Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- Seite 122 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Das Jüdische Echo Nr. 8 Nach stundenlangem Marsch war ich bis zum Fuß des zerklüfteten Dschebel Muntar — dem höchsten Vorberg im nordwestlichen Gebiet des Toten Meeres — gekommen, als plötzlich eine bisher unsichtbare Mulde hart am Weg auftauchte, in der 10—12 Beduinen mit einigen Frauen hockten. Ich wollte Vorbeigehen und rief ihnen einen freundlichen Gruß zu — da schlugen sie wie auf Kommando ihre weiten Überwürfe zurück, zeigten ihre Pistolen und Dolche und geboten mir ein energisches Halt. Emer solchen nachdrücklichen Aufforderung mußte ich Folge leisten. Als sie aber jetzt die Frauen wegschickten, war ich auf alles gefaßt. Ich mußte an den jungen Tschechen denken, der mit seiner Frau von Beduinen ermordet worden war, an den Karlsruher Studenten, dessen Leichnam man in einer Hyänenhöhle fand und von dem man nicht wußte, ob er verdurstet oder von Beduinen umgebracht worden war. Mir blieb nicht viel Zeit zum Überlegen. Schon rief mir der Alte in der Mitte — wohl der Scheich — zu: „Had il nadur!“ („Gib das Fernglas her!“); ich hatte es leichtsinnigerweise offen um den Hals gehängt getragen. Ich reichte es ihm mit einem gezwungenen Lächeln und sagte höflich: „Tfaddall“ („bitte sehr“), und während mein schöner Zeiß von Hand zu Hand wanderte, um schließlich wieder bei dem Scheich zu landen, setzte ich mich nach Landesart mit untergeschlagenen Beinen ihnen gegenüber und fühlte mich fast wie ein Zuschauer bei einem spannenden Schauspiel. Ich zog eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, warf — wie ich es bei den Beduinen selbst oft gesehen hatte — jedem eine vor die Füße, und während sie mit ihren Luntenfeuerzeugen die Zigaretten in Brand setzten, kam mir meine Situation schon wesentlich günstiger vor. Jetzt war mir nur noch der Gedanke unangenehm, daß sie mir sicher bald auch die Schuhe abnehmen würden, und wie sollte ich den mindestens sechsstündigen Weg bis Jerusalem barfuß über Steine und Disteln zurücklegen? Nun verlangte der Alte meine Uhr. Die wollte ich aber nicht ohne weiteres hergeben; deshalb machte ich eine ausholende Handbewegung zum Himmel: „Dort, die Sonne ist meine Uhr“, und zur Bekräftigung fügte ich gleich hinzu: „Es sind jetzt noch sieben Stunden bis zum Sonnenuntergang.“ Es folgten ein paar Fragen über Woher und Wohin. Während ich noch erzählte, daß ich spazieren gehe (schum il haua — die Luft einatmen, wie es der Araber so schön nennt), um von der Höhe des Dschebel Muntar aus den herrlichen Blick auf das Tote Meer zu genießen, kam schon die nächste Aufforderung: „Gib deinen Rucksack her.“ Ich stand umständlich auf, legte ihn in die Hände des Scheich und half ihm noch beim Öffnen. Zuerst kamen meine beiden großen Feldflaschen zum Vorschein und dann meine schöne Tourenapotheke aus Aluminium mit den zahlreichen Dosen und Büchsen, die mir einst meine Münchener Freunde zum Abschied geschenkt hatten, und die mich jetzt auf allen meinen Ausflügen begleitet. „Schu hada?“ (..was ist das?“) fragte der Alte. „Hada ..... Friedrich Hahn Feinkost und Lebensmittel München, Theatinerstraße 48, Telefonruf Nr. 24421 Freie Zusendung ins Haus Daua“ („Das ist Arznei!