Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 32 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- Seite 509 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Das Jüdische Echo 5ü9 wohnte — nicht deshalb, weil ihn niemand gekannt hätte; alle kannten Finkeistein. Finkeistein war ein guter Bekannter. Alle kannten ihn, er war ihr „Bekannter“; doch es fiel niemanden ein, sich für ihn zu interessieren. Finkeistein war eben Finkeistein. Er kam abends ins Kaffeehaus, ging langsam in seinen Winkel, setzte sich hin und zündete seine Zigarette an. Manchmal erinnerte sich der Kellner, Mr. Hartmann, seiner, trat an seinen Tisch und reichte ihm gewohnheitsmäßig die Karte, obwohl er wußte, daß Finkeistein niemals die Karte benützte. Gewohnheitsmäßig nahm Finkeistein die Karte, warf einen Blick hinein und schob sie wieder weg. Noch ehe er den Blick in die Karte geworfen und sie weggeschoben hatte, sprach schon Mr. Hartmann, der Kellner, wie zu sich selbst: Einen Schwarzen und ein Sandwich. Einen Schwarzen und ein Sandwich — sagte ihm Finkeistein nach. Manchmal sagte der Kellner gar nichts, sondern nickte Finkeistein . mit dem Kopf zu; dann antwortete Finkeistein mit einem Kopfnicken, und der Kellner brachte ihm eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Sandwich. Doch das geschah nur, wenn der Kellner ihn bemerkte. Oft aber vergingen Stunden, ohne daß ihn der Kellner bemerkt hätte und auf ihn zugegangen wäre. Denn Finkeistein gehörte zu den Menschen, die man nicht bemerkte.- So saß er stundenlang, die Zigarette im Mund und dachte nach. Gewöhnlich saß er dte ersten Stunden in Nachdenken versunken allein an seinem Tisch, später am Abend aber, wenn das Kaffeehaus voll wurde, setzte der Kellner verschiedene Gäste, Bekannte und Fremde, an Finkelsteins Tisch. Rings um ihn plauderten Menschen, lachten, diskutierten. Finkeistein saß dabei und hörte kaum zu, als säße er nicht im Kaffeehaus, sondern weit, weit entfernt. Seine Hände lagen übereinander. Seine Augen, die immer kleiner wurden und sich hinter den Lidern versteckten, blickten in weite Ferne. Seine Stirn runzelte und glättete sich, runzelte sich wieder und glättete sich. Manchmal trat auf seine Lippen ein Lächeln, ein Lächeln, das sozusagen nach innen ging. Dann leuchteten seine kleinen schwarzen Augen auf, blitzten lebhaft und er fuhr mit einer raschen Handbewegung nach seinem Schnurrbart. Indem so seine Hand nach dem Schnurrbart fuhr, glaubte er, er habe einen Nachbarn unversehens berührt und sagte lächelnd: Verzeihung. Dann sah ihn der Nachbar erstaunt an. Hier und da aber lag auch bittere Traurigkeit auf Finkeisteins Gesicht. Dann hing sein kleiner schwarzer Schnurrbart melancholisch herab und fiel geradezu über die Lippen; seine Augen wurden noch kleiner als sonst, versteckten sich noch tiefer hinter den Lidern und blickten schwach und trüb. Sein Gesicht hatte dann einen Ausdruck so tiefen Mitleids mit sich selbst und drückte so viel Resignation aus, daß man, wenn man ihn ansah, meinen konnte, die Welt ginge unter und alles sei zu Ende. Diese Ausdrücke der Freude und der Trauer erschienen jedoch auf seinem Gesichte nur einen Moment lang, zumeist hatte es die Hülle tiefen Nachdenkens. Es lag darauf nicht das Nachdenken über ein schweres Problem, das zu lösen ist, auch nicht die Nachdenklichkeit