Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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648 Das Jüdische Echo Nr. 41 Wicklung der Soziologie, der Wissenschaft der Gruppenerscheinungen in der menschlichen Gesellschaft, nach einer so eingehenden Darstellung des Antisemitismus als Gruppenaffekt, wie sie Arnold Zweig in seinem „Caliban“ gegeben hat, gerade Wassermann, der Schilderer kompliziertester Seelenvorgänge, sich mit derart naiven Formeln zufrieden geben, seine Augen vor der Wirklichkeit verschließen möchte, keine Grenzen mehr. Es kann nach alledem nicht wundernehmen, daß Wassermann die ganze Frage nur unter seinem spezifisch deutsch-jüdischen vom Antisemitismus determinierten Gesichtswinkel sieht, daß er von der Existenz eines jüdischen Problems außerhalb Deutschlands nichts zu wissen scheint und daß er absichtlich die Gewalt und Schnelligkeit des Assimilationsprozesses vergessen möchte, dem augenblicklich die Juden unterworfen sind und der mit geradezu naturnotwendiger Bedingtheit die „weltgeschichtliche Mission“ des Judentums beendigen muß, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird — mit größerer Wahrscheinlichkeit jedenfalls, als die Wiederaufrichtung einer jüdischen Nation das bewirken kann. Aber es ist kein Zweifel mehr — Wassermann dessen ehrliches und aufrichtiges Ringen um die Wahrheit anerkannt werden muß, vermag aus vielen Gründen das jüdische Problem eben nicht richtig zu sehen und er schildert, das erkennt man, sich selbst, wenn er schreibt: „Eine beinahe tragische Schwierigkeit sozialer und geistiger Art entsteht für diejenigen Juden, die sich in die europäische Kultur eingelebt haben oder sogar an ihr tätig mitarbeiten ohne doch imstande zu sein, völlig ein Gefühl in sich zu bekämpfen, das ich die Stammeserinnerung nennen möchte und das, auch bei sonstiger humaner Lebensgestaltung sehr häufig als verkrampftes Ressentiment in der Seele verbleibt.“ Auch Wassermann bringt es nicht fertig über dieses Ressentiment zu siegen und es in freier Menschlichkeit aufzulösen, er so wenig wie Heine, so wenig wie Rathenau, von dem es eben jetzt wieder sein neuester Biograph, Graf Kessler mit aller Deutlichkeit gezeigt hat. Wie wenig indessen auch diese Lösung, die nach Wassermann nicht nur einen entschlossenen Gerechtigkeitswillen sondern auch -„die Einsamkeit einer selbstseienden Persönlichkeit“ erfordert, in Wirklichkeit eine Lösung bedeuten könnte, wie fragwürdig der Wert dieser „Einsamkeit der selbstseienden Persönlichkeit“ im Grunde ist, das zeigt wiederum niemand klarer als Wassermann selbst: „Wenn einer bloß auf sich selbst steht, steht er auf nichts.“ Wassermann steht auf nichts und er hat sich selbst gezeichnet, wenn er schreibt: „Sich von der Vergangenheit abzuschneiden ist das krampfhafte Bestreben des auf sich gestellten Juden, gerade weil ihm Erziehung, Milieu und vielfach Verpflichtung äußerlich, wie innerlich noch an die Vergangenheit binden“. Dichten heißt nach einem schönen Worte Ibsens Gerichtstag übefr sich selbst halten. Der Dichter Wassermann hat in seinen Ausführungen über das Judentum, in denen er das Fazit seiner langen Erfahrungen ziehen möchte, zwar keine Dichtung gegeben, aber er hat vielleicht wider Willen und aus seinem dichterischen Gefühl heraus Gerichtstag gehalten über sich selbst: indem er versucht hat seine persönliche Lösung des jüdischen Problems als die richtige darzustellen, hat er klar bewiesen, daß gerade sie keine Lösung ist, weder eine individuelle noch eine allgemeingültige, hat er die Haltung, die er selbst zur jüdischen Frage einnimmt, auf das schärfste verurteilt. Wassermanns Bekenntnis ist so auch ein Schuldbekenntnis und uns will scheinen, daß er erst dann sich selbst aus der jüdischen Verstrickung befreien kann, wenn er neu und freiwillig sich wiederum an das Judentum bindet — an das nationale Judentum, dessen Regenerationsbestrebungen ja an sich schon einen schlagenden Beweis gegen alle Wassermannschen Theorien darstellen. * Wenn in dieser Auseinandersetzung die Ehrlichkeit und der gute Wille Wassermanns ausdrücklich anerkannt werden, so darf doch nicht verschwiegen werden, daß sich in Wassermanns Ausführungen ein Satz findet, der zu schärfstem Widerspruch und zwar von jeder jüdischen Haltung aus herausfordert — ein Satz, den Wassermann nicht hätte schreiben sollen und den er, wäre er sich seiner Verantwortung voll bewußt geblieben, auch nicht hätte schreiben dürfen. Um die Unehrlichkeit und Gehässigkeit des Antisemitismus zu kennzeichnen, war es nicht nötig zwischen dem bodenständigen deutschen Judentum und dem fremden zugewanderten zu unterscheiden und noch weniger mußte es in dieser Form geschehen: „Kriegs- und Nachkriegsjahre haben vielerlei Unrat und Unflat an die Oberfläche der Gewässer getrieben; unter anderem auch jüdisches Händler-, Schieber- und Spekulantentum sowie die Scharen halbbarbarischer, lebensgieriger, beutegieriger, aber von einem ganzbarbarischen Autokratismus generationenlang in Ghettowildnis gefangen gewesener und infolge des Krieges unglücklicherweise auf Deutschland als auf das Land der europäischen Mitte losgelassener polnischer und russischer Juden“. Wassermann sollte wissen, * SCHOKOLADE-PRALINEN StoüwercK J GOLD *