“) lautete meine Antwort. Der Scheich fragte, ob ich Arzt sei. Dabei fiel mir ein, daß ihnen ja der Arzt, Hakim, wie sie ihn nennen, heilig und unantastbar ist, und so gab ich mich einfach als Arzt aus. Aber bei meinen Gegenübern fand ich ein ungläubiges Lächeln, als ob sie meine List durchschaut hätten, und der Scheich sagte, daß er an Kopfschmerzen leide. Ich fühlte ihm den Puls, strich ihm über die Stirn, ließ mir seine Zunge zeigen und öffnete dann die Tourenapotheke. Zwischen den vielen Tuben griff ich wahllos eine heraus: „Baldrian gegen Collaps und Krämpfe“ stand darauf. Ich steckte ihm eine Tablette in den Mund, — schaden kann sie ihm nicht, und sein Kopfweh ist ja sicher nur geflunkert. Erst verzog sich seine Miene — es schien bitter zu schmecken. Ich sagte ihm, daß er morgen wieder ganz gesund sein werde und wünschte ihm, daß er und sein Haus von Krankheit und bösen Geistern verschont bleiben möge. Nun schien er wie umgewandelt und mit ihm alle seine Getreuen. „Ich sehe, daß du wirklich ein Arzt bist“, sagte er und holte aus seiner schmutzigen Tasche ein paar trockene Datteln, die ich essen mußte. „Ja, aber was tust du hier?“ fragte er nochmals. Nun spielte ich meine Rolle weiter und erzählte ihm, daß ich Pflanzen und Kräuter zu Arzneien sammle. Ich benutzte die gute Gelegenheit, um meinen Rucksack wieder an mich zu nehmen, holte aus der Vordertasche meine Landkarte heraus und sagte ihm, daß alle für mich wichtigen Plätze auf dieser Karte aufgezeichnet seien. Dann las ich ihm die Namen einiger Wadis und Wasserlöcher der nächsten Umgebung vor und deutete dabei immer mit der Hand in die Richtung. Der Alte nickte beifällig zu meinen Kenntnissen. Als ich den Rucksack wieder zumachen wollte, reichte mir einer meine Feldflasche rüber und auf einmal hatte ich auch mein Fernglas wieder in der Hand. „Aber wie kannst du hier allein gehen?, es gibt ja überall Räuber“, sagte der Scheich. Anwesende nicht ausgeschlossen, dachte ich und mußte mich beherrschen, um nicht laut zu lachen. Dann erzählte ich ihm, daß ich überall zu Fuß gegangen bin und mir keiner etwas Böses getan hat. Aber er ließ nicht locker. „Es ist gefährlich, hier allein zu gehen, ich schicke Leute mit dir, wenn du auf den Berg hinaufsteigen willst.“ Ich lehnte dankend ab mit dem Hinweis, daß ich kein Geld bei mir habe, um Begleiter zu bezahlen. Aber da ist er richtig beleidigt: „Ich, Scheich ’ld, Haupt der Abu-Nuser-Beduinen, nehme doch kein Geld von einem Hakim.“ Ich legte zum Zeichen der Anerkennung meine Hand aufs Herz und grüßte so zu ihm herüber. Eine halbe Stunde später saß ich unter seinem nahegelegenen Zelt und habe ihn sowie einige seiner Kumpane heimlich geknipst, während draußen der Kaffee im Mörser zu Ehren des Gastes gestoßen wurde. Als ich dann den würzigen, ungesüßten Kaffee geschlürft hatte und die unzähligen Abschiedsformeln mit Scheich ’ld Abu-Nuser ausgetauscht hatte, zog ich mit drei stämmigen Begleitern hinauf auf die Höhe. Von dort genoß ich den herrlichen Blick über das Tote Meer, das in weiter grüner Fläche greifbar nahe vor mir lag und weit hinüber nach den Bergen Moabs, die rot in der Sonne glänzten. Ich durfte nicht allzulange verweilen, wenn ich noch vor der Dunkelheit nach Jerusalem kommen wollte. Es war schwer, meine Begleiter schon am Fuße des Berges zu verabschieden. Sie waren um mein Wohl so besorgt, daß sie am liebsten bis nach der Stadt gegangen wären, und noch lange hörte ich hinter mir ihre Rufe: „Ma’i salami!“ („Zieh in Frieden!“).