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Das jüdische Echo · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · p. Seite 654

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
Seite 654 (sequence 14)
Language
German
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654 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 41 I. MÜNCHENER PLISSEE-BRENNEREI FRHNZ QRUBER, MÜNCHEN Hohlsaum, Knöpfe, Endeln, Kanten, KostOmstlckerelen Burgstraße16/3 Knopflöcher Telephon 22976 diese drei Juden untereinander gemeinsam? Kann man bei so verschiedenen und voneinander so entfernten Geistern das Volk des einzigen Gottes erkennen? Andre Spire hat sich dieselbe Frage stellen müssen. In dem Vorwort, das diesem ersten Bande vorausgeht, schreibt er: „Die drei Menschen, denen dies Buch gewidmet ist, ähneln sich kaum, und wenn sie sich gekannt hätten, ich glaube nicht, daß sie sich geliebt hätten.“ Dabei ist nichts Erstaunliches. Seit seiner Verstreuung hat Israel Eigenschaften und Fehler erworben, die es vorher nicht hatte. Im Austausch eines Gottes und eines Gesetzes haben die Völker ihm nach der Verfolgung ihre Kultur gegeben, die es mit der seinen zu vereinen suchte, mit der alten Kultur, die wie das Sonnenlicht aus dem Osten kommt und wie dieses unauslöschlich ist. Die Mischung hat manchmal sehr köstliche Früchte hervorgebracht, manchmal aber bittere, zu bittere: das hängt von den Individuen ab. „Sie hätten sich nicht geliebt.“ Nein, dieser in Polen geborene und in England erzogene Jude, der die Sprache Shakespeares so gut wie irgendein Student von Oxford oder Cambridge beherrschte, der sein Leben damit verbrachte, die Sitten der Kinder des Ghetto zu studieren und für sie ein „Territorium“ zu suchen, er hätte nicht jenen anderen Juden geliebt, der seine Traurigkeit in den Bierhäusern durchzugrübeln pflegte, wo die Studenten sangen, und der, nachdem er die aufregendste Theorie über die Sexualität der Geschlechter schrieb, freiwillig aus dem Leben geschieden ist, mit von einer Kugel durchbohrtem Herzen, weit entfernt von Gott, an den er nicht glaubte und weit von den Menschen, die er im Grunde haßte. Hätte er jenen anderen Juden geliebt, der Renan hat lächeln sehen, der den Gedanken der Propheten, die Offenbarungen der Wissenschaft, die Wunder der französischen Revolution verherrlicht hat und der am IQ. Oktober 1894 gestorben ist, drei Tage vor der Verhaftung des Kapitäns Alfred Dreyfuß, als ob das Schicksal sanft und klar eine abscheuliche Enttäuschung des Denkers hat vermeiden wollen? Israel Zangwill, Otto Weininger, James Darmstetter, drei Juden, drei Kulturen, drei Richtungen. Die eines Otto Weininger, „der sein Nest beschmutzt hat“, zählt nicht für uns. Ideen, die zur Verabscheuung, zur Verneinung, zum Tode führen, haben niemals in Israel Wurzel fassen können. Zangwill und Darmstetter dagegen sind, jeder auf seine Weise, jeder zu seiner Zeit, jeder gemäß den Formen der empfangenen Kultur, Menschen gewesen, die für die Würde des Judentums, für das Glück Israels gekämpft haben. „Sie hätten sich nicht geliebt.