Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 155 verlangen, daß sie gerade in diesem Moment die Erfahrungen der letzten Jahre zu würdigen versteht und sich nicht von irgendwelchen Ereignissen überraschen läßt. Es darf nicht wieder, wie in vergangenen Zeiten, eine überstürzte Einwanderung einsetzen, deren schlimme Folgen wir nur allzu deutlich gesehen haben, und außerordentlich viel wird davon abhängen, ob die zionistische Exekutive die Entwicklung beobachtet und kontrolliert, oder ob sie sich selbst überläßt. Denn kein Zweifel darf daran bestehen, daß man einen eventuellen Aufschwung nur dann richtig ausniitzen kann, wenn man sich über seine Ausmaße und Wirkungen im klaren ist. Die unerfreulichen Zustände der 4. Alijah dürfen sich nicht wiederholen! Denn auch darüber muß man sich heute im klaren sein: wenn auch der Wirtschaftsorganismus Palästinas soviel Kräfte gewonnen zu haben scheint, daß er sich aus sich selbst erhalten kann, wenn auch durchaus Möglichkeiten für seine Höherentwicklung aus sich heraus bestehen, der Aufbau des Landes wird doch nur durch Zufluß an Kapital und Menschen von außen her geschehen können. Und das bedeutet mit anderen Worten: da Menschen jetzt und in der nächsten Zukunft nicht fehlen, nach wie vor werden Keren Hajessod und Keren Kajemeth das Aufbauwerk zu tragen haben. Um beide aber steht es im Augenblick nicht allzu günstig. Die Bodenreserve des Keren Kajemeht ist fast erschöpft, eine Tatsache, die man sich nicht oft genug vor Augen führen kann und die jeden anspornen müßte, ihn in seiner Arbeit zu unterstützen. Der Keren Hajessod ist in den letzten Monaten nicht imstande gewesen, die vom Budget vorgesehenen Ausgaben zu decken, so daß fürs erste sogar die für dieses Jahr vorgesehene Konsolidierung noch in Frage gestellt ist. Immerhin ist es der Palästinaexekutive gelungen, durch Tatkraft und Energie den Kredit der zionistischen Organisation wieder herzustellen, obwohl sie im Anfang gegen starke Widerstände innerhalb des Jischuw zu kämpfen hatte. Aus den angeführten Tatsachen ergibt sich, daß die optimistischen Äußerungen der zionistischen Führer durchaus gerechtfertigt sind; das Palästinawerk hat neuerdings nicht nur seine Lebens-, sondern auch seine Entwicklungsfähigkeit bewiesen. Es wäre jedoch verfehlt, alle Schwierigkeiten bereits für beseitigt zu halten und sich einem hemmungslosen Optimismus hinzugeben, eine Anschauung, der auch Weizmann Ausdruck gegeben hat, wenn er sagte, daß er im übermäßigen Optimismus eine größere Gefahr sehe als im unberechtigten Pessimismus. Von den Anstrengungen der Juden im Galuth wird noch für lange Zeit das Schicksal des Aufbauwerkes abhängen und in diesen Anstrengungen sollten sie sich durch nichts behindern lassen, weder durch die niederdrükkende Wirkung einer Krise, noch durch die Aussicht auf eine Hochkonjunktur. I. E. Der Staatszuschuß _ für die bayerischen israelitischen Gemeinden München, 1. März. Die Vollversammlung des Bayerischen Landtags hat in diesen Tagen die Beratung des Kuitusetats abgeschlossen. Bei der Abstimmung über das Kapitel „Kirchliche Zwecke“ wurde auch ein Zuschuß an den Verband der Bayerischen Israelitischen Gemeinden in Höhe von 60 000 Mark genehmigt. Viel belacht wurde im Hause die Tatsache, daß der bekannte Antisemit Streicher für diese Position stimmte, nachdem er am Abend vorher eine zweistündige Brandrede gegen die Juden gehalten hat. Die Sejmwahlen in Polen Schwere Niederlage der jüdischen Parteien infolge der Stimmenzersplitterung Warschau, 6. März. (JTA.) Das Endresultat der am Sonntag in ganz Polen durchgeführten Wahlen zum Sejm liegt noch nicht vor, doch läßt sich nach dem bisherigen Ergebnis feststellen, daß jüdische Abgeordnete nur in reduzierter Zahl in das neue Parlament einziehen werden. Auf den Listen des Blocks der nationalen Minderheiten sind in ganz Polen, soweit bis jetzt bekannt ist, zehn Juden gewählt worden. Die von der Agudas Jisroel aufgestellte Lüste hat kein einziges Mandat erringen können. Der Vertrauensmann der jüdischen Kaufleute Vaclav Wiszlicki wurde auf der Liste der Pilsudski-Partei gewählt. Die Liste der von Priluzki geführten jüdischen Partei; hat ebenfalls kein einziges Mandat erringen können. Auch die jüdische Arbeiterpartei „Bund“ geht ohne Mandat aus. In Warschau steht die Wahl von J. Grünbaum, der auf der Liste des Minderheitenblocks kandidierte, fest. In Galizien wurden drei zionistische Kandidaten gewählt. Man erwartet, daß bei Verteilung der Reststimmen auf die Reichslisten sich ein weiteres jüdisches Mandat ergeben wird. Statt der bisherigen 33 jüdischen Sejmabgeordneten werden im neuen Parlament kaum 14 oder 15 Abgeordnete sitzen, die auf ein jüdisches Programm hin gewählt worden sind. Auf den Listen der Sozialdemokraten sind ebenfalls einige Juden gewählt worden. Die zahlenmäßige Niederlage der jüdischen Parteien wird aber wettgemacht durch den Sieg der Sozialisten und der linken Demokraten und durch den Zusammenbruch des polnischen Nationalismus, dessen Programm die wirtschaftliche Vernichtung des polnischen Judentums ist. Die Sozialisten haben 69 (früher 41), die demokratischen Kleinbauern 38 (26), der Pilsudski-Block 128, die nationalen Minderheiten 90 (80) Mandate errungen. Dagegen haben die antisemitischen Nationaldemokraten und Christlichsozialen von ihren früheren 120 nur 40, die Witos-Großbauern und christlichen Demokraten von 94 bloß 35 Mandate retten können. 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