Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- Seite 626 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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626 Das Jüdische Echo Nr. 39 lllllllllllllllllllli 111111II 1 1 | 111 Feuilleton II IIIIIM ii. i ■ 111 11 .ii Sukkoth Die jüdischen Feste und die an sie geknüpften Sitten und Gebräuche sind ein Bild und eine Verkörperung der Geschichte Israels; ein Spiegel seiner erhabensten Gedanken, ein Symbol seiner geheimsten Träume. Mit Recht hat darum die Thora die jüdischen Feste als ein Andenken an den Auszug aus Ägypten bezeichnet. Denn ist die Geschichte Israels etwas anderes als ein ewiger Auszug? Auszug aus fremdem Lande, Auszug aus fremden Kulturen, Auszug aus sich selbst zu einer vollkommeneren Gestaltung seines nationalen Wesens, Auszug aus der drückenden Beengtheit der flachen Umwelt und ihrer konventionellen und profanen Kleinlichkeiten zur Höhe großer schöpferischer Freiheit — der Trieb und Schwung, der leider oft in einen entarteten Individualismus zerbröckelt. Die Züge der drei Jahrtausende unserer Geistesgeschichte sind am tiefsten und auch am klarsten in der frischen Herbstluft der Sukkah und ihres vertraulichen Schattens enthalten. Wenn ich in der Sukkah sitze, denke ich an den Inhalt dieser uralten, zarten, göttlichen und doch so natürlich menschlichen Volkssitte. Ich gedenke des tiefsinnigen Wortes des großen Baal-Schem, die Sukkah sei eines der erhabensten Gebote. Sie gehöre zu denjenigen Geboten, die am besten geeignet sind, des Menschen Seele zu heben, und zu heiligen; denn wer sie betritt, der befindet sich ganz in der Heiligkeit, von allen Seiten mit dem durch das göttliche Gebot der Sukkah geweihten Raum umschlossen und seine geweihte Luft einatmend. Darum sei man auch nirgends dem Prophetengeist so nahe, wie dann, wenn man in der Sukkah weile. Die schlichte, schöne Sukkah! Nun weiß ich, wie wahr die Lehre unserer alten Kabbalahmeister und der chassidischen Gerechten ist. Ich fühle die Wundergestalten Moses und Aarons, Josefs und Davids, die mit ihrem Märchenzauber den heiligen Sukkahraum füllen. Und mit ihnen kommen alle Gerechten und alle Frommen der alten, längst vergangenen Zeit. Da sitzt er nun unter den Einfachsten, Ungebildeten und Sündigen, so wie er es zu seinen Lebzeiten in seiner Sukkah tat, der alte ehrwürdige Rabbi Levi Jizchok, dessen Name, oder der bloße Name seiner Wirkungsstätte Berditschew genügte, Unheil von Israel abzuwenden. Da sitzt auch der alte, ehrwürdige Rabbi Schalom aus Bels, den einst am Sukkothfeste sein Schüler, der Kamiker, während des Halleigebetes vergeblich suchte. Vergeblich suchte er ihn im überfüllten Bethaus; nur seine erhabene, verzückte Stimme hörte er, die Gestalt sah er nicht. Denn der greise Rabbi Schalom verließ in der Ekstase sein Selbst und verbarg sich mit Leib und Seele in dem kleinen, wohlriechenden Esrog, der göttlichen Mizwah. — Da sitzen sie nun insgesamt in der Sukkah, die Väter und Propheten, Weisen und Könige von Alt-Juda und Israel, da sitzen die Meister der Kabbalah, die frommen, gotttrunkenen Dichter, die chassidischen Gerechten und ihre Schüler und alle die schlichten Frommen und lächeln freundlich unserem Gruße entgegen — dem Herzensgruße ihrer treuen Kin- : der. — Das Andenken frommer Seelen schimmert in unsere moderne, auch in ihrem Materialismus noch materialistische Welt, so wie der Glanz der fernen, erhabenen Sterne zwischen den Nadel-; holzzweigen der Sukkah-Decke durchschimmert. Von dem vorgeschichtlichen, mit der ausgelassenen Adonisfeier der Griechen eng verwandte altisraelitischen Laubhüttenfeste bis zu dieser verklärten Traumwirklichkeit der chassidischen Suk- * kah — welch eine lange Entwicklung, welch ein ' Unterschied!? Die biblischen Angaben über die Art, wie dieses Fest in der altisraelitischen Zeit gefeiert ’ wurde, sind leider zu knapp, als daß wir uns aus ihnen ein klares Bild formen könnten. Hingegen sind die späteren Nachrichten, die uns im Talmud erhalten blieben, recht zahlreich und anschaulich, welcher Umstand an und für sich schon genügt, um uns die große Liebe unserer Vorfahren, die sie diesem schönen Naturfeste entgegenbrachten, zu zeigen. Die Jerusalemer Familien hatten jede ihre eigene, herrlich geschmückte Laubhütte, in der sie während des Festes nicht nur speisten, sondern, wie es bis zum heutigen Tage im Süden Sitte ist, auch schliefen und fast den ganzen Tag verbrachten. Die Bürger Jerusalems statteten einander freundschaftliche Besuche ab, wobei sie ihre, mit Goldkettchen gezierte Lulawim mitnahmen. Jeden Abend wurde am Zion die berühmte Feier des „Wasserschöpfens“ mit besonderem Prunk ' gefeiert. Die sonst immer so ernsten Weisen und Frommen wußten da mancherlei Künste mit ihren angezündeten Fackeln vorzuführen, das Volk i jauchzte und tanzte. Kein Haus gab es in Jerui salem, das nicht im Glanze des Feuers, welches f am Tempelberge brannte, hell beleuchtet worden wäre. „Wer die Freude des Wassenschöpfens | nie gesehen hat, der hat überhaupt nie Freude gesehen.“ Das Volk hat sich wohl noch mehr ver- J gnügt als seine Lehrer und Führer; darum wurde offenbar das Lesen des lebensmüden „Prediger“ gerade für dieses Freudenfest angeordnet, um die zügellose Freude des Volkes zu dämpfen. Um die Sukkothzeit fiel auch das feierliche Darbringen der Erstlingsfrüchte. Jeder, der ein Stück Feld . besaß, war verpflichtet, Erstlinge im Jerusalemer Tempel darzubringen, und möge es auch nur so klein gewesen sein, daß nur eine einzige Getreideähre daraus wuchs, „denn es konnte ja eine Perle darin verborgen liegen“. Mit Gesang und Musik begaben sich in größeren Gruppen die PACKARD 6 und 8 Zylinder in Linie wesentlich niedrigere Preise bei gleicher Qualitäts-Berühmtheit Generalvertreter; GEBR. BEISSBARTH / KOHLSTR. 2 beim Deutschen Museum