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Das jüdische Echo · 1928-08-03 · 31 (3.8.1928) · p. Seite 478

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
31 (3.8.1928)
Date
1928-08-03
Page
Seite 478 (sequence 14)
Language
German
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Literarische Beilage Die Pharisäer Von Travers Herford Der englische Theologe Travers Herford hat schon vor etwa 15 Jahren eine wertvolle Arbeit über die Pharisäer erscheinen lassen. Es ist sehr selten, daß ein christlicher Geistlicher sich von der parteiischen Darstellung im Neuen Testament freimacht, durch die die Bezeichnung „Pharisäer“ fast gleichbedeutend mit „Heuchler“ geworden ist. Für die Erkenntnis des Urchristentums und seiner Vorgeschichte ist die Kenntnis des Pharisäertums geradezu ein Angelpunkt, und es ist heute nur noch eine Frage der Zeit, wenn —■ wenigstens die liberale christliche Theologie ■— den jüdischen Voraussetzungen stärkere Gerechtigkeit widerfahren läßt, als bisher geschehen. rst. Daß der Pharisäismus als ein Element in der religiösen Entwicklung der Menschheit eine Bedeutung hatte, wird von keinem geleugnet. Denn wenn das Judentum eine Vorbereitung auf das Christentum war, wie es allgemein angenommen wird, dann hing diese Vorbereitung größtenteils, wenn nicht gänzlich, vom Pharisäismus ab. Zwar verwarf das Christentum gerade das, was für die Pharisäer besonders charakteristisch war, nämlich die Halacha, und äußerte seine Mißbilligung über die Pharisäer und ihre Wege in Ausdrücken von auffallender Schärfe. Das Christentum verdankte dem apokalyptischen Typ des Judentums viel mehr als dem pharisäischen, soweit es sich um unmittelbaren Einfluß handelte. Aber die Pharisäer waren es, die die Synagoge entwickelt haben, und es ist außer Frage, daß das Christentum der Synagoge als einer Institution, durch die die Religion in der Richtung persönlicher Frömmigkeit, ohne Priester und Ritual, gefördert wurde, sehr viel verdankte. Und ebenso waren es die Pharisäer oder genauer die Schriftgelehrten, die die hebräische Bibel gesammelt und geordnet haben, ohne die dem Christentum das Hauptmittel gefehlt hätte, um der heidnischen Welt die Wahrheit seiner Botschaft zu beweisen. Und die allgemeine ethische Lehre, die vom Christentum übernommen wurde, war ganz gewiß, wenn auch nicht ausschließlich, pharisäisch. Das Judentum, aus dem das Christentum herauswuchs, war keineswegs ganz und gar pharisäisch; das Christentum wurde zweifellos von all den verschiedenen Typen des Judentums, die es vorfand, beeinflußt. Aber dennoch war der Pharisäismus der einzige, der am meisten selbsterhaltende Lebenskraft besaß, und der daher den stärksten direkten und indirekten Einfluß auf das Christentum ausüben konnte. Es war ein lebendiges Judentum, aus welchem das Christentum hervorging, und sein Leben pulsierte am stärksten im Pharisäismus. Wenn nun die Bedeutung des Pharisäismus wirklich nur darin bestanden hätte, das Judentum befähigt zu haben, den Weg für das Christentum vorzubereiten, dann würde notwendigerweise folgen, daß der Pharisäismus mit dem Auftreten des Christentums verschwinden oder doch wenigstens seine Lebenskraft und seinen Wert als Religion einbüßen mußte. Das ist nun auch tatsächlich die übliche christliche Ansicht, und vom christlichen Standpunkt aus ist eine solche Ansicht sehr natürlich. Paulus versuchte, wie wir gesehen haben, die Tatsache der fortdauernden Existenz des Judentums durch seine Theorie zu erklären, nach der Israel mit Blindheit geschlagen war, die dauern wird, „bis die Fülle der Heiden eingegangen sein wird“.1 Schließlich kennte selbst Paulus nicht ganz vergessen, was er in bezug auf die Religion, die einst seine eigene gewesen war, gefühlt und geglaubt hatte und in bezug auf das Volk, dem er einst angehört hatte. Aber die Kirche nahm seine Ansicht nicht an, und statt dessen vertrat sie den Standpunkt, daß die Stunde des Judentums geschlagen habe und sein Erbe nun einem andern übergeben worden sei. Christus habe die Autorität des Gesetzes für nichtig erklärt, und diejenigen, die noch immer dem Gesetze anhängen, würden sich nur an ein Phantom klammern. Die Juden hätten Christus verworfen, und das bedeutete ihr Ende. Der Verlust ihres Tempels und die Vernichtung ihres Landes seien die deutlichen Zeichen, daß Gott mit ihnen abgerechnet hätte. Diese ganze Theorie stellt sich entschieden als falsch heraus, und zwar auf Grund der unleugbaren Tatsache, daß das Judentum und genauer der Pharisäismus weder damals noch je seitdem untergegangen ist. Ja, und was noch mehr ist, das Aufkommen des Christentums schwächte nicht einmal seine Lebenskraft und beeinträchtigte keineswegs seinen Wert in den Augen seiner Anhänger. Durch die furchtbaren Leiden, die sie infolge der zwei großen Kriege, gegen Vespasian und gegen Hadrian, trafen, wurde der Glaube und die Geduld des jüdischen Volkes auf die äußerste Probe gestellt. Aber das entmutigte sie nicht, noch kam ihnen irgendein Zweifel in bezug auf den Wert jener Religion, die ja ihnen half, in den schlechten Tagen auszuhalten. Ein solcher Zweifel fand zwar in IV. Esra seinen Ausdruck und vielleicht auch in anderen Lagern an der Peripherie des Pharisäismus. Aber daß dies nicht die wahre Stimmung der Pharisäer war, beweist die Tatsache, daß nach der hadrianischen Verfolgung die Rabinen ihre alte Aufgabe der Erhaltung und Entwicklung des religiösen Lebens ihres Volkes mit unvermindertem Glauben an diese Aufgabe wieder auf nahmen und mit Vertrauen auf Gott, der sie ihnen zugewiesen hatte. Von dieser Zeit an wurden die Juden zum größten Teil ein Volk mit einer Last trauriger Erinnerungen, aber sie waren auch ein Volk mit unvergänglichen Hoffnungen und mit einem unüberwindlichen Glauben. Und sie blieben dies weiter bis auf den heutigen Tag, trotz allem, was Christen taten, um sie zu bekehren, zu unterdrücken oder zu verachten. Im ganzen Verlauf der christlichen Geschichte spielen die Juden eine Rolle als unwillkommene Eindringlinge, als ein widerspenstiger Faktor, der allen Versuchen, ihn in das kirchliche Einheitsschema zu bringen, Widerstand entgegensetzte, als die hartnäckigen Andersdenkenden, als die Zeugen davon, daß es noch eine andere Seite an dem gab, was die Kirche schon als eine chose jugee angesehen wissen wollte. Sie lebten aber weiter, ob die 1 Röm. 11, 25.

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