Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9156908--08835-9081549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das Jüdische Echo Nummer 41 12. Oktober 15. Jahrgang Gerichtstag Wenn ein Jude vor einem großen und bedeutsamen, noch dazu nichtjüdischen Forum über „Judentum“ spricht, so kann er an sich schon darauf rechnen, daß er nicht nur in diesem Kreise gehört wird; wenn Jakob Wassermann, der bekannte jüdische Dichter, der uns noch unlängst erst mit seiner Darstellung jüdischer Probleme im „Fall Maurizius“ aufs tiefste ergriffen hat, das Wort zu diesem Thema nimmt, so hat er ein besonderes Anrecht darauf, auch von der jüdischen Öffentlichkeit beachtet zu werden. Publizität nun ist den Ausführungen Wassermanns, der unlängst in der „Deutschen Vereinigung für staatswissenschaftliche Forschung“ in Reichenhall einen Vortrag über „Judentum“ gehalten hat, durch die Veröffentlichung in einem großen Berliner Blatt und in der C.-V.-Zeitung in genügendem Maße zuteil geworden, und an Beachtung wird es ihnen sicherlich nicht fehlen, schon deshalb nicht, weil sie in vieler Beziehung merkwürdig und typisch sind. Zwar hält sich Wassermann selbst nicht eigentlich für legitimiert, über das Judentum zu sprechen, und er beschränkt sich deshalb in dem, was er sagen will, auf das Gebiet seiner persönlichen Erfahrung; er will Aussagen machen über das Judentum als über eine psychologische Situation, und er unternimmt es also „das Bild eines Zustandes zu geben, dessen soziale Elemente aufs engste, ja fast unauflöslich mit Seelischem und Geistigem verknüpft sind und das letztlich nichts anderes sein will als . . . eine Endsumme schmerzlicher und schwerwiegender Erlebnisse ...“ Wassermann legt zunächst dar, wie und warum er vor einigen Jahren einem sehr ehrlichen und konsequenten deutschen Philosophen und Idealisten, der von ihm die Auswanderung nach Palästina, ja sogar die Führerschaft bei einer großen Auswanderungsbewegung gefordert habe, einen abschlägigen Bescheid erteilte und entwikkelt dabei seine Auffassung vom Judentum. Er kommt zu einer völligen Ablehnung des Zionismus. Die Bezeichnung der Juden als Nation ist ihm ein Grundirrtum — merkwürdigerweise aber, und das ist für die Unsicherheit und Unlogik Wassermanns symptomatisch, verwendet er trotz wiederholter Polemik gegen diese Bezeichnung der Juden als Nation den Ausdruck an anderer Stelle selbst: „Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen,...“ — die Juden sind ihm eine Summe von Individuen, ihre »weltgeschichtliche Mission4 würde zu Ende sein, wenn sie wieder als Nation gelten und anerkannt würden. In einem »visionären Wissen4 vom Gang der Völkergeschichte und Geschicke, das er sich offenbar selbst zuschreibt, glaubt Wassermann, daß es minder verhängnisvoll für das Schicksal der Kulturmenschheit sei, wenn man' die Juden totschlage, austreibe, ihren Namen von der Tafel der Geschichte lösche, als wenn sie selber sich aus der Rolle ausschalteten, die sie durch unerforschliche Berufung bisher in der Welt gespielt haben. Über diese Rolle der Juden in der Weltgeschichte, über ihre „Mission44 hätte man von Wassermann gerne mehr gehört. Besonders wünschte man zu erfahren, mit welchen Mitteln sie heute diese Mission erfüllen können, die ganz vage als Nomadentum, als Verkündertum, Botenschaft, Vermittlertum definiert wird; man hätte gerne gehört, welche Erfolge sie in der Erfüllung dieser Mission bisher aufzuweisen haben und wie es sich in Zukunft damit verhalten wird. Leider aber schweigt Wassermann darüber, und er beginnt von sich selbst zu reden. Man durfte nun wohl erwarten, wenigstens etwas über seine persönliche Einreihung in diesen großen geschichtlichen Prozeß, über seine ureigene jüdische „Botenschaft“ zu hören, aber was erfährt man? Nichts anderes, als daß für Wassermann, nachdem er sich ein ganzes Leben lang mit dem Problem herumgeschlagen, es von allen Seiten betrachtet, von allen Seiten durchleuchtet, seine Schmerzen und Verstrickungen bis an die Grenze des Ertragbaren gespürt hat, nachdem er, wie er selbst zugibt, mehr aus äußerlichen, aus Stolz und Anstandsgründen noch einmal öffentlich die Zugehörigkeit zum Judentum festgestellt hatte, dieses Judesein keine Gültigkeit mehr hat. „Dieses Judesein, wie es in der allgemeinen Auffassung bestand“, schränkt er ein. Es ist nicht klar, was an dieser Stelle Wassermann unter der allgemeinen Auffassung vom Judentum versteht, aber das ist auch verhältnismäßig gleichgültig, und es bleibt nur übrig, mit Bedauern zu konstatieren, daß Wassermann tatsächlich seine innere Loslösung vom Judentum vollständig vollzogen hat, auch wenn er sich gegen den Vorwurf der „billigen Losschraubung“ verwahrt. Die Verteidigung des Rechts auf die deutsche Heimat, die sich daran anschließt, hätte man in solch völliger Inkonsequenz und Verwischung des Problems von dem konstruktiven Denker und Gestalter, von dem Psychologen Wassermann nicht erwartet! „Hat irgend wer in der Welt das Recht, mich, mein Bewußtsein, meine Form um siebenhundert oder tausend Jahre zurückzuwerfen, auszulöschen, was durch die Sprache geschlechterlang in mich geflossen ist, durch die Landschaft, durch die Geschichte, durch die Kunst, durch das stumme Miterleben Jahrhundert um Jahrhundert?“ ruft er pathetisch aus, um sofort danach zugeben zu müssen, daß bis um das Jahr 1850 der größte Teil der deutschen Juden sich noch in „mittelalterlicher Zwangshaft“ befand, daß ihnen Mitleben und Mitschaffen versagt worden war, also gerade das, was er vorher für ein ganzes Jahrtausend seiner Vorgeschichte in Anspruch nimmt. Und wenn er sagt: „Ich kenne nur Menschen, ich weiß nur von einzelnen Menschen,“ so kennt das Erstaunen darüber, daß nach einer ungeheueren Ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.