Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- Seite 139 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Blätter für die jüdische Frau Nr. 4 München, 2. März 1928 Frauenarbeit in Palästina Von Gerda Arlosoroff Der Bund zionistischer Frauen gab sein 9. Rundschreiben heraus. Wir entnehmen ihm diesen Auszug eines Reterates. Heute, wo wir in Palästina mitten in der praktischen Arbeit stehen und auf vielen Gebieten Versuche gemacht und Erfahrungen gesammelt haben, haben wir es nicht mehr mit einigen theoretischen Problem-Komplexen zu tun, sondern mit praktischen Fragen, die sämtlich auf ihre Lösung warten. Die Frauenarbeit in Palästina ist kein für sich abgesondertes Gebiet, nur von Frauen und für Frauen, die mit der praktischen Arbeit insgesamt nichts zu tun hat. Sie ist ein Teil unserer Kolonisation überhaupt, der zufällig oder nicht zufällig von Frauen und für Frauen gemacht wird. Wir haben Frauenfragen in Palästina seit dem Beginn unserer Arbeit überhaupt. Nicht eine Frauenbewegung im europäischen Sinn, z. B. der Gleichberechtigung, des Wahlrechts, sondern wir haben es de facto mit Kolonisationsproblemen bei Frauen zu tun. Die Frage der politischen Gleichberechtigung der Frau ist bei uns mit dem Beginn der zionistischen Organisation gelöst. Wir haben aktives und passives Wahlrecht. Wenn es in Palästina auch eine Frauenorganisation für das Stimmrecht gibt, so hat dies mit dem konfessionellen Recht zu tun, da in diesem Rabbinatsgesetz die Frauen noch eine abhängige Stelle einnehmen. Doch auch hier herrscht bereits die Tendenz, eine Modernisierung durchzuführen. Dieses ist ein besonderes Kapitel. Wichtig ist vor allem die berufliche Ausbildung in Palästina. Als die zionistische Organisation an die praktische Arbeit heranging, konzentrierte sie sich darauf, eine Landwirtschaft zu schaffen. Zwei Gesichtspunkte hat sie sofort erkannt: daß Palästina ein Agrarland ist und bleiben muß und daß eine Renaissance des jüdischen Volkes sich nur durchführen läßt, wenn die Juden in jeder Beziehung normalisiert werden. In allen Ländern der Diaspora haben wir unter Juden Kaufleute, Akademiker und eine Anzahl Handwerker. In Palästina, wo alles von Juden gemacht werden sollte, hatten wir wahrscheinlich viel mehr Leiter der Universität als Straßenkehrer. Wir brauchen jüdische Landwirte, und es wäre die Schaffung des jüdischen Bauern sinnlos ohne jüdische Bäuerin. Dieses hat man früh erkannt und Ansätze zur praktischen Lösung gemacht. Es hat aber lange Zeit bis zum heutigen Standpunkt gedauert, bis man. einen klaren Weg sah, wie man aus dem jüdischen Mädchen eine jüdische Landarbeiterin macht, die allen Anforderungen gewachsen ist. In Palästina gibt es auch die Berufe, die man im Auslande gewöhnt ist (Stenotypistinnen, Kindergärtnerinnen usw.). Was wir aber bei der Heranziehung der anderen Berufe für Frauen versuchten, ist interessant und lehrreich, besonders für die Stellen, wo man bis heute diese Fragen nicht kennt und bearbeitet. Eine Ausbildung zu bestimmten Berufen wird in den durchschnittlichen Ländern durch Schulen vermittelt. Auch diesen Weg ist man in Palästina gegangen. Die W i z o hat die erste landwirtschaftliche Schule im nahen Osten, Nahalal, die 60 Schülerinnen ausbildet, geschaffen und erhält sie. Die Schule steht unter der Leitung von Frau Meisel-Schochat. Natürlich konnte man sich hier nicht begnügen, da diese Schule eben immer nur 60 Mädchen ausbilden kann und solche Schulen auch sehr kostspielig sind. Man mußte einen anderen Weg finden, der für uns gangbar war, und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil wir mit besonderen Bedingungen und besonderem Material zu rechnen haben. Es handelt sich nicht um irgendwelche Menschen, d,ie einfach als Schüler in die Schule zu gehen haben, sondern z. B.. um Studentinnen, die von der Universität kommen, um erwachsene Menschen einer hohen Kulturstufe, die in möglichst kurzer Zeit viel lernen wollen und die nicht nur darauf ausgehen, zu lernen, wie man eine Hühnerzucht macht, sondern die für den Gesamtbetrieb einer Landwirtschaft ausgebildet werden wollen. Unter diesem Gesichtspunkt entwickelte sich ein neuer Weg, um unsere Mädchen für die Anforderungen des Landes fähig zu machen. Dieser Weg bestand in der Schaffung der sogenannten Arbeiterinnenfarmen. Solche Arbeiterinnenfarmen gab es bis vor kurzem nur wenige. In den letzten Jahren vermehrten sie sich, weil wir eingesehen haben, daß sie sich gut durchsetzen. Sie kosten verhältnismäßig wenig Geld, sind leicht rentabel und erreichen das Ziel, das uns vorschwebt. Sie sind auf sehr primitive Art und Weise hergerichtet, im besonders günstigen Falle in paar Baracken, dann werden Hühner- und Kuhstähle errichtet. Man sieht darauf, daß diese Farmen in gesunden Gegenden liegen, in denen keine Malariagefahr besteht, nahe an einer Kolonie, so daß die Farmen entweder in der Kolonie oder in der nahen Stadt einen Absatzmarkt für ihre Produkte haben. Wir können heute, nach einer jahrelangen Erfahrung, sagen, daß wir ein gut Teil von dem erreicht haben, was wir uns vorgenommen hatten. Die Mädchen, die von dort aus nach zwei bis drei Jahren nach einem Arbeitsplatz gehen, sind ein sehr gesunder, ernsthafter und arbeitsfroher Menschentypus. Dieser eine Weg scheint zu einer wirtschaftlichen Entwicklung der Frauen sehr wichtig. Wie gut sich diese Farmen eingebürgert haben, zeigen drei Tatsachen. Erstens, daß sie nach einer kurzen Zeit sich selbst erhalten können, und das nicht nur aus den vorherigen Gründen, weil sie nämlich in eine günstige Situation gesetzt werden, sondern weil sie eine große Arbeitsfreude erzeugen, und' man zeigen will, was man auch ohne Männer fertig bringen kann. Es gibt bei diesen Farmen keine Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Auch wird in diesen Farmen das Werkzeug, das Material, der Tierbestand viel sorgfältiger gehalten als in sonstigen Betrieben, weil Frauen gerade in diesen kleinen Dingen sparsamer als Männer sind und heute gelten unsere Arbeiterinnenfarmen als Betriebe, die sich viel schneller durchsetzen. Im Laufe eines jahrelangen