Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 650 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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650 Das Jüdische Echo Nr. 41 deswegen gezwungen, sich nach einem neuen Absatzmarkt umzusehen oder sich den veränderten Umständen anzupassen. Dies kann aber keineswegs als eine durchgreifende ökonomische Krise im europäischen Sinne des Wortes bezeichnet werden. Auch die Finanzlage des Landes wird von dieser ökonomischen Krise überhaupt nicht berührt. Desgleichen wirkt sich diese sogenannte Krise in Handel und Handwerk kaum aus. Was die einheimischen kleinen Industrien betrifft, so werden sie sogar im Gegenteil durch diese Verhältnisse zu einer weiteren Entwicklung angespornt. Und gerade diese Gebiete des Handels, des Handwerks und der kleinen einheimischen Industrie sind doch für die jüdischen Einwanderer von besonderer Wichtigkeit. Man beklagt sich in Argentinien öfters über die ungünstige professionelle Struktur der jüdischen Immigration, da der Prozentsatz der produktiven Elemente gegenüber den Handelselementen kleiner ist. Es wird gegen das „Hausierertum“ plädiert. Wir konnten aber konstatieren, daß gerade in Argentinien diese Angelegenheit nicht mehr so tragisch genommen werden darf, da sich inzwischen eine bedeutende Entwicklung in den Handelsmethoden vollzogen hat und die früheren Hausierer in den großen Genossenschaften organisiert sind, die bald eigene Warenhäuser größten Stils schaffen werden. Eine dieser Genossenschaften hat schon jetzt Millionen Umsatz, und die Mitglieder dieser Genossenschaft P€rL ZAAODCrN BERNHARD ■BAUCH MÜNCHEN SCHÄFFLERSTRASSE 3 KAUFINGERSTRASSE 25 BRIENNERSTRASSE 8 Vornehme Beleuchtnngskflrper Zuglampen Tisch- und Ständerlampen Alabasterschalen J.WINHART&Co. Marsstrasse 7 (am Hauptb.) sind somit keine Hausierer mehr, sondern Kaufleute im europäischen Sinne. Gewiß handelt es sich hier nur um eige Entwicklungstendenz, die sich, nebenbei bemerkt, nur in Argentinien (aber noch nicht in Brasilien und Uruguay) durchgesetzt hat. Daß dies aber überhaupt möglich war, halten wir für ein Symptom der gesunden Entwicklung, wie sie schließlich auch vor Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten vor sich gegangen ist. Schließlich wird ein Einwand, der in allen Einwanderungsländern gebräuchlich ist, erhoben, daß die Zuwanderung von Arbeiterelementen aus Europa die Löhne der einheimischen Arbeiter drücke. Aber Arbeitslohn und die Arbeitsbedingungen bei den einheimischen wie bei den italienischen Arbeitern sind ohnehin so niedrig, daß ein jüdischer Arbeiter gar nicht in der Lage ist, den Argentinier oder den Italiener zu unterbieten. Der jüdische Lohnarbeiter ist einfach nicht imstande, mit dem einheimischen Arbeiter zu konkurieren, da er weder die physische Kraft besitzt, noch ein so anspruchsloses Leben führen kann. Wie traurig es auch sein mag, muß doch zugegeben werden, daß auch die jüdischen Kolonisten eben aus diesem Grunde keine jüdischen Arbeiter einstellen. Es kann deswegen keine Rede davon sein, daß der eingewanderte jüdische Arbeiter als Streikbrecher oder als Lohndrücker wirkt. Im Gegenteil ist der jüdische Arbeiter gezwungen, sich sofort dem Kampf für bessere Löhne und Lebensbedingungen anzuschließen, um überhaupt seine Existenz fristen zu können. Die jüdischen Kreise in Argentinien, die eine positive Stellung zur Einwanderung einnehmen, vertreten den Standpunkt, daß man nur von einer landwirtschaftlichen Einwanderung sprechen kann und rücken deswegen das Problem der weiteren Kolonisierung seitens der ICA in den Vordergrund des ganzen Einwanderungsproblems. Es bestehen somit verschiedene Ansichten in bezug auf die jüdische Einwanderung. Die Aufgabe des Ersten jüdischen Immigrationskongresses war es, ein einheitliches Arbeitsprogramm auf dem Gebiete der Immigration zu schaffen und sämtliche Kreise des argentinischen Judentums zu dieser Arbeit heranzuziehen. Der Kongreß hat auch diese Aufgabe gelöst. Die wichtigsten Ergebnisse des Kongresses sind: 1. Der Beschluß, einen Immigrationsfonds in Höhe von 25 000 Pesos zu schaffen. 2. Die Reorganisierung des Immigrationsschutzvereins in Buenos Aires und der Subkomitees in der Provinz. 3. Festsetzung eines Jahresbudgets für den Immigrationsschutzverein. Alle diese Maßnahmen sind von hervorragender Bedeutung für die Entwicklung der Immigrationstätigkeit in Argentinien. Das argentinische Judentum, das nunmehr ein klares Arbeitsprogramm auf diesem Arbeitsgebiete hatte, entschloß sich, auch finanziell mitzuarbeiten, was der ganzen Frage eine entscheidende Wendung gibt.