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Das jüdische Echo · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · p. Seite 299

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
Seite 299 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 19 Das .Jüdische Echo; LiiüL lllllltlltlllllllllllllll 111 II Hl Feuilleton 111 l|l!l|l llllllllll llllllllll .., 11 llllllllll Der Blutegel Von J e h u d a Schwere Steine lasten auf dem Herzen von Abraham Bulban. Und manchmal scheint es ihm, daß es gar keine Steine seien, sondern Blutegel, kleine Blutegel, viele, viele, die im Innern seines Herzens leben: und zwischen ihnen ein großer Blutegel, er beißt und saugt sehr oft... Und zuweilen, wenn er zu saugen beginnt, möchte er in diesem Augenblick seine Hand in die Brust hineinbringen, um das Herz mit dem Blutegel herauszureißen. „Zweimal zwei sind doch nicht drei und auch nicht fünf, sondern vier... Der Himmel ist oben, die Erde unten ... Das dort ist das Gefängnis ... Droben ist die Spitze der Kirche.. Er wollte sich damit selbst klar machen, daß er nicht wahnsinnig geworden ist, daß seine Urteilskraft noch gesund sei. Und das Wesen jener Begebenheit, wie ereignete es sich von Anfang bis zum Ende? Oft, wenn er im Begriffe ist, seine Erinnerungen auftauchen zu lassen, um die Ereignisse einzeln zusammenzufassen, schrickt und springt er vor dem Anfang des Vorfalls zurück. Er bemüht sich, mit Ereignissen, die noch vor diesem Geschehen sind, anzufangen: Im Grunde genommen blieb er hier zum Pessachfeste provisorisch. Er hatte Karten direkt von Hamburg bis Neuyork sowie genügende Reisegelder. Die Sachen und die Stubengeräte waren schon längst unter die Nachbarn verkauft: er brauchte sie nur den Käufern zu übergeben und von ihnen das Geld zu nehmen. Er hatte sogar schon von vielen Verwandten Abschied genommen. Warum zog er nicht bald nach Purim aus der Stadt, wie es sein Bruder aus Neuyork von ihm verlangte? Weil „er“ zuerst ein Schulzeugnis erwerben wollte. — Brauchte „er“ etwa dieses Zeugnis? Und auch, warum sollte er es verhehlen -- auch seine Frau —, es tat ihnen leid, sich von dem Orte, wo sie die meisten ihrer Tage begraben hatten, so schnell zu trennen. Viele, viele Tränen hatten sie hier vergossen, und oft war hier die Sonne über ihnen aufgegangen. Und ist denn sonst das Leben mehr als ein Schlauch von Tränen und ein einziger Strahl von Sonnenglanz? „Wenn wir nur bald nach Purim weggefahren wären! Oh, die Blutegel saugen!“ Leichten Schritts geht er durch die Straße. Er hört das Klappern seiner Füße auf dem Pflaster und blickt in die Läden ohne Lust. Bald ist er seiner Phantasie unterworfen, und sie stickt in seinem Innern ein Gewebe von Erscheinungen, welche hätte kommen können. Eine Straße in Neuyork. Zur Zeit der Abenddämmerung. Er und seine Frau kehren aus der Fabrik zurück... Nein, aus dem Geschäft. Ein großes Geschäft in der Straße. Ja, in der St.- Louis-Straße. Er schaut auf die Hausnummern undsechzig .. und fünf.. und sechs .. sechshundertsechzig ... und fünf.... und sechs ... sechshundertsiebenundsechzig! Das ist unsere Nummer. Der dritte Stock. In diesem Augblick käme „er“ aus der Schule. Alle drei treffen sich an der Tür. Tafelrunde rings um den Tisch.. Eine Mahlzeit. „Er“, wie es seine Gewohnheit war, beginnt in russischer Sprache ein Lied zu singen. „Oh, Blutegel!“ Steinberg i Er begann nach einer Bai k zu suchen. Er fand eine und lehnte sich an sie, und sein Antlitz war nach unten gekehrt. Es dünkte ihm, daß er, wenn er sein Herz fest an die Wand drückte, erleichtert aufatmen könnte. Einer der Passanten betrachtete ihn, wandte sich dann zu einem anderen Vorbeigehenden und zeigte mit dem Finger auf den Liegenden. Abraham Bulban versteht, was dieser Finger zu bedeuten habe. „Zweimal zwei — vier. Das ist die Spitze der Kirche!“ Er fühlt, daß die Menschen ihn mit starren Augen ansehen. Er steht auf und geht weiter. Und wieder versinkt er in seine Gedanken. Zögernd erlaubt er sich, die letzten Ereignisse, in seinem Gedächtnis zusammenzufassen. Unversehens geschah das alles! Er mußte zwar schon gehört haben, was in den anderen Häusern geschehen war. Er wußte zwar, daß alles in Lebensgefahr schwebte, aber der Überfall auf sein Haus kam plötzlich. Im ersten Augenblick sah er und stellte fest, daß die Streitkräfte nicht gleich seien, denn die Mörder brachen in großer Menge ein. Nichtsdestoweniger gelang es ihm, sich einem im Hofe zu widersetzen, die Axt aus seiner Hand herauszureißen und die anderen aus dem Hofe zu vertreiben. Dieses alles war im Hofe: aber draußen fürchtete er, er fürchtete, daß sie ihn beschuldigen werden. „Oh, hätten sie uns lieber beschuldigt und alle ins Gefängnis gebracht. Oh, Blutegel!“ Und wieder kann er nicht Herr über seine Sinne werden. Wider seinen Willen sieht er vor sich eine Menge von Möglichkeiten, die von seiner Phantasie gewebt werden: Wenn wir so täten, wir bekämen eine Gefängnisstrafe. Die Pogrommörder hätten unser Vermögen geraubt. Aber die Seele wäre doch sicher. Ein Urteil... eine Strafe ... Freilassung ... Freude, Tröstungen. „Oh, Blutegel!“ Und als er sich dann an jenem kleinen Ort verbarg, er wußte, daß sein Sohn im Hofe blieb, er hörte seine Stimme rufen: „Vater!!!“ Und er wußte, wenn er aus seinem Versteck antworten würde, so würde auch „er“ sich dort verbergen können: und er wußte auch, daß die Mörder, wenn er einen Laut von sich gäbe, im Hofe alles bemerken würden. — Und von diesem Augenblick an wußte er nur, daß er sich versteckt hatte. Er wußte, daß er dadurch sein Leben rettete. Und er, er selbst, hörte die Stimme seines Sohnes, die um Hilfe rief: „Vater!!“ Er möchte sich selbst in seiner Tiefe und in seinem ganzen Inneren verstehen: Warum ist er damals aus seinem Versteck nicht herausgegangen? Wahrlich, rein verstandesmäßig betrachtet, konnte er ihn damals mit seinem Herausgehen nicht retten; denn wenn er herausgegangen wäre, hätten sie auch ihn zusammen mit den anderen im Hofe getötet. Aber dachte er denn damals etwa daran? War er denn in jenem Augenblick fähig, verstandesmäßig zu entscheiden? Was war denn das für eine Stimme in ihm, die ihn zu überreden suchte, seinen Atem zurückzuhalten, daß man von ihm nichts erfahre? Wer war er damals? Er? Aber er hörte doch die Stimme seines Sohnes, und er wollte ihn sicher retten und er

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