Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 653 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Beilage Jahrhunderte, die fehlen Zu Paul Rießlers „Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel“. Dr. Benno Filser Verlag, G. m. b. H., Augsburg 1928 Man mag die Abfassungszeit des jüngsten Werkes innerhalb des biblischen Kanons noch so spät im 2. Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung ' ansetzen und umgekehrt im Talmud, wie er uns heute vorliegt, bemüht sein, noch so alte Schichten aufzuspüren — es fehlen uns Jahrhunderte, Jahrhunderte, aus denen uns kein unmittelbares jüdisches literarisches Denkmal (außer den Makkabäerbüchern) überliefert ist. Kann der Geist eines Volkes so lange unfruchtbar gewesen sein? Und selbst wenn eine solche Möglichkeit an und für sich bejaht würde, so beweist die Kompliziertheit des Talmuds, daß ihm eine unendlich lange Entwicklungszeit vorangegangen sein muß, die eben in jene unbekannten Jahrhunderte hineinfällt. Abgesehen von diesem untrüglichen literarhistorischen Beweis gab es eine Fülle grundlegender politischer, wirtschaftlicher und religiöser Vorgänge und man kann sich einfach nicht vorstellen, daß diese nicht irgendwie ihren künstlerischen Ausdruck gefunden haben. Die Diaspora entstand, in Palästina selbst verlor das Judentum gegenüber den zahlreichen Sekten immer mehr an Boden, bis es zur Entstehung des Christentums kam, die Römer stießen vor, um endlich im Jahre 70 Jerusalem zu erobern, in Jawneh beginnt die geistige Neuaufrichtung eines entwaffneten Volkes — und wir wissen wenig oder nichts davon, wie diese wiederholten Niederbrüche und Anfänge auf die Gemüter der jüdischen Masse wirkten. Es gibt freilich mehr Überreste, als in jüdischen Kreisen bekannt zu sein pflegt. Die Vorherrschaft der talmudischen Geisteseinstellung hat vieles vergessen lassen oder sogar bewußt vernichtet, was aus den chaotischen Kämpfen jener Tage übrig geblieben war. Daher erklärt sich, daß selbst heute noch eine Reihe jüdischer Schriften, die ein Bindeglied zwischen Bibel und Talmud bilden, nur von der jüdischen Fachwissenschaft, nicht aber von den jüdischen Gebildeten schlechthin beachtet werden. Die Unpopularität beruht z. T. auf der sprachlichen Form, in der diese Schriften überliefert sind und auf der Tatsache, daß viele Fragmente in christlichem oder heidnischem Gewand erscheinen. Doch wird der jüdische Grundcharakter keineswegs hiervon zurückgedrängt und durch Übersetzungen waren schon lange die sprachlichen Schwierigkeiten beseitigt. Es ist nun besonders zu begrüßen, daß nach den Ausgaben Cowleys und Kautzschs eine neue und reichhaltigere Sammlung dieser sogenannten pseudepigraphischen und apokryphen Schriften erscheint, die eine ganze Reihe von Vorzügen hat und in weitesten jüdischen Kreisen verbreitet zu werden verdient. Paul Rießler vermeidet die von Schürer getroffene Gruppierung in palästinischjüdische, d. h. pharisäische, und in jüdisch-hellenistische Literatur, da sich der Herkunftsort der einzelnen Autoren, die sich gerne hinter den Namen der alten Autoritäten verbergen, und ihre religiöse Sektenzugehörigkeit nicht immer feststellen lassen. So wird uns in bunter Abwechslung altjüdisches Schrifttum vorgelegt vom Achtzehngebet an, das durch seine Einreihung in diese Schriften als Produkt seiner Zeit neu verständlich wird, über Apokalypsen, die sich an alle möglichen ehrwürdigen Bibelgestalten, wie Abraham, Moses, Beruch usw. anknüpfen, bis zu Schriften, die sich mehr Erfolg versprechen, wenn sie sich als Werke griechischer Philosophen, Historiker und Dichter wie Aristobul, Aristeas, Eupolemos und Orpheus ausgeben. Hervorgehoben sei noch das einzigartige Exodusdrama des Ezechiel, in dem der Mysterientypus des Mittelalters vorweggenommen zu sein scheint, das Henochbuch mit seinen seltsamen Visionen, die biblischen Erzählungen des Pseudophilo, die Psalmen Salomons mit ihren Römergesängen, die jüdischen Sybillenbücher, wo im Namen der heidnischen Prophetin jüdische Propaganda getrieben wird und eine neue Darbietung der „Sprüche der Väter“. So sehr diese Schriften als solche Interesse beanspruchen, so sehr gewinnen sie durch die dichterisch wertvolle Übersetzung und künstlerische Ausstattung des Rießlerschen Buches. Erläuterungen führen denjenigen in die Literatur ein, der auf Grund der Lektüre der Texte sich in die mit ihnen verbundenen Probleme vertiefen will. Da es sich um Fragen handelt, die in ihren Konsequenzen heute noch aktuell sind, sollten recht viele sich von Rießler auf diesem Weg führen lassen. Bgr. „Juden und Halbjuden66 Das neue Buch von Andre Spire Von J. M i 1 b a u e r (Paris) Andre Spire, der gute französische Dichter und begeisterte Zionist, beging vor einiger Zeit seinen 60. Geburtstag. Nachstehend veröffentlichen wir aus diesem Anlaß eine Würdigung des jüngsten Werkes Andre Spires. (Red.) In der letzten Zeit habe ich den Umfang meiner der jüdischen Frage gewidmeten Bibliothek sehr erweitern müssen. Wenn alle Bücher, die ich jetzt dort untergestellt habe, von gleichem Wert wären wie die, mit denen ich mich heute beschäftigen will, so würde ich es nicht zu beklagen haben. Aber dem ist nicht so, und wenn ich Werke behalte, deren Platz eigentlich woanders als in einer Bibliothek wäre, so deshalb, um später einmal der Generation von morgen sagen zu können: „Das hier druckte man zu meiner Jugendzeit über das Judentum, als die jüdische Frage an allen Ecken der Welt von mehr oder weniger geschickten Kaufleuten hinter den Ladentischen besprochen wurde.“ „Juden und Halbjuden“ ist der Titel des letzten Werkes von Andre Spire, dem Verfasser der „Versuchungen“, der „Lieferanten“, von „Samael“ und von einigen anderen Dichterwerken, die die französische Dichtkunst mit einem neuen Gedankeninhalt bereichert haben. Dieses Werk^setzt sich aus zwei Bänden zusammen. Der erste ist drei Juden gewidmet: Israel Zangwill, Otto Weininger und James Darmstetter. Eine Frage erhebt sich sogleich: was haben