Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- Seite 621 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Blätterfiirdie jüdische Frau Nr. 6 München, 28. September 1928 Erziehung zur jüdischen Kultur Ruth Weiß (Wien) Dieser Aufsatz erschien in dem 1. Heft der neuen österreichischen Jugendzeitschrift „Die jüdische Jugend“. Herausgabe: Zion. Landeskomitee für Österreich, Wien I, Kärntnerstr. 28. In jedem Volk vollzieht sich kontinuierlich ein schöpferischer Prozeß, durch den sich alle Lebensformen langsam und in normalen Zeiten fast unmerklich, aber stetig wandeln, dessen Träger das ganze Volk ist und der nur zum Stillstand kommt, wenn das Volk als solches zu bestehen aufhört. Wenn nun dieser Prozeß nicht mehr unbewußt, sondern bewußt vor sich geht, wenn ihm, mit anderen Worten, unter dem Einfluß gewisser Ideen eine bestimmte, als Ideal konzipierte, endgültige Lebensform zum Ziel gesetzt und dementsprechend eine bestimmte Richtung gegeben worden ist, dann bezeichnen wir ihn mit dem Wort „Kultur“. Kultur ist einheitliche Gestaltung des Lebens aus dem Geist, Ausdruck der Gebundenheit an ein geistiges Prinzip, dessen Forderungen alle Lebensforderungen bewußt angepaßt werden. Im deutschen Mittelalter zum Beispiel war dieses Prinzip der Katholizismus, in Indien der Brahmanismus, im heutigen Rußland ist es der Kommunismus. Für jedes andere Volk ist die Frage nach einer anderen Erziehung zu seiner Kultur nur dann besonders aktuell, wenn diese Kultur gefährdet ist, also etwa, wenn es sich um räumlich versprengte Teile des Volkes handelt, oder um eine Generation, die in Zeiten geistiger Umwälzung heranwächst. Denn im allgemeinen nimmt fast jedes Individuum in einem Kulturstaat durch sein bloßes Leben innerhalb des Volkes an dessen Kulturprozeß teil, allerdings je nach den Umständen in größerem oder geringerem Maße. Bei uns Juden liegen die Dinge, wie überall, so auch hier, wesentlich komplizierter. Denn nur bei den Ostjuden kann man ja überhaupt auch nur von Rudimenten jüdischer Kultur noch sprechen. Wir Westjuden aber sind schon seit Generationen aus dem nationalen Leben völlig ausgeschaltet und in andere Kulturkreise hineingewachsen. So entsteht für uns die Frage: Wie können wir uns, wie können wir die jungen Menschen, die wir führen, fähig machen, sich dem jüdischen Kulturprozeß einzuordnen, schöpferisch Anteil an ihm nehmen, ohne unserem Wesen Gewalt anzutun. Erziehung zu dieser Fähigkeit, zu der Fähigkeit mitzuschaffen an dem, was wird, das bedeutet für uns Erziehung zur jüdischen Kultur. Um das zu erreichen, gibt es nur einen Weg: wir müssen den Zusammenhang mit der Vergangenheit und der Gegenwart finden, um die Zukunft schaffen zu können. Daraus folgen von selbst die konkreten Aufgaben, die uns gestellt sind. Wir werden uns zunächst selbst durch eingehende Arbeit die geistigen Werte des Judentums zu eigen machen und dann versuchen müssen, die Jüngeren an ihnen zu erziehen. Ich habe diesen Ausdruck mit Absicht gewählt, denn wir dürfen Bibel, alte Literatur und jüdische Geschichte nicht bloßen Lehrstoff bleiben lassen, der den in der Schule gebotenen ergänzt, sie dürfen nicht nur in Kursen und Vortragsabenden zum Vorschein kommen, sondern müssen immer in uns lebendig sein und durch uns wirken. Daß die Kenntnis des Hebräischen selbstverständliche Voraussetzung für alles weitere ist, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Wir dürfen es aber nicht etwa deshalb lehren, „weil es der Schlüssel zur jüdischen Kultur ist“, oder „weil ein Volk eine eigene Sprache haben muß“, also gleichsam wie ein notwendiges Übel, wie das heute noch manchmal geschieht, sondern wir müssen die Sprache an sich als einen Wert betrachten und, wenigstens wenn wir es mit Älteren zu tun haben, in ihren Geist einzudringen versuchen und die Wechselwirkung zwischen der Gestalt der Sprache und der Art des Denkens aufzeigen. Diese rein wissensmäßige Erfassung des Judentums allein genügt aber nicht. Wir müssen auch den Zusammenhang mit dem lebendigen jüdischen Leben, das heißt: mit dem Ostjudentum und den anderen noch lebendigen Teilen des jüdischen Volkes wiederfinden. Am leichtesten wird das durch eigene Anschauung möglich sein; wir haben die Erfahrung gemacht, daß eine Ferienreise in den Osten das Gefühl der Zugehörigkeit zum Volk in ganz unglaublichem Maße zu vertiefen vermag. Im übrigen werden wir vom Leben der Ostjuden erzählen, das Interesse für die jiddische Sprache und Literatur zu wecken versuchen und vor allem wieder zeigen, wie sich all die Dinge, die wir nur lehren und lernen können, bei den Ostjuden in der ganzen Gestaltung ihres Lebens praktisch auswirken. Damit sind wir bei dem sehr schwierigen Kapitel der Formen angelangt. Da uns einerseits die Formen unserer Umwelt nicht mehr entsprechen, anderseits aber unser jüdisches Empfinden noch nicht so stark ist, daß wir aus uns heraus neue Formen schaffen könnten, versuchen wir auch hier an das Ostjudentum anzuknüpfen. Dabei kann nun aber vor einer Gefahr nie genug gewarnt werden: Wir dürfen nicht jüdische Formen annehmen, im Vertrauen darauf, daß sich der Inhalt dann von selbst einstellen werde. Das Resultat wäre immer pemausblldung AlineSanden I Kammersängerin I an der Münchener Staatsoper | Ausbildung bis zur Bühnenreife Für verbildete Stimmen besonderen Privatunterricht Anmeldung, Prospekt, Gernerstraße 15 München, Fernsprecher Nr. 63 7 00