Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- Seite 565 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 565 General Motors Automobile _ ___ Chevrolet LORIN/ER & CO Oakland NymphenburgerStraße128/Telephon 61836 La Salle mehr bereiten, wenn man mit einzelnen Bestimmungen seiner Verfassung, wie sie nun durch die Beratung der Vertreter der Landesverbände festgesetzt ist, nicht ganz einverstanden ist. E i n Einwurf gegen diese Verfassung sollte jedenfalls endlich aus der Debatte verschwinden: Ein Reichsverband, aufgebaut unabhängig von den Landesverbänden und nicht durch diese getragen, kann die Aufgaben, die ihm gestellt werden, nie und nimmer erfüllen. Ein solcher könnte zwar die jüdischen Probleme theoretisch dauernd diskutieren, müßte aber praktisch sich darauf beschränken, den Landesverbänden als den Inhabern der Finanzgewalt die Durchführung seiner Beschlüsse zu empfehlen. Damit würde er aber seine wirkliche, ernsthafte Bedeutung, vor allem eine führende Stellung im jüdischen Leben Deutschlands sich von Anfang an selbst absprechen. Man lasse daher das Argument von dem partikularistischen Aufbau des Rcichsverbandes, von der Schaffung einer jüdischen Mainlinie usw. aus der Debatte. Wir können, solange in Deutschland die Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften — und nur als solche haben wir das Recht öffentlicher Körperschaften und das Besteuerungsrecht — landesrechtlich behandelt werden, uns nur nach Ländern kraftvoll organisieren und der Reichsorganisation nur in Form eines Zusammenschlusses der Landesorganisationen die Stellung geben, die sie braucht, um ihren Aufgaben gerecht zu werden. Über die Frage des mehr oder minder demokratischen Aufbaus der Reichsorganisation — direkte oder indirekte Wahlen zur Reichstagung, Aufgaben der Tagung — mögen die Meinungen auseinandergehen und nicht alle Wünsche durch den vorliegenden Entwurf restlos befriedigt sein; trotzdem sollte man das Zustandekommen des Reichsverbands daran nicht scheitern lassen. Wer eine Zusammenfassung der jüdischen Kräfte für nötig erachtet, wer insbesondere eine repräsentative Vertretung des deutschen Judentums gegenüber der gesamten Außenwelt wünscht, wie wir sie zum Beispiel dann brauchen, wenn die Jewish Agency zur Wirklichkeit werden soll, der sollte trotz aller Bedenken dieser Art sich zur Schaffung eines Reichsverbandes bereit finden. Es handelt sich um* die Gründung eines gemeinsamen Organs der deutschen Judenheit, das uns bisher fehlt, das allein aber in der Lage ist, repräsentativ und organisatorisch gestaltend die Zukunftsaufgaben der deutschen Judenheit zu erfüllen. E. S. Zur jüdischen Sportbewegung Von Dr. Felix A. Theilhaber (Berlin) Zu den unsympathischen Erscheinungen — man könnte ohne Übertreibung auch kräftigere Worte wählen — unter denen der Kampf und der Boykott gegen den Zionismus sich vollzog, gehörte auch die Ablehnung der körperlichen Ertüchtigung durch die jüdische Turn- und Sportbewegung. Als von der Tribüne des ersten Zionistenkongresses die physische Regeneration des jüdischen Volkes gefordert wurde, versagte die ganze offizielle Judenheit. Keine jüdische Gemeinde, keine jüdische Organisation zeigte nur ein klein bißchen Verständnis für die große Arbeit, die hier zu leisten war. Heute gehört die Gymnastik, das Wandern und Turnen zum selbstverständlichen Ziel der jüdischen Jugend, für die Vereine der Orthodoxie sowohl wie der Neutralen und Zionisten, kurz aller Richtungen und erst recht derer ohne jede Richtung. Der Bannstrahl, der noch vor kurzem die jüdische Turnerschaft ob ihrer Absentierung, ihrer Aussonderung aus dem übrigen Volkskörper der Nichtjuden, ob ihrer Verleugnung der Angleichung an die Umwelt aus Prinzip und in der Taktik, getroffen, ist vergessen, zum mindesten getrauen sich die Feinde der Turnerschaft von gestern, die alten Notabein, nicht, ihre eigene Jugend zu schelten, weil diese sich selbst zu Spiel und Sport zusammengefunden. Wobei unter Spiel nicht an die Betätigung am Kartentisch gedacht ist, die stets als beliebte Übung in vielen ausschließlich jüdischen Klüngeln, gesellschaftlich mit mehr oder minderer Exklusivität gestattet gewesen ist. Nun haben wir, die ursprünglich mißachteten, verketzerten und verlachten Ideologen, die wir uns auf der Fahrt, am Turnboden oder im schwankenden Boot fanden, nicht gedacht, das Spiel ausschließlich nur um des eigenen Körpers willen zu suchen. Die jüdische Turnbewegung schuf der weitausladende, befruchtende Gedanke der Erlösung der ganzen Judenheit. Gewiß zuerst im hygienischen Sinne, der in dem weitgestreckten Ziel, den letzten aus dem Volke zu erfassen, ihn einzureihen und mit fortzureißen, ihn einzugliedern und ihn zu erziehen. Das offizielle Judentum, das für einzelne Arme, für Nervöse und Erholungsbedürftige Medikamente, Krankenbetten und Badekarten bereitstellte, war der Abglanz einer Wohltätigkeitsinstitution, die ihre Schnorrgelder alten, verbrauchten, arbeitsunfähigen Menschen großzügig zur Verfügung stellten, deren Anhänger es aber ablehnten, persönlich das Opfer zu bringen, mit ihrer eigenen Person an dem Werk der physischen Erneuerung Anteil zu nehmen. Die kleinliche Mizweh-Politik, die eine ghettohafte Assimilationsfurcht belastete, ließ selbst an sich anständige und ehrenwerte Juden die Bedeutung der großen Linie und das Werden der jüdischen Renaissance übersehen. Schon vom sozial-hygienischen Gesichtspunkt aus mußte das Rechenexempel unwiderlegbar für die Arbeit der jüdischen Turnerschaft sprechen. Ein Sportplatz spart drei Krankenhäuser! Mit diesem Schlagwort glaubte ich bereits vor Jahren denen die Augen zu öffnen, welche die Wohltätigkeit nur für Ferienheime und Fürsorgestätten aufriefen, statt einen Teil der Gelder und der Arbeit der grundlegenden fruchtbringenden Hygienisierung der großen Massen zuzuwenden. Die körperliche Ertüchtigung der gesamten jüdischen Jugend durfte dabei nicht Selbstzweck sein, solange Körper und Seele Bezirke sind, die ihre innere Verknüpfung besitzen. Darum war die Organisation der jüdischen Jugend zu Turnen und Sport nicht ein rein hygienisches Unterfangen, sondern eine der größten er-