Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 29 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Das Jüdische Echo Nr. 29 Universität finden. Es rührt daher, daß hier ein gewaltiger Schritt nach vorwärts in Kultur und Denken der Welt gemacht werden soll. Es rührt daher, daß eine große neue Quelle für die Verbreitung des Wissens eröffnet werden soll. Keine sentimentalen Erwägungen verknüpfen sich damit. Es ist nicht das Primäre, daß er sich darüber freut, daß zweitausend Jahre des Exils für das jüdische Volk glücklich zu Ende gehen. Er ist nicht hartherzig und nicht unempfindlich, aber für ihn ist „die Existenz des Menschen ein bloßer Zufall“ und die Masse der Menschheit ist notwendigerweise verurteilt zu harter, undankbarer, unaufhörlicher Arbeit und die Kämpfe der Vergangenheit müssen sich in der Zukunft wiederholen. Aber ihn interessiert es, daß das Volk des Buches von neuem eine Ära bewußter, schöpferischer, wissenschaftlicher Leistung eröffnen will. Der Zauber moderner Wissenschaft bezwingt ihn. Die Entdeckung der Relativitätstheorie ist für Balfour ein Ereignis erster Größe in der Weltgeschichte, die Messung radioaktiver Wellen ist für ihn eine Frage von höchster Wichtigkeit. Die Politik war ein Spiel, geschickt geführt, ohne niedrige Motive und Selbstsucht. Gewiß, es war darin die unvermeidliche Beimischung von Zynismus, unvermeidlich bei einem Manne, der von Natur die aristokratische Gesellschaftsauffassung angenommen und festgehalten hat. Aber die Politik ist nie als Wissenschaft anerkannt worden. Es war bloß ein Sport, ein Spiel. Wieder soll man daraus nicht schließen, daß seine Leistungen als Ministerpräsident, Staatssekretär für Irland, geistiger Schöpfer der Entente cordiale und später als Friedensunterhändler und Diplomat nicht die eines ernsten und verantwortungsbewußten Staatsmannes gewesen wären. „Aber ich möchte,“ sagte er einmal, „daß man mich für jemand hält, der etwas zu unserer Erkenntnis der Wahrheit und der Natur hinzugefügt heit, als für irgend etwas anderes Undenkbares.“ Das scheint eine Unterschätzung des Wertes von Kunst und Kultur im Leben der Menschheit anzudeuten. Aber Kunst' und Kultur verblassen ins Nichts für den, dessen Philosophie beruht auf der wissenschaftlichen Erforschung „der Verkettung von Ursachen, die zuerst eine tote organische Masse in den lebenden Urahn der Menschheit verwandelten“. Und hier beginnen wir den Grund dafür zu sehen, warum Lord Balfour nach Palästina ging, um an der Eröffnung eines großen Laboratoriums teilzunehmen, zusammen mit Weizmann, dem Chemiker. Hausfrauen nehmt zur Bewältigung Eurer großen Wäsche die Wäscherei der Münchner Hausfrau Landwehrstr. 57/59 Tel. 596858 in Anspruch. Sie bietet Euch alle Vorteile. Besichtigung des gesamten Betriebes gerne gestattet. Der Schulkonflikt in der Münchener Israelitischen Kultusgemeinde Die Frage der Gewährung eines Darlehens der Gemeinde an den Verein Ohel Jakob zu Zwecken der Erhaltung und Fortführung der jüdischen Volksschule oder evtl, auch die Übernahme der Bürgschaft der Gemeinde für ein solches Darlehen beschäftigte neuerdings die Sitzung der Gemeindevertretung vom 12. Juli 1928. Wie erinnerlich, war ein Antrag der orthodoxen Fraktion, dem Verein Ohel Jakob ein Darlehen in der Höhe von RM. 25.000.— zu gewähren, sowohl von dem Vorstand als auch der Gemeindevertretung, d. h. von deren liberaler Mehrheit* abgelehnt worden. Dieser Antrag wurde neuerdings in etwas modifizierter Form gestellt, so nämlich, daß das ursprünglich zinslos gewünschte Darlehen verzinst werden sollte. Außerdem hatte sich ergeben, daß der Darlehensbedarf sich von RM. 25.000.— auf RM. 35.000.— erhöhte. Auch dieser Antrag war in der Sitzung des Vorstandes vom 5. Juli mit den Stimmen der liberalen Mitglieder a b gelehnt worden. Satzungsgemäß mußte auf Verlangen der Antragsteller der Antrag nun auch die Gemeindevertretung zum zweiten Male beschäftigen. In eingehender Darlegung gab zunächst Herr Justizrat Dr. Max Feuchtwanger eine Begründung des Antrages, wobei er gegenüber den bisher geltend gemachten Bedenken weltanschaulicher Art an Hand* einer dem jüdischen Jahrbuch entnommenen Liste darauf hinweisen konnte, daß eine ganze Anzahl liberaler oder Einheitsgemeinden Deutschlands jüdische Volksschulen unterhält. Demgegenüber begnügte sich der Sprecher der liberalen Partei, Herr Justizrat Dr. Adolf Strauß, mit einer kurzen Wiederholung des von der liberalen Fraktion bereits früher eingenommenen Standpunkts, ohne auf die sachliche Seite der Angelegenheit noch einmal $inzugehen. Aus seiner Erklärung ging hervor, daß auf liberaler Seite ein Fraktionsbeschluß vorliegt, der bei dem herrschenden Fraktionszwang die Möglichkeit der Geltendmachung einer etwa abweichenden Meinung von seiten eines liberalen Mitgliedes der Gemeindevertretung nach außen ausschloß. Außerordentlich bemerkenswert war nun aber, daß der Vorsitzende des Vorstands, Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, in wärmster Weise für die Annahme des Antrages eintrat. Er wies einleitend darauf hin, in wie vielen wichtigen Fragen in den letzten Jahrzehnten bereits ein tiefgehender Wandel der Anschauungen eingetreten sei und daß die im Flusse befindliche Entwicklung beständig neue Einstellung und Überprüfung festgewurzelter Meinungen erfordere. Früher habe z. B. der Verein Ohel Jakob sein Gotteshaus nicht Synagoge und seinen geistigen Führer nicht Rabbiner nennen dürfen und während man noch vor wenigen Jahrzehnten die Bildung jüdischer Studentenvereine' als ein Übel be-% kämpft habe, betrachte man sie heute ganz allgemein als notwendige und in jeder Beziehung wertvolle Organisationen. Was speziell die jüdische Volksschule anbelange, so könne bei der Prüfung des gegenwärtigen Antrags von Bedenken weltanschaulicher Art überhaupt nicht gesprochen werden, denn es handle sich ja nicht darum, daß die Gemeinde von sich aus eine jüdische Volksschule errichte, sondern dem Verein Ohel Jakob für die von ihm bereits errichtete und ihre Aufgaben zur größten Zufriedenheit der Beteiligten