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Das jüdische Echo · 1928-06-01 · 22 (1.6.1928) · p. Seite 346

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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346 Das Jüdische Echo Nr. 22 I. MÜNCHENER PLISSEE-BRENNEREI FRANZ GRUBER, MÜNCHEN] Hohlsaum, Knöpfe, Endeln, Kanten, KostUmstlckerelen Burgstraßei6/3 Knopflöcher Telephon 22975 an der Decke. An der Ostwand hängt ein Misrach. Daneben steht ein Betpult, auf dem zuweilen ein Seelenlämpchen brennt. Über einem kleinen Bücherschrank thront die Thoralade. Tagsüber lernt hier Reb Joel mit den Schülern. Um zwei lange Tische herum, über dicke Folianten gebeugt, sitzen viele Jünglinge und lernen. Mit süßer Melodie und singender Stimme lernen sie. Um sechs Uhr frühmorgens kommen sie hierher. Auch im Winter, obgleich es noch starre Nacht ist, ein kalter, scharfer Wind weht, die Luft eisig, klingend und^ schneidend ist und alles noch im Schlaf und Traum liegt, traben schon die Jünglinge ins Lehrhaus. Hier lernen sie etwa drei Stunden. Dann halten sie inne, waschen sich die Hände, legen Gebetriemen an und beten. Nach dem Beten gehen sie heim, um die erste Mahlzeit einzunehmen. Um zehn Uhr erscheinen sie wieder im Bet-Mamidrasch. Manche sammeln sich in einer Ecke und debattieren heiß und heftig. Manche raufen sich, zwei Jünglinge stehen an der Tür, horchend, lauschend, ob der Lehrer kommt. Kurz vor halb elf Uhr erscheint Reb Joel. Wenn die Jünglinge seine Schritte vernehmen, stieben sie auseinander, setzen sich hastig um die Tische, bleiben still; verstummen. Eine tiefe, lautlose Stille herrscht im Lehrhaus. Alsbald läßt sich Reb Joel nieder, die Schüler schlagen die Folianten auf und beginnen zu lernen. Dann werden einige blasse Jünglinge müde und möchten einschlummern. Ihr Lernen und Singen dämpft sich und wird immer schwächer. Schläfrig pendeln ihre Köpfe hin und her. Die singenden Stimmen der anderen Jünglinge klingen und tönen in ihren Ohren wie Wiegenlieder, schöne, monotone Wiegenlieder, die Mütter ihren Kindern beim Einwiegen singen. Zuweilen dröhnen die klingenden Worte wie das Tönen eherner Glocken. Um sie herum hockt etwas, wie ein Grammophon ist es, das ihnen seine Musik unaufhörlich ins Ohr dröhnt. Bim, bim, bam. Bim, bim, bam! Immerfort schließen und öffnen sie die Augen. Alsbald erwachen sie wie aus einem Traum und blicken entgeistert um sich her. Schütteln und bewegen sich eine geraume Weile wie die Räderchen aufgezogener, verdorbener Uhren und schlummern wieder ein. Manche lernen ununterbrochen, fleißig, inbrünstig. Die Worte Reb Joels saugen und schlürfen sie in sich ein wie dürstende Kinder Milch aus Mutterbrust. Wie ein feines Getränk. Schlägt die Marktuhr halb zwei, schließen die Jünglinge die Folianten, küssen einmal deren Oberdeckel und gehen heim. Nach einer Stunde kehren sie zurück. Im Sommer lernen sie pausenlos bis neun Uhr abends. Im Winter verstummen die singenden Stimmen, wenn die letzten Schimmer des Tages im Verlöschen sind und die Juden zum Beten erscheinen. Rasch und doch verschlafen werden die Folianten zugemacht. Kerzen werden entzündet und alle waschen sich die Hände zum Mincha- und Maariwgebet. Nach dem Gottesdienst verlassen die fremden Beter das Bethaus und die Jünglinge setzen sich alsbald um die Tische, um bis in die neunte Stunde weiterzulernen. Also lernen sie alle Tage außer Sabbat. Reb Joel behandelt seine Schüler gewissenhaft. Er nimmt sein schwarzes, krauses Bärtchen, an dem zubringen. Geduckt und gebückt, den schweren Folianten in der Linken, sitzt er da und erklärt den Schülern jeden Satz und jedes Wort. Zuweilen, ist er an einer schweren Stelle angelangt, hält er inne. Er nimmt sein schwarzes, krauses Bärchen, an dem er lange gekaut, in die Hand, runzelt die Stirne und wird nachdenklich. So verweilt er eine geraume Weile, sinnend und grübelnd. Reb Joel ist ein Mann von mittlerem Wuchs. Sein Gesicht ist blaß und nervös. Seine Augen blicken traurig, tieftraurig; sie haben den Ausdruck, als ob ihr Besitzer noch niemals gelacht hätte. In seinem schwarzen Bart, durch den er sich immerzu mit den Fingern streicht, schimmern bereits einige Silberfäden. Während des Unterrichts blickt Reb Joel fast jede Viertelstunde auf, zu sehen, ob die Schüler mitlernen. Bei dieser Gelegenheit wirft er manchem Jüngling einen strafenden Blick zu; manchem versetzt er auch indessen einen sanften Rippenstoß. Manchmal ist Reb Joel gut und sanft zu seinen Schülern. Dies geschieht zumeist an Tagen, an denen er den heiligen Schar liest. Da ist eine Stelle, die ihn immer traurig stimmte und sein Gemüt verdüsterte, durchflog er sie. Diese lautet: . „Jeder Menschensohn, der sich innen zerriß, weil er keinen Menschensohn auf dieser Welt zurückließ, wenn er von ihr weggeht, fügt sich dem heiligen Namen nicht ein. Und man läßt ihn nicht ein? treten in den Vorsaal, da er nackt, zerrissen und nicht vollkommen ist.“ Las er diese Worte, wurde er ernst und eine bange Traurigkeit überfiel ihn. Reb Joel hatte fünf Töchter — aber keinen Sohn. Keinen Kaddisch. Aber dann las er mit tiefer Freudigkeit eine andere Stelle: „Wer mit des Nächsten Sohn Thora lernt, dem wird es angesehen, als hätte er ihn, den Schüler, gezeugt...“ An solchen Tagen durften manche Jünglinge später erscheinen, durften während des Lernens mit ihren Augen und Gedanken anderwärts weilen. Reb Joel konnte ihnen nicht zürnen. Studebaker 9/40 PS 6Cyl. 5LÄ 5900.— 16/60 PS 6 Cyl. 31JL 7850.— 19/100PS 8Cyl. %Jt 12600.— ab Hamburg Mototechnische Ges., München / Odeonsplatz 12 Telephon 26397 und 20654

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