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Das jüdische Echo · 1928-05-24 · 21 (24.5.1928) · p. Seite 329

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
Seite 329 (sequence 9)
Language
German
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Literarische Beilage Jakob Wassermanns neuer Roman (Der Fall Maurizius, Verlag S. Fischer, Berlin) Von Klara Blum 577 Seiten stärkster, konzentriertester Wassermann. Was wir aus seinen anderen Werken kennen: Eindringliche Psychologie, das frappante Wissen um Gegenwart und jüngste Vergangenheit, der leidenschaftliche Wille, bis an den zentralen Sinn des Lebens vorzudringen, mit einem seltenen und erlesenen Realismus durchgeführt — das alles sammelt sich nun in seinem neuen Buche. Ist bis aufs letzte Atom befreit von romanhaften Elementen, zur strengsten Einheit gesteigert. Blutnotwendigste aller Abstraktionen — das Problem der Gerechtigkeit — erscheint gebannt in ein magisches Quadrat von vier Personen. Alle vier mit der Wassermann eigenen umständlichen und massiven Menschengestaltung auf den Boden gestellt. In der Vergangenheit — um 1906 herum — in einer kleinstädtischen Menschenlandschaft stehen einander zwei von ihnen gegenüber; Leonhard Maurizius und Gregor Wareijime. Das Jugendideal jenes bürgerlichen Zeitalters, Individualität, versehen mit billiger Begabung und der unerläßlichen, romantischen Pose des Leichtsinns — und der unheimliche Koloß von geistiger Wucht und einer stickigen, schwefelgiftigen Sinnlichkeit. Äußerlich Freunde, tatsächlich Opfer und Dämon. Vom Anbeginn der verkrampften, verworrenen Liebesgeschichte zwischen Maurizius und seiner verhängnisvoll schönen Schwägerin Anna, zu der auch Waremme in dunkeln Beziehungen steht, bis zur Katastrophe. Bis Mauriziu’s Frau durch einen rätselhaften Revolverschuß getötet wird und er vor Gericht unter dem erdrückenden Verdacht vergebens leugnet. Ihm gegenüber steht wieder Waremme, diesmal als Kronzeuge, der unter Eid die Schuld seines Freundes bezeugt. Achtzehn Jahre später stehen einander die beiden anderen Partner des magischen Quadrats gegenüber. Etzel, der sechzehnjährige, wachsame kleine Mensch der neuen Generation von 1924 und sein Vater, Baron von Andergast, der Staatsanwalt jenes Sensationsprozesses. Herrschsucht des Familienvaters, in moderne Formen autoritativer Korrektheit verkleidet, hat jede Verständigungsmöglichkeit zwischen den beiden längst verrammelt. Da taucht aus der Vergangenheit der Fall Maurizius auf, Glanzpunkt, juristische Meisterleistung in der Karriere des Staatsanwalts und zugleich dunkler Punkt, im Volksmund als Justizirrtum verdächtigt. Vergangenheit. Aber noch keine abgeschlossene. Der kleine Etzel erkennt: jetzt noch sitzt ein Mann lebenslänglich im Gefängnis und jede Minute ist vielleicht bis zur Unerträglichkeit erfüllt mit dem Unrecht, das so unaufhörlich wie der Gang der Zeit a,n Maurizius geschieht. Kind einer Generation, die beweglich und unromantisch ist, skeptisch und leidenschaftslos, respektlos und verantwortungsschwer, erkennt er auf verstandesmäßigem Wege das Gesetz der Gerechtigkeit. Beschließt, die Sache mit den Augen seiner Zeit nochmals zu überprüfen. Die Antwort, die er von seinem Vater erhält, ist höfliche Zurechtweisung. So trägt er sich, jungenhaft flink und spähend, von da und dort sein Tatsachenmaterial zusammen. Erfährt die Adresse Waremmes, verläßt heimlich das Elternhaus, begibt sich unter falschem Namen nach Berlin, schleicht sich bei dem unheimlichen Manne als Schüler der englischen Sprache ein. Mit jener kühnen, für Wassermann charakteristischen Gleichzeitigkeit von realistischer und phantastischer Lebenseinstellung geht er ans Werk. Die Flucht des Sohnes erschüttert unsichtbar, auf psychischen Geheimwegen die Sicherheit des Staatsanwalts. Veranlaßt ihn, den altverjährten Fall Maurizius zu revidieren. Veranlaßt ihn persönlich, den Sträfling aufzusuchen. Die Figuren des magischen Quadrates haben ihre Stellungen gewechselt. Etzel steht Waremme gegenüber. Andergast dem Sträfling Maurizius. _ Wer ist nun Waremme? Wir haben ihn die Rolle eines Dämons spielen sehen, Freund, der den Freund auf dunkle Weise, auf dem Weg über die Frau dem Zusammenbruch entgegentreibt, Belastungszeuge, wahrscheinlich meineidiger Belastungszeuge, vor Gericht. Wie aber ist er zum Dämon geworden? Der kleine Etzel, der sich wachsam und nüchtern in die gespenstisch intellektuelle, stickig sinnliche Atmosphäre dieses Menschen hineingewagt hat, hält tapfer aus. Getrieben von der leidenschaftlichen Logik seinpr Aufgabe, gelingt es ihm, in dumpfigen Großstadtnächten ein Geheimnis nach dem anderen zu durchleuchten. Gregor Waremme heißt in Wirklichkeit Georg Warschauer. Ist Jude. Jene sonderbare jüdische Eigenschaft, die unglückliche Liebe zum völlig wesensfremden Deutschtum, der Haß gegen die eigene Abstammung hat seinen Charakter geformt. Hat ihm ein Weltbild gegeben: Deutsche und Juden ist gleich helle Aristokratenrasse und unterdrücktes Pariavolk, ist gleich obere und untere Menschen. Er — ein Teil der Bedrückten, Passiven, Unteren — sucht nach Überkompensation seiner Abstammung: Ganz oben sein, Herr der Herrenrasse, einflußreicher Politiker, überlegener Intellektueller, aristokratischer Gesellschaftsmensch. In der Tropenhitze seines Machtwillens entfalten sich scheußliche Posen des Hochstaplertums und der perversen Erotik, aber auch zugleich die gespenstische Größe seines Intellekts. So sind die unerhörten Erfolge seiner Karriere letzten Endes auf sein Schandmal, seine jüdische Abstammung, zurückzuführen. Krampfhafte Anstrengung kennzeichnet sie, kennzeichnet seine ganze Haltung. Darum war Maurizius, das leichte Glückskind, „Leonhard der Mühelose“, wie er ihn noch heute nennt, das Objekt seines Hasses. Sein belastender Meineid ergab sich als trokkene Selbstverständlichkeit, nachdem er Anna, die Frau, die ihm hörig war, zum Mord getrieben hatte. In den gleichen Tagen, Stunden, Minuten wie sein Sohn erfährt auch der Staatsanwalt Andergast beim Sträfling Maurizius die Wahrheit. Aber Andergast, Beamter bis in seinen Wesenskern, ist nicht imstande, die nötige Konsequenz aus dieser Wahrheit zu ziehen. Rehabilitierung, Wie-

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