Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- Seite 555 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 35 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage 555 ili lllliliN Feuilleton | 1 T 1 lllll IT! '111 Schrei im Morgen Von Otto Abeies Zur guten Stunde — mich fröstelt in der Seele — taucht die Erinnerung an ein heißes Erlebnis auf, umhüllt mich, trägt mich fort. Früheste Morgenstunde in Tiberias. Den Horizont im Osten säumt ein Purpurband, scharf, knallig, unglaubwürdig, wie von Kinderhand längs der Hügelkette geführt. Die Wipfel der Palmen fangen Feuer, der See Kinereth brodelt im Morgenwind, weit, weit im Westen, aber doch zum Greifen nahe, flammt der Scheitel des Berges Hermon auf. Dann, im Bruchteil der Minute, ist alles vom grellen Licht überflutet. Hier erhebt sich nicht gähnend der Tag, hier stürzt er aus der Nacht. Mit einem heißen Griff hat die Sonne die Märchenstadt enthüllt. Schwarze Häuser, aber nicht vom Alter gedunkelt, in Schmutzkrusten vermummt. Frische, edle, mattglänzende Basaltquadera, durch das Gitterwerk blendend weißer Kalkrahmen zusammengehalten. Von diesen kräftigen Bauten und den Ruinen der Stadtmauer umhegt, drängelt sich der lachhaft verfilzte Knäuel der Gäßchen. Auf der Straße, die längs des KJnereth bergauf führt, bewegt sich stadtwärts eine schwere, dicht am Boden kriechende Staubwolke, von Fahnen, gezückten Krummschwertern, bewimpelten Lanzen überragt. Und von drei Reitern geführt. Jetzt hallen die Schritte der Pferde vom Gewölbe des Stadttores wider, die glasdünnen Passagen der Holzflöten, die dumpfen Wirbel der Trommler. Romantischer Aufzug am Marktplatz. Ein Scheich, hoch auf weißem Zelter, dunkelbraune Araber im kriegerischen Schmuck, einer hält die Kiinge zwischen den Zähnen, wild steigt sein Ruf aus geschlossenem Mund auf und er schwingt die Fahne mit beiden Armen. Die Schwerter klirren aneinander, das gespannte Ziegenfell dröhnt, die bizarren Flötenläufe münden in ein langsam gezogenes Unisono — plötzlich reißt das Stimmgewirr ab. Grabesstille. Der Scheich ist abgestiegen, ungeheure Spannung lagert über den winkeligen Platz, dem Herzstück von Tiberias. Eine Schar von arabischen Jünglingen tritt in die Mitte. Sie legen sich, das Antlitz der Erde zugewandt, flach nieder, Leib an Leib. Der Scheich besteigt den Zelter und reitet über das Menschengepflaster. Mit herrlicher Grandezza setzt das Roß Huf vor Huf auf die entblößten Rücken, erzern sitzt der Reiter im Prunksattel, vom golddurchwirkten Mantel umflossen, hingegeben der grausam-heiligen Zeremonie. Wessen Seele rein ist, der darf den Tritt der Hufe nicht fühlen. Lautlos liegen die Jünglinge. Nach dem ersten Ritt über die Menschenbrücke setzt Gebet ein, hebt Musik an, keimt Paukenwirbel. Der Reiter wendet das Roß, wiederholt den Ritt, fünfmal, zehnmal. Von Zuruf, Schenkeldruck, Paukenschall angefeuert, tänzelt das edle Tier rasch und rascher mit kurzen, unendlich anmutigen Schritten über die schweißtriefenden Rücken. Eine Schulter blutet, blaue Striemen schwellen auf. Kein Schmerzenslaut. Inbrünstiger Gesang klingt dumpf unter den schwer atmenden Körpern in die Karte glühende Erde. Der fliegende Atem der Jünglinge jagt Staubschwaden auf. Und jetzt, da der Gottesdienst beendet ist, da die Körper aufschnellen, die sehnigen Männer in Verzückung dastehen, feurigen Glanz in den Augen, wird drüben auf dem kleinen Steinwall ein schwarzer Flecken lebendig. Die Araberfrauen, dicht verhüllt, bisher stumme, pagodenhaft starre Zaungäste der heiligen Handlung, neigen die Stirnen zu den Männern dort im Kreis der Waffen, Fahnen, Instrumente. Die Blicke durchschießen die dichten Hüllen ihrer Gesichter und umschlingen die Jünglinge, deren Leiber die Pferdehufe zermürbten. Die Brust seufzt, die Schenkel zittern, die schwarzvermummte Weiberschar bäumt sich unter der Peitsche des Verlangens. Da stößt eine — weiß stechen zwei Reihen blitzender Zähne durch den Schleier — mit klassischer Kraft und Unbekümmertheit den Schrei der Sehnsucht aus. Enger schließen sich die Frauen um die Schwester, die für alle rief. Schrei in den Morgen. Auf dem freien Platz im Ring der Krieger und Spielleute hat er gezündet und einen der Männer in ekstatischen Tanz gerissen. Die Pauken rasen, die Flöte übernimmt "P £■ L ZAA OD£A/ SCHÄFFLERSTRASSE 3 KAUFINGERSTRASSE 25 BRIENNERSTRASSE 8 373425687839^23473193^405^