Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- Seite 158 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Das Jüdische Echo Nr. 10 berg, Feilchenfeld, Rosenwasser verursachen kein Kopfzerbrechen. Anders ist es schon mit einem Namen wie Riilf. Da hilft uns die Familienüberlieferung, die erzählt, daß bei der allgemeinen Namensgebung in Hessen ein jüdischer Hausvater auf die Frage, wie er heißen wolle, geantwortet habe: „Wiederbach“. Der Bach aber in seinem Dörfchen heiße noch heute der Rülf. Man verstand wohl „Wie der Bach“, und so bekam er den Namen Rülf. Eine andere Geschichte führt uns ebenfalls nach Hessen. In dem wunderbar gelegenen Städtchen Witzenhausen lebten von alters her, viele und meist sehr fromme Juden, die freilich weniger Berührung mit der Literatur hatten. Um die Zeit, wo die Namen gegeben wurden, war dort einer der führenden Männer Herr Eisemann Frenkel, dessen Frau den Vornamen Täubchen führte. Er ist der Vater des nachmaligen Rabbiners Meier Frenkel im selben Orte und hieß ursprünglich Bodenheimer. Als er Täubchen, das einzige Kind des Moses Frenkel, heiratete, verpflichtete er sich zur Annahme des Namens Frenkel, der damit Fortdauer haben sollte. Seine Verwandtschaft nannte den frommen Onkel scherzhaft „den Eisernen Mann mit dem Bleiernen Täubchen“. Dort in Witzenhausen ging nun ein Mausche oder Awrohm zum Maire, um sich den neuen Familiennamen verleihen zu lassen. Er zerfolterte sich aber den Kopf, wie er sich nennen sollte. Ihm wollte kein schöner Name einfallen. Da schoß ihm ein Gedanke durch den Sinn. Der Leiter der Kommission war ein gebildeter Mann. Er werde auf dessen Frage, wie er heißen wolle, antworten, jener solle es einmal raten. Dann werde er eine Reihe von allerlei Namen von ihm hören, und bei dem schönsten werde er zuschlagen, „daß sei der gewählte“. Wie er nun hereinkommt und gefragt wird, antwortet er: „Herr Landrot, roten Sie ’s“. Der aber erwidert: „Rothensüß, ja das ist ein schöner Name“. Und so kam die Familie zu ihrem Namen Rothensüß. Aus Mecklenburg wird erzählt, daß Reb Hersch Schweidt (Hirsch aus Schwedt an der Oder) seinen Schwiegersohn, der von früher her schon den Namen Loewe führte, von einer Höhe, die man dort den Berg nenne, habe herunterkommen sehen, und das habe ihm Veranlassung: gegeben, sich Loewenberg zu nennen. In dem mecklenburgischen Städtchen Waren bekamen drei iw OMNIA NBArTPAHRSCUC * VERTRIEB/' JNCHEN SCHELLINGSTRASSE 39 / TELEPHON 23741/29073 Brüder drei verschiedene Namen; der eine hieß Tobias, den zweiten hatte der Erzähler vergessen, und der dritte, der Wolf geheißen hatte und so gutmütig war, wurde wegen seines guten Herzens Wulfleff (Leff Leiw oder Leb, Herz) genannt. Der Etymologe weiß, daß es Doppelnamen gab und gibt, besonders auch die Namen zweier Tiere zusammen, z. B. Baerloew, Cerfbaer (= Hirsch-Baer) und (in Oberschlesien) Hirschlaff und Hirschleff. Denn diese Silbe leff und laff ist Löwe, so daß Wulfleff „Wolflöwe“ und „Hirsch- Taff „Hirschlöwe“ bedeutet. Die Familie Fiorino in Cassel erzählt über die Entstehung ihres Familiennamens folgende durchaus glaubliche Geschichte: Ihr Vorfahr, der bis dahin den Namen Göttingen geführt hatte, und der sich über den zu wählenden Namen noch nicht klar war, hörte, wie zwei italienische Straßenarbeiter, die wegen ihres Verdienstes eitlen Streitfall hatten, in ihrer italienischen Diskussion immer das Wort Fiorino (italienisch für den österreichischen Gulden) verwendeten. Das Wort gefiel ihm, weil es klangvoll war, und so wählte der hessische Jude, der keinerlei Beziehungen zu den österreichischen Besitzungen in Italien hatte, den Namen Fiorino, der für Inhaber eines Bankhauses gar nicht so ungeeignet ist. Bemerkenswert ist es, daß auf dem hebräischen Grabsteine des ersten Fiorino steht „Alexander Göttingen, genannt Fiorino“. In Buttenwiesen gab es von alters her eine Familie, die den Namen Lammfromm führte. Als vor der hohen Namenskommission zwei Juden erschienen, von denen der eine diesen Namen trug, der andere bisher gar keinen Familiennamen hatte, entschied der Gewaltige: „Der eine hat zwei Namen, der andere gar keinen. Der zuviel hat, wird also dem einen Teil abgeben, *ler gar nichts hat. Lammfromm wird nur noch Lamm heißen, der andere soll den Namen Fromm tragen.“ So die Anekdote. Aber außer Lamm und Fromm gibt es dort immer noch den Namen Lammfromm. Eine andere Kommission: diesmal im Osten der preußischen Monarchie. Im Amtszimmer hängt eine Tafel, auf der allerlei Worte geschrieben sind. Ist es doch in Zivil ein Klassenzimmer der Schule. „Welches soll Ihr neuer Name sein?“ wird gefragt. Der Befragte weist auf ein Wort auf der Tafel und sagt dabei: „Selbiger“. So berichtet die jetzt berlinische Familie Selbiger über die Entstehung ihres Namens. In Borek (Provinz Posen) hießen mehrere nicht miteinander verwandte Familien W e r n e r , ohne sich erklären zu können, wie sie zu dem „christlichen“ Namen gekommen wären. Nun erzählen sie, daß der Bürgermeister auf ihre Frage, was sie da in die Liste schreiben sollten, geantwortet habe: „Wie ich heiße (befehle)“. Das hätten sie so verstanden, daß sie seinen, des Bürgermeisters, Namen, der Werner hieß, dorthin schreiben sollten. So heißen sie nun auch Werner. Ganz ähnlich wird aus 0 b o r n i k erzählt, daß dort der Bürgermeister die Juden gefragt habe, wie sie sich nennen wollen. Als sie zur Antwort gaben: „Wie der Herr heißt (d. i. befiehlt)“, erwiderte er ihnen: „Ihr könnt doch nicht alle so heißen wie ich.“ Sie wairen dort von Jankef Gloser bis zum Schammes herab sehr ungebildet. Nur einer war ein wissensreicher Mann. Ihm gab er den Namen Lehr, „weil er so gelehrt war“. Die aus der Gegend von Gnesen stammenden Familien Selka und Sulke haben die Überlieferung, daß eine ihrer Vorfahrerinnen Suleika geheißen habe. Das ist bei der Vorliebe der östlichen Juden für klin-