Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- Seite 330 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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*®mr 330 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 21 H BI deraufnahmeverfahren, könnte die Autorität des Staates erschüttern, Zweiflern und Umstürzlern Material bieten. Also setzt er nur die Begnadigung durch, gibt dem Sträfling Maurizius die unhaltbare Freiheit, unhaltbare Existenz des Gezeichneten, Verfemten. Hier enthüllt sich der eigentliche Kernpunkt des Romans: Er ist die Tragödie des Bureaukratismus, dieses wunden Punktes einer jeden bisher geschaffenen Gesellschaftsordnung. Die Gerechtigkeit wird symbolisiert, also verfälscht im Begriff der Justiz. Die soziale Ethik wird srnbolisiert, also verfälscht im Begriff der Autorität, in der Hand eines Menschentypus, dessen Kennzeichen ein korrekter und kleinlicher Machthunger ist. Und so1 trägt auch Andergast mit seiner scharfen, formensicheren, durchaus großzügig angelegten Intelligenz den Wesenszug des Bureaukraten, der tragisch ist bis zum Lächerlichen: Unzulänglichkeit. Hinter dem kleinen Etzel, der geradlinig auf das Ziel der Gerechtigkeit losgeht, steht wie eine Gloriole Wassermanns Optimismus. Glaubt er wirklich so* sehr an den neuen, noch völlig unerprobten Menschen, daß er ihm die Fähigkeit zutraut, den Weg zur Gerechtigkeit von der bequem autoritativen Symbolwirtschaft zu säubern? Ein solcher Glaube ist schön. Schön und wichtig. Bücher und Zeitschriften Aus unbekannten Schriften. Was Würdigeres wohl gibt es, den Weisen zu ehren, denn Weisheit? Die Gabe des Geistes ist die erhabenste, es gibt kein edleres Geschenk für den festlichen Tag eines großen Mannes. — Zu Martin Bubers 5 0. Geburtstag veranstaltete der durch seine neue Bibelausgabe rühmlichst bekannte Verlag Lambert Schneider (Berlin) eine Festschrift „Aus unbekannten Schriften“, in der sich der weitere Freundeskreis des Dichters und Denkers Buber vereinigt, um Zeugnis abzulegen für die geistige Gefolgschaft und Treue, deren er sich erfreut. Wüßte man es nicht, man erführe' es aus dieser Festgabe, in welch weite und mannigfache Kreise das Licht Buberschen Geistes gedrungen ist. Da spricht der Philosoph und der Arzt, der Journalist und der Dichter, der Theologe und der Mystiker, der Philologe und der Geschichtsforscher; da sagen Dank und Gruß die repräsentativsten Köpfe unserer Zeit. Aber nicht in der Form üblicher Reminiszenz, sondern in der schöneren und freieren der Forschung. Ein jeder bringt etwas Unbekanntes, Apokryphes — ein Lied, ein Bekenntnis, einen Spruch — als Gabe dem Manne dar, der selber manches Verborgene zum Licht zog. (Ich erinnere nur an die Baal-Schem-Legenden, die als vergessene Perlen zerstreut geblieben wären, hätte sie uns nicht Buber neu geschenkt.) Es ist Vornehme Zuqlampen Tisch- und Sfänderlampen Alabaster schalen J.WINH ART&Co. Marsstrasse 7 (am Hauptb.) ja das Unbekannte, wonach jeder Forscher und letztlich jede Erkenntnis drängt. Unbekanntes schenken heißt also Höchstes schenken, und was Höheres gäbe es als das Leben? Nur der lebendig wirkende und wachende Geist gibt dem Unbekannten einen Sinn — erschließt es. Es ist eine schöne Einführung in das Werk, wenn Karl Joel Buber einen Satz des vergessenen Ignaz Trexler widmet: „Das Leben kann also nichts anderes suchen und nichts anderes finden als sich selbst; des Lebens Problem ist das Leben. Es ist das Unbekannte, von der Menschheit nach allen Seiten Gesuchte und nicht Gefundene» weil es selbst keine Seite ist.“ Es wäre unmöglich, hier auf jeden Beitrag der Festgabe so gründlich einzugehen, wie es dem Gebotenen nach angemessen wäre. So sollen hier nur einzelne genannt sein, von denen wir annehmen, daß sie das Interesse weiterer Kreise erwecken werden. Ar tur Bonus deutet australische Totengesänge von eigenartigem Reiz, Viktor von Weizäcker einen Spruch des Laotse. H e r - man Schmalenbach gibt eine äußerst aufschlußreiche Studie über den Asklepios-Kult und geht interessanten Zusammenhängen zwischen Sophokles und Sokrates nach. Ernst Simon kommentiert eine rabbinisch-talmudistische Vorschrift, die sich auf Purimbräuche bezieht. Karl W o 1 f s k e h 1 gedenkt der schon vergessenen Forschergestalt Georg Zapperts, des Juden, der am Rande einer hebräischen Handschrift das vielumstrittene „Althochdeutsche Schlummerlied“ entdeckt hat. Alnhonse Mae der zeigt an Gedankengängen des Paracelsus den Zusammenhang von Mystik und Naturwissenschaft. Theodor S p i r a zitiert einen menschlich ergreifenden Brief des George Fox an Cromwells Tochter. Jonas Frä/nkel widmet ein unbekanntes Gedicht von Gottfried Keller. Arnold Zweig schreibt über Kiplingl Gertrud S'im m e 1 schöpft ihren Beitrag aus dem Nachlaß Georg Simmels und Max Brod aus dem Franz Kafkas. Friedrich Thieberger ehrt das Andenken Salomon Bubers, des Großvaters . des Jubilars, mit einer Anekdote. Franz Rosenzweig schließlich entnimmt einen Beitrag der Dissertation Martin Bubers. Wir sehen schon aus diesen kurzen Hinweisen, wie reich die Schätze sind, die hier zusammengetragen wurden. Dieses Buch — mustergültig gedruckt von Jakob Hegner in Hellerau — ist ein glühendes Bekenntnis für Martin Buber als den jüdischen Förderer deutscher Kultur und deutschen Sprachgutes. nsn. Habima. Hebräisches Theater. Zweiunddreißig Bilder mit einer Einführung von Bernhard Diebold. Verlag Heinrich Keller (Dr„ Viktor Fleicher) Berlin. Preis: kartonniert RM. 1.20, gebunden RM. 4.80. In 32 Bildern, zum größten Teil aus dem Atelier N i n i und Carry Hes, Frankfurt a. M., in prachtvollen künstlerischen Aufnahmen der Darsteller in ihren Hauptrollen und wenigen Szenenbildern, zieht das Wunder dieser „Habima“ von neuem an uns vorüber, wird aufs neue in uns lebendig der Eindruck jener unvergeßlichen Stunden, in denen wir diesen Künstlern lauschen und in ihnen die Renaissance der hebräischen Sprache und einer jüdischen Volkskultur begrüßen durften: ein Buch köstlicher Erinnerung — und freudiger Hoffnung. Denn in der Einführung, die Bernhard Diebold beigesteuert hat, und in 00310131010189