Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- Seite 622 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Das jüdische Echo / Blätter für die jüdische Frau Nr. 39 Caf6 Luitpold — Palmengarten Tabarin Luitpold neue Leitung: Hans Keckeisen Erstkl. Küche u.Wirtschaftsführung jederArt zu mäßigen Preisen Täglich nachmittags und abends Konzert Tabarin täglich Künstlerprogramm mit Tanz Telephon 90065, 92799 nur Halbheit und Verlogenheit. Wenn eine Gruppe bei einer Pessachfeier deutsche Volkslieder singen will, so wäre es unsinnig, wollte der Führer das als „unnational“ oder „stillos“ verbieten und seinen Leuten hebräische oder jiddische Lieder aufzwingen. Er wird eine solche Erscheinung aber als Zeichen werten, daß das jüdische Empfinden in ihnen noch nicht stark genug ist, um sie von selbst nach jüdischen Ausdruckformen greifen zu lassen, oder aber (und das kommt gerade beim Singen sehr häufig vor), daß er ihnen nicht die geeigneten Formen geboten hat, und die Konsequenzen daraus ziehen. Wenn, was vor ein paar Jahren in einer Ferienkolonie vorkam, ein völlig assimilierter Jude sich an andere, ebenso assimilierte Juden mit den Worten wendet: „Welche Schande, daß wir, die wir in weiße Gewänder gehüllt, auf Kamelen durch die Wüste reiten sollten, hier sitzen und deutsche Volkslieder singen!“, so ist das nur lächerlich. Aber aus demselben Geist heraus geschehen noch heute Dinge, die gerade, weil sie weniger kraß sind, wirklich gefährlich werden können. Schwierig ist die Frage der Feste. Wir versuchen die Feste unseres Volkes rein national zu feiern, unter völliger Außerachtlassung des religiösen Momentes, und bei manchen Festen, wie zum Beispiel Pessach, ist das auch durchaus möglich. Wenn aber der Tischa b’aw in einem Jugendbund durch Theaterspiele gefeiert wird, mag es sich auch um Szenen aus der Bibel handeln und die Feier als solche noch so eindrucksvoll sein, so stimmt das doch nachdenklich. Denn wenn dieser Tag auch andere Gedanken in uns weckt, als in unseren Vätern, so ist doch zu überlegen, ob wir nicht vor religiösen Formen, die Hunderttausenden heilig sind, so viel Ehrfurcht haben müssen, daß wir ihnen nicht einen Inhalt geben, der ihren Schöpfern als Sakrileg erscheinen würde. Im allgemeinen werden wir die Kinder natürlich auch in das eigentliche religiöse Formenleben des Judentums so weit einführen, daß sie dieser lebendigen Manifestation jüdischen Geistes nicht verständnislos gegenüberstehen. Bei unserer ganzen Erziehungsarbeit aber müssen wir immer wieder zu einer kritischen Einstellung auffordern, immer wieder betonen: „Nehmet nichts an, was euch nicht gemäß ist, heuchelt nicht Begeisterung für Dinge, die euch in Wirklichkeit kalt lassen!“ Wir dürfen nicht vergessen, daß die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, dem Judentum meist völlig entfremdet sind und nicht einfach durch einen Willensakt zu ihm zurückkehren können. Man kann nicht durch einen plötzlichen Entschluß die Ideenwelt, in der man aufgewachsen ist, durch eine andere ersetzen, ohne im Innersten unehrlich zu werden und „Wer seine Stufe fahren läßt und die seines Gefährten ergreift — diese und jene wird durch ihn nicht erfüllt werden“. Jeder muß die Werte des Judentums kennen lernen. Was er sich davon wirklich zu eigen macht, muß dem Einzelnen überlassen bleiben. Daß wir das an sich Wertlose, auch wenn es sich noch so national gebärdet, unbedingt ablehnen und zum Beispiel an gewissen, vom modernen Nationalismus inspirierten „Kunstwerken“, wie Lieder, Bilder usw. schonungslose Kritik üben müssen, ist für uns selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es, daß wir uns immer bewußt bleiben werden, daß alle unsere Arbeit in der Galuth, wenn auch unbedingt notwendig, so doch nur Vorarbeit ist und daß nur in Palästina, wo allein die Gestaltung unseres Lebens ganz in unsere Hand gegeben ist, wo allein aus den zerstreuten, vereinzelten Juden wieder ein Volk werden wird, die neue jüdische Kultur entstehen kann, die wir erstreben und deren Form und Inhalt wir heute kaum noch ahnen können. Volkskindergarten Von Sarah Asarjahu (Tel Awiw) Es gibt Wahrheiten, über die man immer wieder sprechen muß, obwohl sie klar und bekannt sind, damit ihre Erkenntnis tief in das Herz eindringt; denn nur wo Erkenntnis und Wille ist, da ist auch die Kraft. Zur Gattung dieser Wahrheiten gehört bei uns in Erez Israel der Grundsatz von der Notwendigkeit der Volkskindergärten. Bei jedem aufgeklärten Volk, das auf seiner Scholle sitzt und seine Sprache spricht, sind die Aufgaben des Kindergartens groß und bedeutend. Um wie viel größer sind sie noch für unser Volk in Palästina, dessen Wiedergeburt erst beginnt. Ich habe nicht die Absicht, mich bei dem allgemeinen Wert der Erziehung im Kindergarten aufzuhalten. Nach dieser Seite hin ist die Frage meines Wissens in den Augen der Allgemeinheit schon klar. Ich will mich hier nur mit den speziellen Aufgaben unserer Kindergärten beschäftigen, die aus den Sonderbedingungen unseres Lebens erwachsen. Vom nationalen Gesichtspunkte aus, dem der Renaissance unserer Sprache, müssen wir den Kindergarten als Vorstufe zur Seelenbildung des kommenden Geschlechtes werten (denn er lehrt das Kind vielfach das erste hebräische Wort), als den Vorhof unserer hebräischen Schule betrachten. Schon das kleine Kind, das mit wunderbarer Schnelligkeit die Anfangsgründe der Sprache aufnimmt, wird ein fanatischer Kämpfer für das Hebräische in seiner Familie. Freude und innerer Stolz klingen aus den Worten der neu eingewanderten Mutter, wenn sie erzählt, daß ihr Kleiner, der seit einigen Monaten den Kindergarten besucht, schon hebräisch spricht. Und haben wir ein gewichtigeres Mittel in unserer Hand als diese Gefühle der Mutter, um auch ihr unsere Sprache nahe zu bringen? So lernte manche Mutter aus dem Munde ihres Kindes die ersten hebräischen Worte, und nicht nur einer Mutter war das Hebräischschwatzen ihres Kleinen der Anstoß, unsere Sprache zu erlernen, um die Entstehung einer geistigen Kluft zwischen ihr und ihrem Kinde zu vermeiden. . Wir dürfen auch die wichtige Tatsache nicht vergessen, daß der Übergang von den Sprachen des Galuth zu unserer Sprache für Kinder im Kindergartenalter leichter und natürlicher ist als für Schulkinder. Je jünger ein Kind ist, um so leichter eignet es sich die neue Sprache an und vergißt häufig ganz seine frühere, so daß die