Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 28 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9156892--08607-9081325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
436 Das Jüdische Echo Nr. 28 nicht eben groß und ganz gewiß nicht so groß ist, wie die Völkischen phantasieren. Auf diesem Wege dürfte doch manches zu erreichen sein. Durch jüdische Arbeitsnachweise, deren Ausbau dringendstes Gebot ist, wird man Stellen für Juden bei jüdischen Arbeitgebern finden können, man wird dafür sorgen müssen, daß der jüdische Konsum nicht solchen Firmen zugute kommt, die sich weigern jüdisches Personal einzustellen. Unter Umständen wird man auch da eingreifen müssen, wo jüdische Arbeitgeber aus Gründen, die hier nicht näher untersucht sein sollen, nichtjüdische Hilfskräfte bevorzugen und Juden, wenn nicht ausschließen, so doch möglichst fernhalten. So ist es' durchaus zu begrüßen, daß die Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde sich mit dieser Frage beschäftigt und nach einer eingehenden Aussprache beschlossen hat, einen Ausschuß einzusetzen, der gemeinsam mit dem Gemeindevorstand weitere Schritte unternehmen soll. Es wird allerdings schwierig sein, auf diesem Gebiete Erfolge zu erzielen, wenn es auch nicht ganz ausgeschlossen ist; auch die bestgemeinte Arbeit vermag freilich nicht die unnormale Situation der Juden im Galuth zu einer normalen zu machen. Das Roschersche Gesetz, das der Begründer der historischen Nationalökonomie im Jahre 1878 bereits formuliert hat, und das besagt, daß die Juden im Laufe ihrer Geschichte stets in dem Moment aus den von ihnen innegehabten wirtschaftlichen Funktionen verdrängt worden seien, in dem die nichtjüdischen Nationen imstande waren, diese selbst zu erfüllen, scheint eben auch heute in mancher Beziehung noch wirksam zu sein. Und so dürfte sich auch hier die Hoffnung auf ein Abflauen des Antisemitismus als eitel erweisen; solange die Juden im Galuth leben, müssen sie ihr Geschick tragen — es mannhaft zu tun, die gemeinsame jüdische Front nicht feige zu verlassen und für eine endgültige Befreiung zu arbeiten, das sind Forderungen, die man deshalb an jeden einzelnen Juden stellen muß, und nur ihre Erfüllung kann den Bestand des jüdischen Volkes sichern. I. E. Berliner Brief Berlin, 8. Juli 1928. (Der Etat der jüdischen Gemeinde — Vanderveldes Besuch) Sehr viele wichtige Ereignisse, darunter solche von wirklicher Bedeutung, vollziehen sich nicht unter Donner und Blitz, sondern in kaum merklichem, friedlichem Ablauf. Ein solches Ereignis im Leben der großen Berliner Judengemeinde (und damit auch der gesamten deutschen Judenheit) ist die Verabschiedung des Etats der Berliner Gemeinde für das Jahr 1928 gewesen. Mehrere Jahre waren die Verhältnisse in Berlin dermaßen, daß eine ordnungsmäßige parlamentarische Erledigung dieser wichtigsten Aufgabe der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Vertreter der Berliner Judenheit nicht möglich war. Man muß sich in Erinnerung zurückrufen, daß in den Jahren der Inflation die Finanzen der Jüdischen Gemeinde in eine vollkommene Deroute gerieten. Durch die Entwertung der Valuta und der zahlreichen Stiftungen, aus deren Mitteln viele wichtige Institutionen erhalten wurden, war es nicfft möglich, irgendeinen Plan aufzustellen und innezuhalten, war es nicht möglich, auch nur die nötigsten Verwaltungsreformen durchzuführen; und es war vor allem unmöglich, notnotwendige Neubauten in Angriff zu nehmen. Wenn in jener kritischen Zeit ausländische jüdische Organisationen und zum Teil auch Staat und Reich nicht helfend eingegriffen hätten, so wären die Kranken in den Krankenhäusern, die Insassen der Aitersversorgungsheime, die Zöglinge der Waisenhäuser ohne Nahrung und die vielen hundert Beamten und Angestellten der Gemeinde ohne Lohn geblieben. Nach den Jahren der Inflation war es auch nicht sofort möglich, zu einer Stabilisierung’ der Finanzen und der Verwaltung zu gelangen. Im Jahre 1925 konnte die damalige liberale Mehrheit, knapp vor Ausschreibung der Neuwahlen, auch nicht die Verantwortung für einschneidende Reformen übernehmen, ja noch mehr, sie sah sich außerstande, der Zerrüttung in den finanziellen Verhältnissen einen Riegel vorzuschieben. Und so war sie heilfroh, als sich der Zionist Georg Kareski bereit erklärte, die Verantwortung für die Finanzen der Gemeinde Berlin zu übernehmen. Selbstverständlich mußte sich Kareski zunächst auf die Stabilisierung des Vorhandenen beschränken und konnte, da er für seine eigenen Pläne keine Mehrheit bei den Liberalen hatte, nicht daran gehen, von der finanziellen Seite her an die Erfüllung der Gemeindeaufgaben zu schreiten, wie es dem Programme der jüdischen Volkspartei gemäß gewesen wäre. Dann kamen die Wahlen im Jahre 1926. Sie hatten zum Ergebnis die Vernichtung der liberalen Mehrheit. Aber die Seit vielen Jahrzehnten an Alleinherrschaft gewöhnten Liberalen inszenierten jene Tragikomödie der Protestaktion, welche den Zusammentritt der neuen Repräsentantenversammlung um anderthalb Jahre verzögerte. Seit neun Monaten ist die neue Mehrheit am Ruder, und der am 28. Juni erledigte Etat ist ein Ausdruck der neuen Verhältnisse in der Berliner Jüdischen Gemeinde und läßt zu gleicher Zeit in Zahlen den Kurs der neuen Mehrheit erkennen, in welcher die Zionisten führend sind. Dieser Etat beläuft sich auf mehr als zehn Millionen Reichsmark, ohne die in den Bezirken für Wohlfahrtszwecke aufgebrachten Beiträge. Der Etat basiert auf einer Steuerleistung von zehn Prozent der staatlichen Einkommensteuer, welcher Prozentsatz beibehalten wird, trotzdem die Katholiken und Protestanten in Berlin eine weit höhere Kirchensteuer einfordern. In den einzelnen Posten der verschiedenen Verwaltungszweige wirkt sich bereits die Beamtenbesoldungsreform aus. Man findet im Etat zum ersten Male Positionen für ein gesondertes Jugendamt. Auch die Kosten der übrigens hauptsächlich im Anleihewege in Bau genommenen neuen Synagogen und Altersheime finden im Etat ihren Niederschlag. Darüber hinaus sieht man im Etat bereits Ansätze zur Inangriffnahme einer ganzen Reihe von sozialen und kulturellen Aufgaben, besonders des Ausbaus des jüdischen Schulwesens. Interessant ist, daß der von der neuen Mehrheit, in erster Linie aber vom Finanzdezernenten Kareski angenommene Etat von den Liberalen gemeinsam mit der Blockmehrheit einstimmig angenommen wurde. Wie hatten die Liberalen während und nach der Wahl über die sicherlich kommende Mißwirtschaft in der Berliner Jüdischen Gemeinde gejammert? Haben sie nicht mit dem Austritt der steuerkräftigsten Gemeindemitglieder gedroht, um zu verhindern, daß gutes liberales Geld von den bösen Zionisten vergeudet