Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- Seite 140 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Das jüdische Echo / Blätter für die jüdische Frau 140 Ausprobierens und Erfahrung hat sich so ein klarer Weg für Mädchen ergeben, die in Palästina in die Landwirtschaft hineingehen. Sie bilden sich meistens im Ausland zwei bis drei Jahre vor auf irgendeinem landwirtschaftlichen Lehrgut, sie kommen dann nach Palästina entweder als Lohnarbeiterinnen, oder im günstigeren Fall in solch eine Arbeiterinnenfarm. Hieraus ergibt sich dann ein Material, das überall gerne genommen wird, und es ist der Weg vor hier aus gegeben, entweder zur Ansiedlung in einer Kolonie, oder als Lohnarbeiterin, oder die Heirat mit einem Landwirt.. Jedenfalls kann man sich nach dieser Ausbildung eine Existenz schaffen. Diese Arbeiterinnenfarmen haben aber noch eine andere Bedeutung. Wenn man nach Palästina kommt, kann man sich doch nie im Auslande so schon den palästinischen Verhältnissen angepaßt haben, um im Lande selbst nicht noch einen Akklimationsprozeß durchmachen zu müssen, nicht nur körperlich, sondern auch in anderer Beziehung, indem man in eine ganz andere Atmosphäre hineinkommt, und diese Farmen sind eine der Zentren der palästinischen Atmosphäre. Es wird in diesen Farmen nur hebräisch gesprochen. Man beschäftigt sich dort mit sämtlichen Problemen des Landes. Es wird gelesen und gelernt. Es werden Vorträge gehalten und meistens konzentriert sich das gesamte geistige Leben einer Kolonie gerade in diesen Arbeiterinnenfarmen. Natürlich sind die Lebensbedingungen äußerst primitiv, und es ist so, daß das Vieh dort besser versorgt ist als die Menschen, denn die Kuh oder der Stier müssen in den Bilanzen ausgewiesen werden, die Menschen aber bekanntlich nicht. Eine gewisse Sicherheit ist ja insofern gegeben, als es so ist, daß, wenn für einen zu essen ist, alle zu essen haben. Wir sahen uns auch vor der Frage, städtische Frauenberufe zu schaffen. Nun ist es so, was man in Palästina anfängt, fängt man mit sehr viel Schwung an. Die Mädchen wollen alle Arbeit leisten, die nur irgendwie in Betracht kommt (Steineklopfen, Pflügen, Bauarbeit). Das war ein schweres Problem, denn es ist natürlich so, daß auf dem Arbeitsmarkt gelernte Arbeiter es viel leichter haben als ungelernte, dagegen die ungelernte Arbeit oft viel schwerer ist als die gelernte. Als Beispiel führe ich an, daß die Mädchen z. B. bei Bauarbeiten den Arbeitern die Steine heraufreichen mußten, was natürlich weit schwieriger ist, als oben zu stehen und die Steine einzumauern. Es wurden , dann ein paar Versuche gemacht, die auch geglückt sind. Z. B. hat man Mädchen als Maler ausgebildet, d. h. als Zimmerstreicherin. All dies wurde nicht unsystematisch betrieben, sondern die zionistische Exekutive verstand, daß es sich nicht um ein übliches Frauenproblem handele, sondern daß dies Kolonisationsprobleme erster Klasse sind, wenn sie nämlich Arbeit suchten und nicht fanden. Man schuf daher eine neue Stelle, ein Sekretariat für Frauenarbeit beim Arbeitsdepartement. Man machte eine Zusammenstellung alles dessen, was in Palästina notwendig war und versuchte, die Dinge wissenschaftlich anzupacken. Da man eingesehen hatte, daß es für jüdische Mädchen leichter war, in Gruppen zusammen zu leben, beschloß man auch, die Mädchen in den Städten zusammenzuschließen und diese Gruppen schießen heute wie Pilze aus der Erde. Die Einrichtung erfolgt sehr ähnlich wie bei den Arbeiterinnenfarmen. Man erhält ein Stück Boden vom Magistrat der Stadt, und es werden ein paar Zelte oder Baracken aufgestellt. In einem Fall ist sogar schon ein richtiges Ziegelhaus vorhanden, und ferner gehört dazu ein Stück Land für Gemüsebau, Blumenzucht sowie für einen Geflügelhof. Ein Teil der Mädchen, die außen keine Arbeit finden, besorgen die Wirtschaft und die anderen gehen auf Außenarbeit. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, billiger zu wirtschaften und anderseits auch Korporationen zu gründen, die nach außen als Vertreterinnen der Mädchengruppen auftreten können. Natürlich befinden sich alle diese Dinge noch in der Entwicklung. Wir haben eines vor den Frauen in der Diaspora voraus, daß wir auf jungfräulichem Boden bauen. Wir sind nicht behindert durch bestehende, feste Einrichtungen und können versuchen, einfach aus dem Experiment heraus von dem Ziel ausgehend, auf das wir hinstreben, eine vernünftige Ansiedlung zustande zu bringen. Heute, wo wir Erfahrungen hinter uns haben, sind wir soweit, daß wir daran gehen können, einen Austausch zu schaffen zwischen der Judenheit der ganzen Welt und Palästina. Wir können sehr viel von ihnen lernen und ihnen unsere Erfahrungen übermitteln, ganz abgesehen davon, daß, je realer Palästina wird, desto sicherer wird ihm das Interesse aller Juden sein, wie es ja auch heute schon das Interesse der Nichtjuden erweckt. Das unbekannte Heiligtum von Aime Palliere Mit einem Vorwort von Rabbiner Dr. Leo Baeck, herausgegeben vom Heine-Bund, 1927 Es ist oft geschehen und geschieht heutzutage nicht seltener, daß Juden aus Überzeugung zum Christentum übertreten. Sehr selten beobachten wir den entgegengesetzten Fall, daß Christen zum Judentum sich bekennen. Solche Wandlungen sind so ungewöhnlich, in herbster Einsamkeit vollzogen, daß ihre Bekenner — im Gegensatz zu dem ursprünglichen Judentum, das derartige Bekenntnisse nicht aufzuweisen und nicht nötig hat — die Nötigung fühlen, ihre religiöse Bekehrung den Menschen darzustellen. Ein solches Bekenntnisbuch ist die Bekehrungsschrift des Franzosen Aime Palliere, einem Sohne der katholischen Kirche. Erschütternd durch die Bescheidenheit und Reinheit, die absichtslose Einfachheit und große Sachlichkeit, in der seine Entwicklung zum Judentum hier geschildert ist. Er schildert die eigentümliche starke Wirkung des jüdischen Gottesdienstes auf den religiösen Menschen, dessen Kindheits- und Jugendeindrücke von der so gewaltigen katholischen Kirche geprägt worden sind. Und die unnennbare Kraft der heiligen Sprache. Wir erfahren von der seltsamen Begegnung mit Elia Benamozegh, Rabbiner und Gelehrter in Livorno, eine der eigentümlichsten jüdischen Gestalten im vorigen Jahrhundert. Mit der Zurückhaltung des souveränen Erziehers läßt er den Jüngling selber die Wahrheit ‘suchen, der sich nach des Meisters Tode seine Grundthese ganz zu eigen macht. Sie lautet: „Die Menschheit kann zu den wesentlichen Prinzipien, auf denen die menschliche Gesellschaft beruhen soll, nicht emporsteigen, ohne Israel zu begegnen. Israel seinerseits kann seine nationale und religiöse Tradition nicht vertiefen, ohne der Menschheit zu begegnen.“ G. W.