Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- Seite 266 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Das jüdische Echo / Blätter für die jüdische Frau Nr. 17 Warum ich Jude bin Vor einiger Zeit wurde in diesen Blättern auf die ergreifende Erzählung von Edmond fleg „Der kleine Prophet“ (Deutsch im R. Piper Verlag, München) hingewiesen. Nun ist kürzlich in französischer Sprache eine kleine Bekenntnisschrift von Edmond Fleg erschienen: Pourquoi je suis Juif. (Les Editions des France-Collection „Leurs raisons“). Sie zeigt uns noch zwingender als der Roman die „Heimkehr eines jungen Juden aus der großen, weiten Welt in das strenge, verpflichtende Schicksal des Judentums“. Edmond Fleg widmet sein Bekenntnis seinem „petit-fils pas encore ne“, seinem Enkelkinde, das einst geboren werden wird. — In die Zukunft sprechend, hat die kleine Schrift doch alle Fülle und Innigkeit der unmittelbaren Ansprache, so daß jeder, der sie liest, sich in sie einbezogen fühlen muß. Edmond Fleg wurde in Genf geboren; in Paris wuchs er heran und studierte dort. In seinen jungen Jahren übte sein Elternhaus noch alle frommen Sitten und Bräuche des Judentums. Allmählich bröckeln sie ab. Und allmählich erlischt alles, was jüdisch in ihm war. „Mit zwanzig Jahren dachte icht nichts mehr von Israel in mir zu haben; ich war überzeugt, daß Israel untergehen, daß man in weiteren zwafizig Jahren nicht mehr von Israel sprechen würde. — Die zwanzig Jahre sind vergangen, und noch zwölf andere Jahre, und ich bin wieder Jude geworden, so sehr, daß man mich fragt, warum ich es bin. Und was mir geschehen, kann auch dir geschehen, mein Kind. — Wenn du die Flamme Israels in dir erloschen glaubst, warte: eines Tages wird sie sich wieder entzünden. Das ist eine uralte Geschichte; in jedem Jahrhundert wiederholt sie sich: tausendmal konnte Israel sterben, tausendmal ist es wiederauferstanden. Ich will dir erzählen, wie es in mir gestorben und wie es in mir wieder auferstanden ist, damit auch du es wieder erwachen fühlst, wenn es in dir gestorben ist. Auf diese Weise führe ich Israel bis zu dir: du wirst es alsdann weiterführen, wenn du willst, wenn du kannst. Und wir beide werden dann auf unsere Weise das heilige Gebot gehütet und weitergegeben haben: „Legt diese Reden an euer Herz und an eure Seele, knotet sie zu einem Zeichen an eure Hand, sie seien zu einem Gebind zwischen euren Augen, lehret sie eure Söhne, davon redend!“ Edmond Fleg ist nicht Zionist, aber er ist dem Zionismus begegnet und von ihm tief berührt. Er bezieht ihn ein in sein jüdisches Weltbild. Als junger Mensch wohnt er dem dritten Zionisten- Kongreß in Basel bei. Und was geschah ihm angesichts der vielen fremden Gestalten: er 'fühlte sich jüdisch, sehr jüdisch, aber auch sehr französisch — französisch aus Genf — aber doch Ueberkinger Sprudel Süddeutschlands führendes Tafelwasser Ceneraldepot Eduard Kühles, München Tel 20542 Ledererstr. 12 französisch. Langsam nur erkennt er, wie jüdische und französische Tradition die wesentlichen Komponenten seines Geistes bilden. Aber das Leben, die französische Umgebung, literarische Ambitionen übertönen seinen Wunsch nach Klärung des Jüdischen in ihm. — Er heiratet. Ein Sohn wird ihm geboren. Die jüdische Frage glimmt unter der Oberfläche fort. Eines seiner Dramen hat auf der Bühne Erfolg. Anerkennung, Öffentlichkeit will sich seiner bemächtigen. Plötzlich, einem inneren Drange folgend, entzieht er sich allem und widmet sich ohne Unterbrechung während voller drei Jahre dem Studium des Judentums. In reifen Jahren also beginnt er Hebräisch zu lernen, und über die Sprache und Schriften seiner Urväter findet er zurück zum Judentum. Er fragt: „Gibt es ein Urgedächtnis?“ und antwortet: „Ich zweifle gar nicht mehr; denn was ich lernte, war kein Lernen mehr, vielmehr ein Erinnern war es. Vor allem das Hebräische. Oh, niemals werde ich es beherrschen, wie ich es wünsche! Immerhin, ich weiß nun genug, um überzeugt zu sein, daß niemand Israel verstehen kann, der nicht die hebräische Sprache versteht.“ — Ihm wird zur Gewißheit; Israel hat als erstes unter den Völkern die Idee von der Einheit Gottes und die Idee von der Einheit des Menschengeschlechtes verkündet und in allen Zeiten seiner wechselvollen Geschichte am reinsten bewahrt. Solange diese Ideen nicht von der ganzen Menschheit erkannt und bewährt sind, muß Irael Bestand haben, in sich geeint und doch in der Zerstreuung lebend. Trotz tausendfältigen Abfalls und Verrats ist es der Schatzbehalter dieser Ideen und hütet ihre Reinheit bis zur Einung der Menschheit. — Edmond Fleg ist nicht Zionist und sagt doch ganzen Herzens Ja zu dem zionistischen Unterfangen; denn als Jude und Künstler empfindet, erkennt er in ihm den roten Lebensfaden der Geschichte und der Idee des jüdischen Volkes wieder, der ein Jahrhundert lang fast unsichtbar gewesen ist: „Siehe, in der selbigen Stunde, da die Menschheit beginnt ihre Einheit zu empfinden, beginnt auch die Rückkehr der Juden nach Palästina, die nach den Worten der Propheten an das Wunder dieser Einheit geknüpft ist. Über die ganze Erde zerstreut, kehrt der Jude zu der Erde seiner Vorfahren zurück. Und der Boden, den die Zionisten dort wiedererschaffen, und die Sprache, die sie dort wieder lernen, und all ihre Bemühung ihrer Auferstehung machen es unmöglich, daß die Juden und die Menschheit der ganzen Welt Israel und sein Ideal vergessen!“ „Ob du Israel verlästerst oder ihm folgst, Israel wird bis zum Ende der Zeiten dauern.“ — Solcher Gesinnung, solcher tiefen Einsicht und Liebe, solcher Verknüpftheit mit dem lebendigen Strom jüdischen Lebens wünschen wir uns die Judenheit der Diaspora. Dann wird der Streit um den Zionismus sterben und das Judentum seine Einung finden. Und seine Quellen strömen wieder — zum Nutzen und Frommen der ganzen Judenheit und der ganzen Menschheit. Eines verwandten Wortes eines unserer besten Menschen sei zum Schluß gedacht: Gustav Landauer schrieb einst: „Deutscher Jude oder russischer Jude — diese Ausdrücke empfinde ich als schief, ebenso wie jüdischer Deutscher oder Russe. Ich weiß da von keinem Abhängigkeits- oder Adjektivitätsverhältnis; die Schickungen nehme und bin ich wie sie sind, und mein Deutschtum und mein Judentum tun einander nichts zuleid und vieles zulieb. — G. W.