Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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138 Das Jüdische Echo Nr. 9 Jlill ■1111 INI 111 11 Feuilleton | 111 III um um llllllllll Das ganze Jahr betrunken und am Purim nüchtern Von Jizchok Leib Perez Es ist ein verbreitetes jüdisches Sprichwort; man sollte aber auch wissen, woher es kommt. In den Tagen des Rabbi Chaim Vital lebte in der Stadt Zfas ein junger Mann, der, auf keinem von uns sei es gesagt, kaum ein Jahr nach seiner Hochzeit Witwer wurde. Der junge Mann glaubte, daß für ihn die Welt untergegangen sei, daß ebenso, wie es am Himmel nur eine Sonne gäbe, seine Frau die einzige Frau auf der Welt gewesen sei. Nun ging er hin, verkaufte seine ganze Habe und übergab den Erlös dem Rektor der Jeschiwe von Zfas mit der Bedingung, daß man ihn in die Jeschiwe aufnehme, ihn dort mit den anderen Schülern ernähre und ihm eine eigene Kammer zuweise, wo er in völliger Einsamkeit lernen könnte. Der Rektor nahm die Schenkung an und ließ auf den Dachboden der Jeschiwe einen eigenen Bretterverschlag für den jungen Mann bauen und ihm einen Strohsack und ein Waschgeschirr geben. Und der junge Mann ging ans Lernen. Außer am Sabbat und an den Feiertagen, wo er bei den Bürgern der Stadt zu Gast geladen war, sah er keinen lebenden Menschen; das Essen für die ganze Woche und das reine Hemd für den Sabbat oder Festtag pflegte ihm der Schuldiener hinaufzubringen. Und wenn der junge Mann seine Schritte auf der Treppe hörte, wandte er sich jedesmal zur Wand und stand, das Gesicht der Wand zugekehrt, bis der Schuldiener wieder hinausgegangen war und die Türe hinter sich verschlossen hatte. Mit einem Wort — er wurde ein Porusch.1 Anfangs glaubten die Leute, daß er es nicht lange aushalten würde; er war ja vorher so lebenslustig gewesen. Es verging eine Woche, und noch eine Woche, und der Porusch saß noch immer da und studierte. Selbst um Mitternacht hörte man draußen auf der Straße, wie er mit trauriger Stimme lernte, oder man sah ihn am Fensterchen seiner Bodenkammer stehen und zum Himmel emporschauen. Das gefiel den Leuten, und sie fingen zu hoffen an, daß aus dem Porusch dereinst ein Großer in Israel und vielleicht gar ein Kabbalist und Wundertäter werden würde. Man berichtete das auch dem Rabbi Chaim Vital. Er aber schüttelte den Kopf und sagte: „Wenn er es nur aushält...“ Nun geschah ein kleines Wunder. Des Schuldieners Töchterlein, das dem Porusch manchmal das Essen hinaufbrachte, hatte das Verlangen, den Porusch wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Was tat sie? Sie zog Schuhe und Strümpfe aus und trug ihm seinen Brei barfuß hinauf: sie schlich so leise, daß sie ihr eigen Herz klopfen hörte. Nun erschrak sie aber vor ihrem eigenen Herzklopfen, stürzte die Treppe hinunter und war nachher einge Monate krank. In ihrem Fieber erzählte sie die ganze Geschichte, und die Leute glaubten von nun an noch stärker an den Porusch und hofften mit noch größerer Ungeduld, daß er sich als heiliger Mann offenbaren werde. Auch das berichtete man dem Rabbi Chaim Vital. Er schüttelte wieder den Kopf, seufzte und sagte: „Wenn er nur die Kraft dazu hat!“ Und als 1 Porusch — eigentlich „Abgesonderter“, ein Mann, der seine Frau verlassen und, ohne von ihr geschieden zu sein, als Art Mönch ausschließlich dem Gebet und dem Studium lebt. man in ihn drang, daß er diese Worte erkläre, sagte er noch: „Da sein erster Entschluß nicht vom Himmel kam, wird er großen Versuchungen ausgesetzt sein. Daß er nur nicht strauchle...“ Rabbi Chaim Vital pflegte aber nichts so ins Blaue hinein zu sagen! Einmal sitzt der Porusch, in ein Buch vertieft, in seiner Kammer, als er plötzlich draußen vor der Türe etwas picken hört. Ihn befällt eine Unruhe. Es pickt aber immer weiter und weiter. So erhebt er sich von seinem Platz, .vergißt sogar das Buch zuzumachen und öffnet die Türe. Und wie er die Türe öffnet, steht draußen ein Truthahn. Und er läßt den Truthahn ein. Nun kommt ihm der Gedanke, daß es ganz gut wäre, wenigstens eine lebende Seele in seiner Kammer zu haben. Seine Frau pflegte ja Singvögel zu halten... Der Truthahn kommt in die Kammer und setzt sich ganz still in einen Winkel. Der Porusch grübelt, was das bedeuten mag und setzt sich schließlich wieder an sein Buch. Und wie er so sitzt, fällt ihm ein: bald ist ja Purim, und darum hat ihm der Himmel zum Lohn für sein Lernen einen Truthahn geschickt. Was wird er aber mit dem Truthahn anfangen? Wenn ihn jemand zum Purim einlädt —■ sagte er sich — und vielleicht gar ein armer Mann, so wird er am Vorabend den Truthahn hinschicken und am nächsten Tage auch selbst etwas davon haben. Seitdem seine Frau gestorben ist, hat er noch kein einziges Mal Geflügel gekostet. Und wie er sich das denkt, läuft ihm schon das Wasser im Munde zusammen. Er wirft einen Blick auf den Truthahn und sieht, daß der Truthahn ihn so freundlich anschaut, als ob er seinen Gedanken erraten hätte und sich freute, daß ihm die Gnade bevorstehe, vom Porusch gegessen zu werden. Nun kann sich der Porusch nicht länger beherrschen. Er blickt jeden Augenblick vom Buche auf und schaut den Truthahn an. Und es scheint ihm, daß der Truthahn ihm zulächelt. Er erschrickt ein wenig, hat aber doch ein gewisses Vergnügen daran, daß ein lebendiges Wesen ihm zulächelt... Und ebenso ist es auch beim Nachmittags- und Abendgebet. Während des Gebets der Achtzehn Segenssprüche kann er sich unmöglich beherrschen und schaut jeden Augenblick zum Truthahn hinüber. Und der Truthahn lächelt ihm immer zu. Plötzlich kommt es dem Porusch vor, als ob er dieses Lächeln schon seit langer Zeit kennte... Als ob der Schöpfer der Welt, der ihm seine Frau genommen hatte, ihm ihr liebliches Lächeln geschickt hätte, damit es ihn in seiner Einsamkeit tröste. Und er gewinnt den Truthahn lieb und sagt sich, daß es doch gut wäre, wenn ihn zum Purim ein Reicher einladen würde und der Truthahn am Leben bleiben könnte ... Wie wir später sehen werden, kam ihm dieser Wunsch in einem glücklichen Augenblick. Indessen brachte man ihm, wie jeden Tag, eine Schüssel Brei und ein Stück Brot hinauf. Er wusch sich die Hände und begann zu essen. Wie er aber das Stück Brot in die Hand nahm, kam der Truthahn uas dem Winkel heraus und fing zu picken an, womit er sagen wollte, daß auch er Hunger habe. Und er stellte sich vor den Tisch. Denkt sich der Porusch: „Soll er nur essen, ich werde daran nicht zu Grunde gehen ...“ Er stellte