“ Spire aber liebt sie alle drei, weil Spire ein Dichter ist. Er liebt den Adel Zangwills, seinen stolzen Charakter, den Flug seiner Gedanken. Er liebt bei Darmstetter seine Liebe, seinen Idealismus, seinen Glauben an die Größe des Menschen, seinen Wunsch, die ewigen Dinge zu erreichen. Er liebt schließlich das tragische Geschick Weiningers, sein schnelles und wie ein Drama bewegtes Leben. * Der zweite Band enthält unter anderem eine Studie über den jungen und schon berühmten Armand Lunel, der in hübschen Werken merkwürdige Erinnerungen an die Juden der Provence wachgerufen hat: eine Studie über Marcel Proust, einen Halbjuden, „vielleicht den größten französischen Romanschriftsteller seit Balzac und Stendhal“, rührende Erinnerungen über, Maurice Barres, der uns nicht liebte, der aber trotzdem in seinen „Geistigen Familien von Frankreich“ von uns gesprochen hat, schließlich eine Studie über Henri Franck, die schönste von allen. Dieser junge Mann hat ein seltsames Geschick. Er scheint nur auf die Erde gekommen zu sein, um ein kleines Meisterwerk „Der Tanz von der Arche“ zu schreiben und davonzugehen. Spire hat ihm rührende Seiten gewidmet. Weil Spire zu diesem zu früh dahingegangenen Dichter geistige Beziehungen fühlt. Er hat ihn gekannt, er hat ihn geliebt, er hat sich mit ihm über Judentum, Frankreich, die Dichtkunst unterhalten können und über Themen, die ihnen gleich nahestanden. Andre Spire, der das Bürgertum nicht liebt, liebte diesen „jungen und edlen französischen Bürger“, „dieses außergewöhnliche Wesen, über das sich am Tage seiner Geburt alle wohltätigen Mächte gebeugt haben, um ihm ihre schönsten Geschenke zu geben.“ Er liebte ihn zweifellos auch darum, weil sic sich in einer Zeit begegnet haben, in der der Antisemitismus wieder aufzuleben schien und weil Spire in diesem „Freudenfeuer“, das bereit war, an jeder Ecke zu brennen, einen zukünftigen Verteidiger Israels erkannt hat. Von dieser Studie, die iene von der Komtesse von Noailles über Henri Franck geschriebene ergänzt und erklärt, muß man vor allem behalten, daß der Autor des „Tanzes von der Arche“ ein großer Dichter war. Er hat seinen jüdischen Geist in den Dienst der französischen Sprache gestellt: er war einer der Juden, die ihrem Volk, ihrem Land das unerschöpfliche Geschenk des Weihrauchs und der Myrrhe gemacht haben. Bewahren wir diesem modernen Ariel, der im Alter von kaum 24 Jahren seine Feder dem Tode übergeben mußte, einen Platz in unserem Gedächtnis, zwischen denen, die wir schon ausgewählt haben. _ Die Studien von Andre Spire sind vor allem Vorwände, um Ideen auszudrücken, um Kritik zu üben. Der Autor ist streng im Hinblick auf die französischen Juden. Er wirft ihnen vor, zu viel auf dem Altar des Götzen Assimilation geopfert zu haben. Ist in diesen Kritiken nicht etwas Parteinahme? Verdient das französische Judentum, das soundso oft seinen glühenden Wunsch, nicht auf den Glauben Israels zu verzichten, bewiesen hat, alle die Vorwürfe, die der Dichter der „Versets“, (Verse) in einem manchmal herben Tone, aber mit einer Aufrichtigkeit, die nicht weit von Bitterkeit entfernt ist, auf dasselbe häuft? Ich weiß nicht. Mögen andere, die auf diesem Gebiete maßgebender sind als ich, antworten. Ich möchte hier aber unterstreichen, daß Andre Spire zweifellos recht hat, Partei zu ergreifen, denn ohne Parteinahme ist Kritik unmöglich. ..Die Kritik“, sagte schon Baudelaire, „muß parteiisch, politisch, leidenschaftlich sein“. Leidenschaftlich ist sie und vielleicht mehr als es nötig ist. um die zu überzeugen, die überzeugt werden müssen. * Ein Bild — aus verständlicher Ursache! — fehlt in der Galerie der Juden und Halbjuden. Es ist das Andr£ Spires selbst. Wer wird es anfertigen? Welcher Spire wird über Spire das

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