des Reichsjustizministers und Führers der deutschen Demokratie, Herrn Dr. Koch-Weser, der zwischen zwei sehr wichtigen Sitzungen sich die Zeit nahm, in die Versammlung zu kommen und sich im Namen der Reichsregierung mit dem Protest zu identifizieren. Weitere Mittelpunkte bildeten die Ansprachen des Landtagspräsidenten und Führers der Sozialdemokratie Bartels, des Staatssekretärs im Preußischen Justizministerium Heltscher, des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß und des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Gerson Simon. Die Versammlung nahm einmütig und unter großem Beifall die folgende vom Vorsitzenden verlesene Entschließung an: „Die zu der Kundgebung im Herrenhaus versammelten Hunderte von deutschen Bürgern und Bürgerinnen erklären: Die Tatsache, daß Judengegner zur Durchsetzung ihrer Ziel an Stelle geistiger Waffen rohen Überfall, verbunden mit schweren Körperverletzungen und Sachbeschädigungen, insbesondere Schändung von Grabmälern, anwenden, ist in so bedrohlichem Maße durch die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen, daß das öffentliche Gewissen aller Teile des deutschen Volkes aufgerufen werden muß, um bei aller politischen Verschiedenheit aus innerstem Billigkeitsgefühl heraus die dem Denken und Tun der Täter zugrunde liegende Gesinnung als eine Schmach für Deutschland und die deutsche Kultur zu empfinden. Die Versammelten rufen das gesamte Volk zur entrüsteten Ablehnung der Untaten und zur Schaffung eines Geistes auf, der bei aller Freiheit der Meinungen eine Austragung von politischen Fragen nach den Begriffen von Recht, Sitte und Anstand fordert.“ Schwere Beschimpfung der Aachener Kultusgemeinde Berlin, 26. Oktober. (JTA.) „Die Israelitische Kultusgemeinde bezahlt Mörder“ überschreibt der „Westdeutsche Beobachter“ eine Meldung aus Aachen, in der davon die Rede ist, daß die Aachener Kultusgemeinde die „Rotfront“ für einen Überfall auf Nationalsozialisten während einer Versammlung am 11. Oktober bezahlt und daß ein jüdischer Bürger als Beauftragter des Gemeindevorstandes an dem Überfall teilgenommen habe. Der Aufsatz schließt: „Also überall als letzte treibende Kraft der Jude, als Helfer, das größte Gesindel, das in deutschen Landen zu finden ist. Uns aber wird dies nur zu einem treiben ■— noch intensiver auf den Tag hinzuarbeiten, an dem es in Deutschland keine israelitischen Kultusgemeinden mehr gibt, an dem Tage, wo sich Halunken an einem anderen Orte treffen können-am Galgen.“ Der Vorstand, die Israelitische Kultusgemeinde in Aachen, hat — wie die „C.-V.-Zeitung“ mitteilt, — sofort Strafantrag wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft und wegen Beleidigung, begangen durch die Presse, gestellt und die sofortige Beschlagnahme durch die Kriminalpolizei veranlaßt. Ritualmordhetze im Zusammenhang mit dem Mordprozeß Hußmann. —„Daube von Juden geschachtet“ Berlin, 29. Oktober. (JTA.) Die völkische, nationalsozialistische und zum Teil auch die deutschnationale Presse waren in ihrer Berichterstattung über den Prozeß gegen den Abiturienten Hußmann, der vor dem Essener Schwurgericht angeklagt ist, seinen Abiturientenkollegen Daube durch Halsschnitt getötet und dann die Leiche in grauenvoller Weise geschändet zu haben, mit ihren Sympathien deutlich auf der Seite des angeklagten Hußmann, der dem Stahlhelm angehört und sich in seinen Briefen aus dem Gefängnis stark nationalistisch gebärdete. Nunmehr scheint die antisemitische Presse den Mordfall zu einer Ritualmordhetze ausnutzen zu wollen. Wie aus Köln telegraphiert wird, ist der von nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Ley redigierte „Westdeutsche Beobachter“ polizeilich beschlagnahmt worden, weil er einen Leitartikel mit der Überschrift: „Daube von Juden geschächtet“, sowie auf der Titelseite eine Zeichnung „Ein Ritualmord“ gebracht hat. Beide Darstellungen gaben Grund zum Verbot des eine Pogromstimmung vorbereitenden Blattes. Wie amtlich mitgeteilt wird, wurde das Verbot auf Grund eines Erlasses des Amtsgerichtes erlassen, nachdem bereits die Donnerstag erschienene Nummer zu beschlagnahmen war. Da die Tags darauf erschienene Ersatznummer den gleichen Inhalt hatte, wie die vorhergehende, konnte die Polizei ohne weiteres auch zur Beschlagnahme dieser Nummer schreiten. Antisemitische Ausschreitungen der Hitler-Leute in Berlin Berlin, 23. Oktober. (JTA.) Gestern vormittag kam es in der Lothringer Straße zu schweren Ausschreitungen. Drei junge Männer warfen die Schaufensterscheibe eines Geschäftes ein und mißhandelten jüdische Passanten. Sie schlugen mehrere Personen zu Boden und setzten ihrer Festnahme durch die Polizei heftigen Widerstand entgegen. Sie wurden jedoch überwältigt und gefesselt zum nächsten Polizeirevier gebracht. Theodore Reinach gestorben Paris, 29. Oktober. (JTA.) In Paris verstarb heute der berühmte französische Historiker und Archäologe Theodore Reinach im Alter von 68 Jahren. Theodore Reinach war ein Bruder des verstorbenen hervorragenden französischen jüdischen Politikers und Schriftstellers Joseph Reinach und 2 LI Liccius JDameu -^SRänfel ♦ (Segr. 15Z4 ♦ ^Jlßftolurtg @ef. 20519 ^efi&enäffraße 14/15 irt reieftffer ^n&voaftl unS rtaeft ^taß