Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- Seite 189 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 189 General Motors Automobile Chevrolet LORIN/ER & CO Oakland NymphenburgerStraße128/Telephon 61836 La Salle „Weißt du, Therese, jetzt hör’ mir auf zu heulen, es ist Nacht, ich will schlafen. Hättest du gefolgt. Jetzt hast du’s.“ Nachdem er dies gesagt hatte, wandte er Therese den Rücken und schnarchte wieder. Der Korälek lief es eiskalt über den Rücken und die Füße versagten ihr den Dienst. Sie wankte zu ihrem Bett und fiel wie ohnmächtig darauf. Die Kerze brannte zu Ende und in der Stube war es fast finster. Die Korälek lag auf ihrem Bette mit offenen Augen und hatte den Kopf voll quälender Gedanken. Ans Schlafen war nicht zu denken. Fortwährend ging es ihr im Kopf herum: „Der Gänserich hat nicht verdaut!“ Und bevor der Adler kommen darf, um ihn zu schlachten, werden lange, unendlich lange 24 Stunden verfließen! Wird der Gänserich bis dahin überhaupt noch am Leben sein? Wer wagte es zu hoffen? Und alle ihre schönen Pläne und Absichten sind zunichte! Vergeblich ihre Mühe und Sorgfalt. Sogar ein Geldstück hat sie in die Stopfnudel eingewalgt, damit der Gänserich besser verdaue — umsonst! Sie wird die ehrgeizige Adler nicht übertreffen, den Pfarrer nicht mit der schönen Leber erfreuen, sich selbst nicht an dem Magen und Bürzel delektieren und ihr Mann nicht an dem Flügel... Alles dahin, für immer dahin! Und Tränen, Tränen der Trauer über so viele zerstörte Hoffnungen rannen der Korälek strömend über die Wangen. Wenn sie wenigstens anzünden dürfte, um zu sehen, wie der Gänserich aussieht, wen sollte sie aber mitten in der Nacht wecken? Selbst anzünden? Das würde die Korälek in der heiligen Samstagszeit niemals tun, selbst wenn sie es schwarz auf weiß hätte, daß sie den Gänserich damit retten wird. Weile für Weile stand sie auf und unterzog den Gänserich einer ängstlichen Untersuchung. Leider, leider, der Gänserich wollte nicht verdauen. Niemals hat die Korälek solch eine Nacht gehabt, nicht einmal damals vor elf Jahren, als sie die Zwillinge zur Welt brachte. Diese Nacht war nicht zu überleben, sie konnte kein Auge schließen. Aber alles auf dieser Welt hat ein Ende und so auch langsam und schleppend diese unglückselige Nacht. Kaum begann es zu tagen, bemerkte die Korälek beim ersten trüben Licht, daß der Gänserich traurig auf einem Platze sitze, der Kopf hing ihm hinab und aus dem Schnabel rann ihm gelbes Wasser; — ein trauriges Zeichen. Korälek stand auf, auch die Kinder erhoben sich und alle gingen traurig und verschüchtert umher, wie wenn ein schwer Kranker im Hause liegen würde. Die Korälek ging ganz zerquält mit eingebundenem Kopf herum und die Kinder, von deren Lärm sonst das Haus widerhallte, wagten kein lautes Wort zu sprechen. Korälek entfernte sich verdrießlich nach dem Tempel und die Korälek traf mechanisch wie eine Maschine Vorbereitungen zum Mittagessen. Der Gänserich stand unterdessen geduckter, tiefer hing ihm der Kopf hinab und trauriger sah er vor sich. Aus dem Schnabel rann ihm das unheilkündende Wasser. Mit Angst und Bangen erwartete die Korälek jede Minute sein Ende. Diesen Samstag wird sie sich merken solang sie lebt, um noch ihren Enkeln von ihm zu erzählen. Mittag kam Korälek aus dem Tempel und er hatte noch nicht gegrüßt und sah schon in den Mienen seiner Frau, daß es schlecht stand. Das Mittagessen war nicht besonders gelungen, man nahm es schweigend ein — ein richtiges Traueressen. Nachmittag kam die Adler zu Besuch, besah den Gänserich sachverständig und sagte, daß er den Abend kaum erleben werde; nichtsdestoweniger jedoch werde ihr Mann gleich nach dem Abendgebet kommen, für den Fall, daß der Gänserich wider Erwarten doch noch' ein Fünkchen Leben in sich haben sollte. Wenn der Gänserich nur noch so viel Kraft haben wird, um nach dem Schnitt mit dem Flügel oder dem Fuß zu rühren, so wird er koscher sein. Man soll nicht gleich verzweifeln“, sagte sie und in der Tür fügte sie noch hinzu: „Alle stehn wir in Gottes Hand und Sie dürfen es sich nicht so zu Herzen nehmen, damit sie der Gänserich nicht am Ende noch überlebt!“ Die Korälek war wieder allein. Der Samstagnachmittag wollte nicht vom Fleck und die Korälek, fiebrig erregt, wußte nicht mehr, sollte sie liegen, sitzen oder gehen. Sie erinnerte sich, daß sie heute gar nicht gebetet hatte. Das war ihr noch nie passiert. Sie stand auf und betete, während aber ihre Lippen die bekannten Worte des Gebetes murmelten, weilten ihre Gedanken beim Gänserich. Wird er es aushalten, wird er es nicht aushalten? Unterdessen war der Nachmittag doch um ein Stückchen weitergerückt, wie wenn der Gänserich vielleicht doch noch ...? Die Korälek betete zu Ende und wieder begann das qualvolle Zählen der Minuten und Stunden. Der heranbrechende Abend begann seine grauen Schatten in der Stube zu verbreiten. Der Gänserich stand reglos und sein Kopf berührte schon fast die Erde. Die Flügel hatte er weit von sich gestreckt. Er rührte sich nicht und zuweilen schien es, daß Leben und Atem gänzlich schon aus ihm gewichen wären. Es wurde immer dunkler. Die Korälek stand bei dem Gänserich wie ein Monument und ließ die Augen nicht von ihm. Sie fürchtete, ihn zu berühren und wußte daher nicht, ob er tot oder lebendig sei. Sie selbst war mehr tot als lebendig. B. MARSTALLER kgl. Hofsattler / München Erzeugnisse unserer Großwerkstätten: Schiffskoffer / Schrankkoffer Autokoffer (D. R. Patent) Menage* u. Toilettekoffer FEINE LEDERWAREN Fernruf Nr. 90939 Verkaufsräume Damenstiftstraße 16