der Sorge, sondern das Nachdenken des Träumers. Wenn man ihn so am Tischchen sitzen sah, umgeben von fröhlich plaudernden Menschen, so wußte man: dieser Mann war nicht hier am Tischchen, nicht hier im Kaffeehaus im Osten Neuyorks, sondern irgendwo in weiter Ferne, in Gegenden und Zonen, die nur er allein kannte. Manchmal kam es vor, daß ein „Bekannter“, der sich an Finkeisteins Tisch verirrte, ihn fragte: Mr. Finkeistein, woran denken Sie den ganzen Abend im Kaffeehaus. Finkeistein fuhr bei dieser Frage wie aus einem Traum empor, sah den Bekannten erstaunt an, lächelte in sein schwarzes Schnurrbärtchen hinein und anwortete dann unsicher: Ach, man sitzt so, und da denkt man eben nach. Doch die Bemühungen des Bekannten, Finkeistein in ein Gespräch zu verwickeln, scheiterten. Finkeistein kehrt sofort wieder in seine Welt zurück, aus der ihn der Bekannte für einen Augenblick gerissen hatte. So saß er wieder allein, in sich versunken, bis die letzten Gäste das Kaffeehaus verließen. Dann trat Mr. Hartmann, der Kellner, an sein Tischchen, räumte den Aschenbecher und das Salzfaß ab und sagte, an seinen Worten würgend: Gute Nacht, Mr. Finkeistein. Finkeistein erhob sich, zog seinen Pelz an und ging, indem er den letzten Stammgästen, welche noch bei einem Tisch zusammensaßen, „Gute Nacht“ sagte. Die Gäste waren, da sie solange im Kaffeehaus saßen wie er, seine „Bekannten“. Manchmal bemerkte einer dieser „Bekannten“, daß Finkeistein ging, und beantwortete seinen Gruß mit einem Kopfnicken, doch meistens geschah das nicht, denn Finkeistein war einer von den Menschen, die man nicht bemerkt.- Eines Tages war Finkeistein verschwunden. Zuerst bemerkte man es gar nicht, da ja Finkeistein überhaupt nicht bemerkt wurde. Als aber ein paar Abende vergingen und Finkeistein im Kaffeehaus nicht gesehen wurde, begann man sein Fehlen zu bemerken. Als erster machte Mr. Hartmann, der Kellner, auf das Verschwinden des Mr. Finkeistein aufmerksam: Der Mann ist wahrscheinlich krank. Man müßte eigentlich zu ihm gehen und nach ihm sehen — sagte einer von Finkeisteins Bekannten. Er hat wahrscheinlich niemanden, der ihm ein Glas Wasser reichen könnte, fügte ein anderer hinzu. So ein Mensch kann dahingehen, ohne daß eine lebende Seele dabei ist, sagte der Doktor, der am Tische saß, und streifte die Asche seiner Zigarre ab. Mitten in dem Gespräch über Finkeistein brachte jemand eine Zeitung mit einer sensationellen Nachricht über Deutschland. Und da die meisten Besucher des Kaffeehauses aus Österreich stammten, waren alle an der Nachricht über Deutschland lebhaft interessiert, und das Gespräch ging bald auf das politische Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich über. Finkeistein wurde vergessen. Als ein paar Wochen vergangen waren, ohne daß Finkeistein aufgetaucht wäre, erinnerte man sich seiner wieder. Wo ist der Mann hingekommen, der immer an dem Tischchen dort saß? Der, welcher den Pelz mit dem eigenartign Kragen trug? Ja, der, wohin kann er gekommen sein? Wahrscheinlich ist er krank geworden. Er ist gewiß in seine Heimat zurückgefahren. Vielleicht ist er am Ende gestorben? riet ein anderer. Vielleicht ist er gestorben — sagte der Doktor und streifte die Asche seiner Zigarre ab... Eine sonderbare Sache bemerkte jemand nach einer kurzen Pause des Schweigens. — Habt ihr 999999^