Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-03-30 · 13/14 (30.3.1928) · p. Seite 213

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
13/14 (30.3.1928)
Date
1928-03-30
Page
Seite 213 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9156875--08370-9081105
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Literarische Beilage Die Nacht des Hufbruchs Aus der Buber-Rosenzweigschen Bibelübersetzung Es geschah zur Mitternacht, da schlug ER jeden Ertsgebornen im Land Ägypten, vom Erstgebornen Pharaos, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstgebornen des Häftlings im Kerker, und jedes Erstgeborne des Viehs. Da stand Pharao auf in der Nacht, er und all seine Diener und all Ägypten, und ein großer Schrei war in Ägypten, es gab ja kein Haus, darin kein Toter war. Er berief Mosche und Aharon in der Nacht, er sprach: Auf, fort aus der Mitte meines Volkes, so ihr, so die Söhne Jißraels! Geht, dient IHM, nach eurem Reden, so auch eure Schafe, so auch eure Rinder nehmt, wie ihr geredet habt, geht! und wirkt auch mir einen Segen! Und stark war Ägypten hinter dem Volk, es eilends aus dem Lande zu schicken, denn sie sprachen: Wir alle müssen sterben. So lud das Volk seinen Teig, eh er säuerte, ihre Backtröge, in ihre Gewänder gebunden, auf ihre Schulter. Die Söhne Jißraels hatten aber nach Mosches Wort getan: Sie heischten von den Ägyptern Silbergerät und Goldgerät und Gewänder, und ER hatte dem Volke Gunst in den Augen der Ägypter gegeben: Sie ließen sich’s erheischen. So schleppten sie Ägypten mit! Aufbrachen die Söhne Jißraels von Ramßes nach Ssukkot, an Sechsmalhunderttausend Männer zu Fuß, ohne das Kleinvolk, auch ging vieles Schwarmgemisch mit ihnen hinauf, dazu Schafe und Rinder, eine mächtig große Herde. Sie buken den Teig, den sie aus Ägypten mitführten, zu Fladenkuchen, denn er hatte nicht gesäuert, denn verjagt wurden sie aus Ägypten und konnten sich nicht aufhalten, und auch Zehrung hatten sie sich nicht bereitet. Der Siedlung der Söhne Jißraels, wie sie in Ägypten gesiedelt hatten, waren vierhundert und dreißig Jahre. Und es geschah nach Ablauf der vierhundert und dreißig Jahre, es geschah an eben dem Tag, da fuhren all SEINE Scharen aus dem Lande Ägypten. Eine durchwachte Nacht war das IHM, sie aus dem Land Ägypten zu führen, und das ist den Söhnen Jißraels allen für ihre Geschlechter diese Ihm durchwachte Nacht. Neue Prosa jüdischer Dichter Unter der Flut der Neuerscheinungen diese; Winters wollen wir auf vier Bücher im folgenden besonders hinweisen, weil sie uns aus zwiefachem Grunde besonders anziehen. Einmal, weil diese Bücher in unmittelbarem Zusammenhänge mit unserer Zeit stehen, aus dieser Zeit herausgeboren sind — ich möchte das auch für den vor dem Kriege entstandenen Roman „Amerika“ von Franz Kafka annehmen —, vor allem aber, weil ihre Verfasser Juden sind, Menschen, die sich in irgendeiner Form in das jüdische Schicksal einbezogen wissen, und deren Ideologie eine, auch im Hinblick auf das hier behandelte Werk, eine typisch jüdische ist. Beginnen wir mit Arnold Zweigs Kriegsroman : „Der Streit um den Sergeanten G r i t z a“. (Gustav Kiepenhauer-Verlag, Potsdam 1928.) Hier ist von dem Geschick eines russischen Kriegsgefangenen das Geschick Fürozas abgeleitet. Was diesem Fritza geschieht, das ist diesem Erdteil geschehen: Ein Passionsweg ungezählter Qualen — um nichts — nicht einmal um die Illusion des Heldischen. Zweig geht mit wohltuender Härte der Wahrheit nach. Er reißt den Behang von der Draperie: Nur leeres Gebälk ragt erbarmenerregend empor. Ein Menschenleben fliegt wie ein Spielball hin und her. Sein Wohl und Wehe hängt von Lappalien ab, als da sind: Zuständigkeitstreit der Ortskommandanturen, Ehrgeizexzesse, Sucht, „ein Eexempel zu statuieren“ — kurz Schneidigkeit in der ganzen Hohlheit des Begriffes. Aber doch um diesen einen armen Menschen blüht die Menschlichkeit der wenigen Friedliebenden. — Zweigs Buch ist bitter und grausam, aber doch gleichzeitig schön. Schön trotz der Härte des Sujets, weil es in der Form reinster Dichtung geschaffen ist, losgelöst von allen Tendenziösem und allein getragen von der echten Leidenschaft des vom Werke besessenen Dichters. Franz Kafka wird den Lesern dieses Blattes kein Unbekannter mehr sein. Wiederholt wurde an dieser Stelle auf seine Bedeutung und seine große, in ihrer Wirkung heute noch gar nicht übersehbare Sprachgewalt hingewiesen. Aus den Schätzen des Nachlasses gab Max B r o d soeben den fragmentarischen Roman „A m e r i k a“ (Kurt Wolff Verlag, München) heraus. Dieses Buch wurde vor dem Kriege geschrieben, von jemand, der nie USA. gesehen hat, und doch haben wir hier die grandiose Vision der nordamerikanischen Großstadt mit all ihrem Zauber und Elend. In die Hölle des unbekannten Landes stellt Kafka mit rührender Liebe einen sechzehnjährigen Knaben. Ehrlich und guten Willens, mit zusammengebissenen Zähnen sucht sich dieser jugendliche Auswanderer Karl Roßmann in die neue Umwelt einzufügen. Sie ist ihm offenbar feindlich, wirft ihn immer wieder zurück — aber schließlich, nach vielen Abenteuern und Gefahren, dringt er doch in sie ein. Karl Roßmann hat ein blindes Vertrauen, er ist noch zu jung, 9 396^0323

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.