Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 28 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 28 13. Juli 15. Jahrgang Boykott Wir leben in einer Zeit wirtschaftlicher Umwälzungen, die deshalb nicht minder groß sind, weil man sie nicht immer unmittelbar im Alltag des Lebens bemerkt und weil man, eingestellt in das Tagaus, Tagein des Berufs, sich nicht gern darüber Rechenschaft ablegt. Ein hervorragender Wissenschaftler wie Schmalenbach hat noch unlängst erst, wenn auch nicht unwidersprochen, festgestellt, daß das Zeitalter des Hochkapitalismus vorüber sei, daß neue Formen die Wirtschaft beherrschen, neue Systeme der Produktion und ihrer Leitung sich durchsetzen, deren Auswirkungen sich zwar bereits in vielen Einzelheiten geltend machen, die aber in ihrer Gesamtheit schwer zu übersehen sind. Wie dem auch sei — in der Wirtschaftsstellung der Juden jedenfalls ist in den letzten Jahren eine tiefgreifende Änderung vor sich gegangen, die jeder fühlt und die zahlreiche Juden, vor allem jüdische Angestellte, bereits am eigenen Leibe spüren. Es sei gar nicht davon die Rede, daß einige Berufe, in denen vorwiegend Juden tätig waren, in den Stürmen und Wirren der Inflationszeit einfach untergegangen sind oder sich doch in ihrer Struktur grundlegend umgewandelt haben, wie etwa der gesamte Altmaterialhandel, daß andere Berufe, wie der Viehhandel, der gesamte Kleinhandel auf dem Lande außerordentlichen Schaden gelitten haben, Vorgänge, die einmal von berufener Seite in ihrem ganzen Ausmaße klargestellt werden müßten, — das Vordringen der neuen Organisationsformen in der Industrie, der Großfinanz und dem Großhandel nimmt nicht nur diesen bereits depossedierten Juden die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten im Wirtschaftsprozeß nutzbringend zu verwerten; es verdrängt auch diejenigen, die in diesen zuletzt genannten Wirtschaftszweigen tätig waren. Schon sind manche Berufe geradezu gesperrt. Nicht r,ur die Beamtenlaufbahn beim Staate und bei den Kommunen steht den Juden nicht mehr offen, auch die großen Konzerne der Industrie, der Banken lehnen die Einstellung von jüdischen Angestellten ab und sie erschweren den selbständigen Juden die Arbeit. Am schlimmsten liegen die Verhältnisse zweifellos in der Industrie. Von den ausgesprochen antisemitischen Firmen, deren es auch nicht wenige gibt, ganz abgesehen, muß man feststellen, daß heute Juden bei den großen Werken der chemischen Industrie z. B. weder als Chemiker noch als kaufmännische Angestellte Unterkommen können, obwohl unter den Leitern der I. G. Farben sich Abkommen von Juden befinden.* In der Schwerindustrie, vor allem auch im Bauwesen, ist es nicht anders. Fast überall stellt man bei Anstellungsverhandlungen die Frage nach der Konfession, die meist nichts anderes bedeutet als „Juden werden nicht angenommen“. So ist es z. B. bei den Siemens-Schuckert-Werken und auch die Tatsache, daß deren Leiter Karl Friedrich von Siemens vor kurzem noch zu den Führern der Demokratie gehörte, vermag an diesem Zustand nichts zu ändern. Eine geradezu groteske Beleuchtung hat dieser eigenartige Geist, der in der deutschen Industrie zu herrschen scheint, auch in dem Schachtyprozeß gefunden, der jetzt zu Ende gegangen ist. Der Angeklagte Otto, ein leitender Ingenieur der AEG., wurde da vom Staatsanwalt, der die politischen Ansichten des Angeklagten klarstellen und ihn über seine Tätigkeit während der Kriegszeit ausholen wollte, gefragt, ob er als Mittel der Schwächung der russischen Front auch Judenpogrome begrüßt hätte und er antwortete „Natürlich!“ Ein Mann also, der angestellt ist bei einer von dem Juden Emil Rathenau gegründeten, von den Juden Walter Rathenau und Felix Deutsch ausgebauten Gesellschaft scheut sich nicht, ganz offen zuzugeben, daß ihm gegen die Juden jedes Mittel, auch Mord und Totschlag, recht ist. Wie muß ein solcher Mann sich erst verhalten, wenn er bei einer nicht von Juden geleiteten Firma über die Anstellung von Juden zu entscheiden hat? Im Bankwesen sieht es zwar nicht ganz so schlimm aus; aber auch hier scheint es, als ob wir noch recht unangenehme Dinge zu erleben hätten. In den Großbanken werden nur wenige jüdische Angestellte beschäftigt; die Reichsbank stellt nach Angabe von M. A. Loeb in der C.-V.- Zeitung Juden als Beamte überhaupt nicht oder nur in so vereinzelten Fällen an, daß sie nicht in. Betracht kommt. Ebenso sei es bei der Frankfurter Bank, die prinzipiell keine Juden anstelle, obwohl sich ihr Aktienkapital zum großen Teil in jüdischen Händen befinde und ihre Kundschaft zu noch weit erheblicherem Teile aus Juden sich zusammensetze. Diese Beispiele könnten von guten Kennern der Wirtschaft sicherlich leicht vermehrt werden. Die angeführten sind jedoch typisch und genügen vollauf, um zu zeigen, daß die Situation für die jüdische Gesamtheit bedrohlich ist. Dazu kommt noch, daß man bisher zwar in sehr vielen Fällen bereits nach dem Prinzip gehandelt hat, ohne sich indessen immer ganz klar über die Tragweite einer solchen Handlungsweise zu sein; in der neuesten Zeit wird jedoch, vor allem in Österreich, wo wegen der mangelnden Ausgeglichenheit des Wirtschaftsgebietes der Konkurrenzkampf noch viel schärfer ist und im deutschen Mittelstand der Boykott gegen die Juden geradeheraus gepredigt. Was kann man nun dagegen unternehmen? Große öffentliche Proteste werden wenig nützen; denn schließlich leben wir ja in einer „freien“ Wirtschaft und nach dem geltenden Gesetz kann man niemanden verbieten zu kaufen wo er mag und zwingen, da zu kaufen wo er nicht will (das können nur die großen Kartelle — infolge ihrer wirtschaftlichen Macht). Hilfe kann nur kommen aus dem jüdischen Zusammenschluß; aus dem bewußten Einsatz des vorhandenen jüdischen Einflusses — auch wenn dieser objektiv genommen