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Das jüdische Echo · 1928-03-16 · 11 (16.3.1928) · p. Seite 174

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
Seite 174 (sequence 14)
Language
German
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174 Das Jüdische Echo Nr. 11 Adelholzener Primusquelle Hervorrag. Heilwasser bei Nieren-, Leberu. Blasenleiden Stärkste Rubidiumquelle Europas sehr geeignet zu Hauskuren. B epvii. Dsar'Vlt-nsJ'VT'i" approbierter Apotheker kömmliches Tafelwasser. Hauptniederlage: * ClLl 11110.^1 München 2 NW 3 Theresienstraße 33 Telephon 27471 Lieferant sämtlicher städtischer Krankenhäuser, Sanatorien und Heilanstalten Speisen eine nach der anderen vor, bis er endlich zu der von ihm am meisten geliebten Speise, zur Leber gelangte. Gänseleber . . . Wessen Feder vermag den überirdischen, paradiesischen Geschmack der im Fett herausgebratenen Gänseleber zu beschreiben? Einer Gänseleber, wie sie nur von der geschickten Hand einer hierzu durch eine uralte bewährte Tradition erzogenen Köchin zubereitet wird? Aus den süßen Zukunftsträumen wurde Korälek durch die Stimme seiner Therese unbarmherzig gerissen. „Hör einmal, Korälek,“ sagte sie ungewöhnlich scharf, „mach dir nur ja kein Gusto auf die Leber!“ Korälek riß die Augen weit auf. „Warum sollte ich nicht?“ Die Korälek wurde wütend. „Das hab ich mir gleich gedacht! Ich sag dir nur, laß es dir vergehn, sonst hast du deine Zunge umsonst geschliffen.“ „Ich bin also verrückt! Warum denn?“ „Deswegen, weil wir die Leber dem Nazi schikken.“ Nazi war der hoffnungsvolle Sproß der Ehegatten Korälek und war schon über ein Jabr in Prag in einem Eisenwarengeschäft in der Lehre. Korälek war ganz verdutzt. „Nazi? Warum Nazi?“ fragte er kleinmütig. „Da fragt er noch! Du Gefühlloser! Ist denn Nazi nicht dein? Mußt du denn alles selbst essen? Der arme Junge schindet sich von früh bis abend, das ganze Jahr genießt er nichts, und wenn man ihm etwas schicken will, kommt sein eigener Vater . . . der eigene Vater . . .“ „Laß schon gut sein. Schick die Leber dem Nazi, wenn der Gänserich bis dahin nur nicht draufgeht.“ „Korälek!“ „Nun freilich — Korälek! Ist es denn noch niemals geschehen, daß eine Gans beim Stopfen draufgegangen ist?“ „Korälek, sag ich . ..!“ ^^pernausbildung AlineSanden I Kammersängerin I an der Münchener Staatsoper ■ Ausbildung bis zur Bühnenreife Für verbildete Stimmen besonderen Privatunterricht Anmeldung, Prospekt, Clemensstr. 92 Villa „Carmen“, München, Tel. 360218 „Schon gut! Wenn du eine gescheite Frau und vernünftige Mutter wärst, würdest du die Leber nicht dem Nazi schicken, sondern lieber das Geld dafür, damit er sich etwas kaufen kann. Was wird er von der Leber haben? Fünf andere sind mit ihm im Quartier — ist es denn möglich, daß er ihnen nichts gibt? Und die Quartiersleute selbst haben den Mund auch am rechten Fleck. Gibt er ihnen nichts, ist’s schlimm, gibt er ihnen davon, bleibt ihm nichts übrig. Wir werden von der Leber nichts haben und der Junge auch nicht.“ — Und nun geschah etwas, dessen Korälek nur einmal in einer Ewigkeit Zeuge zu werden pflegte. Die Korälek gab ihrem Manne recht. „Siehst du, Korälek, es ist etwas daran,“ sagte sie bedächtig,“ manchmal hast du doch einen guten Gedanken.“ Korälek zwinkerte genießerisch mit den Augen: „Stückweise wird die Leber die ganze Woche zum Nachtmahl aushalten.“ „Nein, Korälek, glaub das nur nicht. Wenn ich dir schon folge und wir die Leber nicht dem Nazi schicken, so wird sie der Herr Pfarrer bekommen.“ Korälek merkte nun, daß er vom Regen in die Traufe gekommen war. — „Dem hochwürdigen Herrn? Wofür?“ „Du weißt sehr gut, wofür. Wer hat dir zur Ernte, wo die meiste Arbeit war und der Regen zum Herunterfallen stand, das Getreide nach Hause führen lassen? Hast du es schon vergessen?“ „Aber, Therese . ..“ „Schweig, Korälek, und schäm dich! Du weißt wohl auch nicht, wer dir schon über zwei Jahre auf das Pachtgeld von den Pfarrfeldern wartet — du hast es schon vergessen?“ Korälek wußte nicht, wohin den Blick vor dem strengen Blick der Gattin wenden. „Ja, mein Gott. .. der Herr Pfarrer ist ein braver Herr .. . . sicherlich .. . aber .. .“ „So! Wenn du ihm nur die Leber nicht geben müßtest! Ich sage dir, schäm dich Korälek!“ Gleich am nächsten Tag ging die Korälek zu Adlers um Mehl für Gänsestopfer. Seit Menschengedenken haben die Korälek alles zum Haushalt bei Adlers gekauft. Zwischen beiden Familien herrschte ein vorbildlich freundschaftliches Verhältnis — trotzdem Adler und Korälek die einzigen jüdischen Familien im Dorfe waren. Wenn sonst nur zwei Juden in einem Orte sind, so möchte der eine den andern am liebsten in einem Löffel Wasser ertränken. Hier war es jedoch anders: zwischen den beiden Familien war wirkliche Freundschaft. Möglicherweise auch aus dem Grunde, weil sie nicht Konkurrenten waren. Korälek hatte einige Strichlein Felder eigen und einige vom Herrn Pfarrer gepachtet, für die er regelmäßig die Pacht schuldig blieb. Außerdem „handelte“ Korälek auch mit Schnittwaren, indem er sie im Ranzen von Dorf zu Dorf trug. Adler war Inhaber des einzigen Ladens im Dorfe und verkaufte alles, was die Leute zum Leben brauchten. Er war auch Schächter und da er in dieser letzteren Eigenschaft einige Stunden rings in der Umgebung ohne Konkurrenz war, trug es ihm im Jahr ein ganz hübsches Geld ein.

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