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Das jüdische Echo · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · p. Seite 656

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
Seite 656 (sequence 16)
Language
German
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656 Das Jüdische Echo Nr. 41 II III III || 1 Feuilleton | llll III III Leiden eines Abgeordneten in Indien Von Colonel Josiah C. Wedgwood1 Es gibt eine Grenze für das Maß von Predigten, die das Publikum über das tragische Thema „Indien“ aushält, gerade wie es eine Grenze gibt für die Zahl ernster Ansprachen, die man vollbärtigen indischen Studenten halten und für die Zahl von Toasts, die man (bei dünnem Eis) in tropischer Atmosphäre halten kann. Wir haben diese Grenze erreicht. Schließlich aber hat ein Besuch in Indien für einen selbsternannten Gesandten auch seine lustigen Augenblicke, selbst wenn es seine delikate Aufgabe ist, die Leidenschaft des Rassenhasses zu mildern und beide Teile möglichst zu besänftigen. Von dieser Seite her kann man ebensogut wie von einer anderen ein Bild bekommen. Der Arbeiterabgeordnete kommt in Bombay im Apollo-Bunder an und wird bekränzt. Ein paar Dutzend Kilo Blumen werden ihm der Reihe nach wie Lassos um den Hals geworfen, so daß sein neuer Tropenhelm in schwere Gefahr kommt und er sich schließlich mit all dem Schmuck wie ein Truthahn vorkommt. Er steigt in ein Auto und ganze Menschenmassen schwingen sich auf die Trittbretter, drücken ihm die Hand und rufen: „Wedgwood-ki-jai!“ Ein angenehmes Gefühl der Befriedigung beschleicht ihn. Endlich anerkennt man ihn in seinem ganzen Werte, bis er findet, daß er die Ehre mit N. Schulze-ki-jai teilt. Es scheint hier viele große Männer zu geben. Jede Versammlung, zu der man geht, ist größer als die vorhergehende; jeder Empfang stürmischer und hitziger. Jeder bemüht sich, dich von dem befleckenden Einfluß jedes andern freizuhalten. Du kommst mit einem Gouverneur zusammen und man hält ihn schon für einen Verräter. Du speist mit Mahatma und bist nicht mehr würdig, mit den treuen Söhnen Britanniens zu speisen. In Indien möchte man seine Gäste in Einzelhaft stecken, damit sie anständig bleiben. Versammlungen und Prozessionen sind eine Unsitte von Indien. Das Leben ist gerade nicht aufregend; so hilft man sich. Und man hilft sich gründlich. Vorsichtig gerechnet, saßen in Pertabgahr 40 000 Menschen, einer auf dem anderen, um mich — nicht zu hören, sondern zu sehen, und kaum einer hatte wohl jemals vorher meinen Namen gehört. In Kalkutta verlor sich der Blick auf dem Meer von Köpfen und Knien am Horizont. Denn die Bengalis sind besonders intelligent. Diese Versammlungen finden natürlich unter freiem Himmel statt. Das Podium oder die Kanzel steht im Mittelpunkt, am Ende eines Molos, auf dem man sie von der seitwärts gelegenen Halle erreicht. Etwa hundert Meter im Umkreis sitzt man und darüber hinaus steht man. Du drehst dich langsam im Kreis, während du moralische Maximen vorträgst und den Unterschied zwischen der britischen Arbeiterpartei und dem Standrecht im Pandschab erklärst. Ein intelligentes Publikum (Bengalis oder Studenten) versteht englisch so gut wie jede andere Sprache, die irgend jemand sprechen will. Andere Versammlungen müssen 1 Aus der interessanten Selbstbiographie des bekannten britischen Kolonial-Politikers, der, wie an anderer Stelle mitgeteilt, in den nächsten Tagen nach Deutschland kommt, wo er einige Vorträge über das neue Leben in Palästina halten wird. den richtigen Augenblick zum Hochrufen vom Claquechef erhaschen, der auf der Tribüne sitzt und oft statt seiner Hände eine Pfeife benutzt, um die Vorstellung zu leiten. Der ausgezeichnete Arbeiterführer Miller von der Northwestern Railway-Gewerkschaft hat seine Leute in Lahore und Pmdi so glänzend in der Hand, daß sie jeder Einzelheit meiner Ausführungen mit genau dem gleichen Verständnis zu folgen schienen wie meine teuren Wähler zu Hause. Es gibt drei solche Engländer, die Arbeitergewerkschaften in Indien führen. Sie sind die wahren Botschafter zwischen den Rassen, die die Solidarität der Arbeiterschaft trotz der Unterdrükkung durch die Regierung durchsetzen. Eine Versammlung in Bombay, die unter dem blauen Licht der Fackeln geradezu gespenstisch schien, dauerte bis zwei Uhr morgens, und da es Khilafatisten waren, haben sie sicher zweifellos Dinge geredet, die kein Engländer, der etwas auf sich hält, hören darf. Vorher war ein großes, höfliches Festessen der „Gemäßigten“, wo meine sorgsam abgewogene Rede von Engländern des Typus „Erschlagt den Nigger!“, die sich vor dem Tor versammelt hatten, unterbrochen wurde. So geht es den Friedensstiftern! Aber wenn die Versammlungen groß sind, sind die Umzüge noch größer. Früher gab es Elefanten und Pauken und Radschas in blitzenden Uniformen; jetzt haben sie nur den Herrn so und so und einen Arbeiterabgeordneten in einem fremden Auto. Man geht im langsamsten Tempo vier Stunden durch ein Menschengelee in vier Meter breiten Straßen. Man steht auf, verbeugt sich, grüßt und lächelt nach rechts und links, Kränze und Blumen fliegen herbei, bis der Wagen buchstäblich begraben ist. So bekommt man Material zu einer Blumenschlacht und kann die allgemeine Freude noch etwas vermehren. Auch Rosenwasser wird in reichlichem Maße gespritzt; irgendeiner in Lahore irrte sich in der Flasche und ich bekam irgend etwas Süßes, Klebriges darauf, ehe ich mich noch decken konnte. Rings um die Reste des Wagens sind die tapferen Ordner, die mit geschlossenen Armen eine Kette bilden, um den Weg frei zu machen. Hinter ihnen kommt die Masse und dahinter hat jedes offene Ladenfenster eine reichliche Fülle von Zuschauern. Alle Fenster sind besetzt, und noch oben auf den Dächern ist dasselbe Meer von Zuschauern. Quer über die Straßen gibt es Fahnen und Aufschriften: „Denkt an Jellianwallah Dagh“, „Tod oder Sklaverei“. „Wir müssen Homerule haben“, und die ganze Zeit über ertönen schrille Rufe: „Hindu-mus-salman-ki-jai, Mahatmah Chandi-ki-jai“ und die ganze Reihe der Führer entlang immer mit „ki-jai“, bis zum Schluß eine andere Note hineinkommt: „Bandi Mataram“. Ich hatte den Eindruck, daß zwei Millionen nach Peschawar kamen, drei Millionen nach Rawal Pindi und vier nach Lahore. In Guzramwala, wo Flugzeuge Bomben geworfen haben, wäre auch ist fast vor Hitze und Staub gestorben, und ich verschwor für ewig die Unbequemlichkeiten des Ruhmes. Und die ganze Zeit über hörte ich kein Wort des brutalen Fremdenhasses — sah nur Millionen freundlich lächelnder Gesichter. Keinem Volk in der ganzen Welt konnte man mit Freund-

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