Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-08-31 · 35 (31.8.1928) · p. Seite 556

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
Seite 556 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9156900--08738-9081452
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

556 Das Jüdische Echo Nr. 35 SHufftner pianino gebraucht in tadellosem Zustand für RM. 1250.— zu verkaufen auch gegen kleine Monatsraten P i an o | ö u ü ALFRED SCHMID NACHF. München, Residenzstr. 7 (gegenüber der Hauptpost) sich, wie an hundert Ketten in der Faust eines Dämons hangend, schüttelt rhythmischer Überschwung hier die Männer, dort die Frauen. Dem Tänzer tritt Schaum vor den Mund. Weit sind die Augen vorgequollen, er taumelt im Rausch der Besessenheit. Da tritt der Scheich zu Ihm, streicht ihm die Stirn, spricht ihn beschwörend an, weckt ihn zur Ernüchterung. Der Marktplatz von Tiberias ist leer. Lachen irischen Blutes rauchen und trocknen ein. Hoch auf der Straße am Kinereth klingt die Marschmusik der Abziehenden. Die Frauen kauerten noch wie im Traum auf dem Steinwall, dicht gedrängt, in brünstigem Schweigen. Dann schleichen sie fort. Am Montag dürfen sie baden Im „Berliner Tageblatt“ finden wir den folgenden Bericht aus Budapest, der die entwürdigende Situation, in der die ungarischen Juden zu leben gezwungen sind, blitzlichtartig beleuchtet: Budapest. Cegled ist ein kleines ungarisches Städtchen mit rund 40 000 Einwohnern, eine Stunde Eisenbahnfahrt von des Landes Hauptstadt Budapest. Der Reporter einer Budapester Tageszeitung fuhr dahin, um einmal zu sehen, wie der Aprikosenüberschuß dieser obstreichen Gegend den Weg nach Deutschland nimmt. Frühmorgens hielt er auf dem Markte Umschau. Es war ein heißer Tag. Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf die Stadt, wie sie nur in der ungarischen Tiefebene, im Alföld, zu sengen vermag. Der Reporter erledigte sein Pensum und beschloß dann, ins Personalia Rosa Werner Am Montag, dem 27. August, ist in Bad Tölz Frau Rosa Werner, die Witwe des bei allen Mitgliedern der Münchner Gemeinde in verehrungsvoller Erinnerung fortlebenden Rabbiners, Professor Dr. Coßmann Werner, verschieden. Die Nachricht von ihrem Hingang wird kaum eine Münchner jüdische Familie ohne tiefe Anteilnahme gelassen haben, fühlte doch ein jeder, daß Frau Professor Werner alle Mitglieder der Gemeinde mit ihrer Sorge und Liebe umfaßte. Ihr Gatte, Rabbiner Dr. Werner s. A., war im Jahre 1894 Bad zu gehen. Mitten in dem schönen Stadtpark breitet sich einladend ein Schwimmbad aus. Ahnungslos will der Reporter an der Kasse eine Karte lösen. Die Kassiererin steckt den Kopf aus dem Schalter, mustert den jungen Mann vom Kopf bis zu den Füßen und fragt ihn endlich: „Wes Glaubens sind Sie, mein Herr?“ Der Reporter macht große Augen und antwortet dem wißbegierigen ältlichen Gretchen mit der verärgerten Gegenfrage: „Was kümmert Sie das?“ Die Hüterin des Bades, auf diese Gegenfrage sichtlich vorbereitet, weist stumm nach einer Tafel am Eingang, auf der der Reporter nun liest: „Juden können laut Beschluß des Magistrats nur Montag baden!“ Der Reporter ließ das Bad Bad sein, ihm war es wichtiger, diesem Verbote „nachzugehen“. Und er erfuhr folgendes: Tatsächlich hatte der Stadtrat von Cegldd, und zwar schon vor Jahren, am 4. August 1921 einen derartigen Beschluß gefaßt und unter anderem mit der Feststellung motiviert, daß „die Angehörigen der jüdischen Rasse das städtische Schwimmbad in einem der Verhältnisziffer ihrer Seelenzahl nicht entsprechendem Maße in Anspruch nehmen.“ Der historischen Wahrheit Genüge leistend, soll nur noch festgestellt werden, daß die Juden (es sind ihrer in Cegled etwa 1000) auch an den Montagen nicht in der städtischen Schwimmschule baden, sondern in ihren Häusern Badezimmer (zumeist mehrere Familien gemeinsam) einrichteten und so daheim baden, oder aber nach Budapest fahren. Der Reporter war auch noch begierig zu wissen, ob der Beschluß nicht nur aus Vergeßlichkeit so lange Jahre hindurch bestehen blieb, und suchte den Bürgermeister auf, um Seine Herrlichkeit auszufragen. Und der Lord-Mayor von Cegled erklärte: An eine Abänderung dieses Beschlusses, / der einstimmig gefaßt und durch den Minister des Innern genehmigt worden war, sei nicht zu denken, da der Stadtrat nie seine Einwilligung hierzu geben würde. Aber setzte das pfiffige Bäuerlein hinzu, Cegled braucht dringendst ein modernes Bad, habe jedoch kein Geld, ein solches zu bauen. Die jüdischen Banken und die jüdischen Bewohner unserer Stadt sollten ihre Vaterlandsliebe und ihren Lokalpatriotismus damit beweisen, daß sie das nötige Geld zusammenschießen — dann würde das alte Bad und mit ihm auch der alte Beschluß des S.tadtrates „demoliert“ werden! a. s. von Danzig, wo er das Rabbinat versehen hatte, an die Spitze der Münchner Gemeinde berufen worden. An seiner Seite hat die nunmehr Verstorbene während 24 Jahren gewirkt, ihrem Mann und seiner Arbeit als Helferin zur Seite stehend, vor allem aber auch als selbständige Organisatorin und Leiterin des Wohlfahrtswesens unserer Gemeinde. Diese Arbeit hat sie auch fortgeführt, nachdem ihr vor 10 Jahren ihr Mann durch den Tod entrissen worden war. Sie selbst, die bescheidene, die sich immer im Schatten ihres Mannes gehalten hatte, bewies in diesen Jahren der Trauer und des Leides trotz ihrer durch Alter und Krankheit geschwächten Gesundheit die Kraft ihrer Persönlichkeit in erhöhtem Maße. Vor etwa zwei Jahren konnte die Gemeinde ihr aus Anlaß ihres 70. Geburtstages den Ausdruck der beson-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.