Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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424 Das Jüdische Echo Nr. 27 rung des Waldterrains übergeben. Für den gleichen Zweck spendete Lord Melchett £ 1000.—. Durch die Spende Barons wird die Pflanzung von 15 000 Bäumen ermöglicht. Ernste Lage im Rayon Kalinindorf Moskau, 29. Juni. (JTA.) Die Lage der jüdischen Kolonisten im Rayon Kalinindorf, dem ersten jüdischen Selbstverwaltungs-Rayon in Rußland, ist eine ernste. Nachdem die Wintersaat infolge der Unwetterkatastrophen verlorengegangen war, hoffte man sehr viel auf das Ergebnis der Frühlingssaat, diese versprach auch sehr gut zu werden, allein sie ist nun durch eine unerwartet gekommene Invasion von Feldmäusen zum größten Teil vernichtet. Die Kolonisten standen Tag und Nacht auf der Wacht gegen die Schädlinge, allein da die Invasion plötzlich kam und die Abwehr nicht richtig organisiert war, wurden von 4190 Desjatin Maisfeldern 2636 Desjatin kahl gefressen, obwohl es gelang, etwa 80 000 Mäuse zu vertilgen. Auch die Hälfte der Sonnenblumensaat wurde vernichtet. Man versuchte, durch neue Aussaat ein Ernteergebnis zu erzielen, aber die Trockenzeit im Frühsommer hat auch diese Hoffnung zunichte gemacht. 102 000 Pfund für den Keren Hajessod in Süd- Afrika Jerusalem, 25. Juni. (JTA.) Colonel Kish, Mitglied der zionistischen Exekutive, der gegenwärtig die Keren-Hajessod-Kampagne in Südafrika leitet, hat dem Hauptbüro des Keren Hajessod in Jerusalem mitgeteilt, daß diese Kampagne mit einem Erträgnis von 102 000 Pfund zugunsten des Palästina-Werkes abgeschlossen worden ist. Colonel Kish hat bereits seine Rückreise nach Palästina angetreten. Feuilleton Persönliche Erinnerungen an Herzl Von Ludwig Bauer Zur Wiederkehr von Herzls Todestag (20. Tamus) veröffentlichen wir den folgenden Artikel, den der bekannte Wiener Publizist zum XV. Kongreß in der „Basler Nationalzeitung“ erscheinen ließ. Beruf und Schicksal haben mich mit vielen be- deutenden oder doch nur berühmten Menschen zusammengeführt: ich habe Mahlers Dämonie erleben dürfen, den Dichterkavalier Hofmannsthal, saß neben dem alten Ibsen in Christiania und neben Masaryk im Hradschin — kein Mensch aber auch unter den Großen steht so stark, so einleuchtend in seiner Größe in meiner Erinnerung als Theodor Herzl. Ein Vierteljahrhundert ist seither vorübergeflossen, es hat von jenem Bilde nichts verwischt. Niemals vielleicht noch hat die Natur einen Menschen so sehr für seine Aufgabe legitimiert, ihm für seinen Geist den Körper gegeben wie Theodor Herzl. Wenn man ihn sah, so fühlte man vor seiner ebenmäßigen, edlen und fürstlichen Schönheit die Gewißheit, daß dieser Mensch bedeutend sein mußte. Die schlanke Gestalt wirkte eher größer als er war, Füße und Hände waren aufs feinste gebildet, die hohe Stirne und die kühne Nase wie modelliert, der schwarze Bart umrahmte das königliche Antlitz, aus dem große blaue Augen Geist strahlten und doch umschattet schienen wie von tiefer Trauer um sich und um sein Volk und um die Menschen. Seine Vornehmheit war so unwidersprechlich und bezwingend, daß es ganzunmöglich schien, einen solchen Menschen zu übersehen oder gering zu schätzen, und dieses Bewußtsein seiner Wichtigkeit und Einmaligkeit war ihm aufgeprägt. Es mag vielen, die ihn nur oberflächlich kannten, Hochmut geschienen haben, doch ihm war es Bewußtsein seiner Sendung, die von ihm unzertrenntlich war. Es war etwas in ihm, das die Menschen zwang, ihm zu dienen; doch er nahm ihre Dienste nur darum mit königlicher Selbstverständlichkeit hin, weil er tief in sich fühlte, daß er ein Mann der Bestimmung sei. Auch er diente und gab sich hin, Gut, Geist, Leben, ohne Zögern und Gedanken, dies könnte anders sein. Es war nicht der Zionist Herzl, zu dem mein Weg mich führte, sondern der Schriftsteller, einer der feinsten Meister der deutschen Sprache, Ehre und Stolz aller Zeitungsschreiber. Aber solche Meisterschaft galt ihm, der in die Fernen sah und in einem Volke wirken wollte, wenig. Eher reizte ihn die Verführung des Theaters, und es war ihm Schmerz, daß seine Feinheit, die Kunst seines Wortes nichts von jener handfesten Roheit besaß, welche die Massen herbeizerrt. Er stand zu einsam, zu fest in sich, als daß er den einzelnen Menschen so liebevoll betrachten und gestalten konnte, wie dies des Dichters Aufgabe ist. Er sah mehr die Menschen als den Menschen, und wenn er Kinder schilderte, wie in seinen bezaubernden Kinderfeuilletons, so waren es seine Kinder, Landschaften, so war es eine Bewegung in ihr, Künstler und große Menschen, so war es, wie er sich in ihnen abspiegelte. Aber was egozentrisch scheinen konnte, das war bei ihm durch seine Größe und seine Reinheit legitimiert. So anmutig und tief er für seine Zeitung schrieb, es war für ihn doch nur ein Nebenbei, ein Gebundensein, eine Fessel, die dieser von Natur aus königliche Mensch nicht ertrug. Und je älter er wurde, und er starb jung, eine Flamme, die sich selbst aufzehrt, desto lästiger wurde ihm die Pflicht, so auch noch der geistreichste Wortkünstler, in der deutsch geschriebenen Tagespresse zu sein, desto völliger füllte ihn sein Schicksal aus, den Juden eine Heimstätte und, was mehr noch vielleicht ist, eine Aufgabe und den Stolz einer Aufgabe zu geben. Damit die Geduckten wieder aufrecht gingen, Schimpf nicht mehr verspürend, ihr Judentum nicht mehr versteckend, sondern es frei bekennend. Das Werk wuchs über ihn hinaus, und der 15. Zionistenkongreß in diesem Basel, das den Großen sah, seine Gestalt und seinen Adel, ist heute ein Beweis für ihn und seine Unvergänglichkeit. Feierlich grüßt von der Wand des Kongresses sein stolzes Gesicht. Dieser Stolz machte aus dem jüdischen Journalisten mitten in den Ländern eines triumphierenden und ungeistigen Antisemitismus eine unwiderstehliche menschliche Macht. So sagte er mir auf einem der langen Wege, auf denen ich von der Wiener Fichtegassei aus der Mitte der Stadt