Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Das Jüdische Echo Nr. 8 Kleinbürger, daß es eine jüdische Schicksalsgemeinschaft gibt, der man nicht durch den Hinweis auf den noch schlechter gestellten Ostjuden zu entrinnen vermag. Der andere Versuch, so zu tun, als ob religiöser Liberalismus identisch wäre mit politischem jüdischem Liberalismus, ist in den weitesten Kreisen als eine Täuschung erkannt. Im Grunde genommen hat also der Liberalismus kein eigentliches Programm und sein Kampf ist nichts als eine kleinliche Kehillesache, bei der es mehr auf Erlangung von Ehrenstellen und Kowedpöstchen ankommt als auf die Durchsetzung von Prinzipien, die nur noch rudimentär vorhanden sind und an die man selbst nicht glaubt. Nun gibt es nach Heine nichts Verbisseneres und Bösartigeres als einen Krämer, der zusehen muß, wie seine Kundschaft zur Konkurrenz läuft. Ein solcher von seiner Kundschaft verlassener Kaufmann kann sich in der Verunglimpfung, Verdächtigung und Verleumdung seines Konkurrenten nicht genug tun. In der gleichen Situation befinden sich die Berliner Gemeindeliberalen, die, trotz der veränderten Mehrheitsverhältnisse noch immer verlangen, in allen Gremien genau so vertreten zu sein wie in jenen schönen Tagen, da sie allein die ausschließliche Mehrheit besaßen. Das Jammern der Liberalen, daß die Berliner Jüdische Gemeinde in den Rat des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden nicht wieder zwei Liberale entsandt hat, wie vor einigen Jahren, ist darum geradezu lächerlich. Die Opposition hat eben die Mehrheit und es ist nur recht, daß sie eine von diesen Ratstellen für sich in Anspruch nimmt. Etwas Ähnliches spielt sich im Falle der Bestimmung eines Sachverständigen beim Preußischen Kultusministerium ab. Von liberaler Seite, die absolut nicht imstande ist. einen geeigneten Kandidaten zu stellen, wird Zeter und Mordio gerufen, weil man einen ihnen nicht genehmen Kandidaten für diesen Posten präsentieren will. Dabei ist zu bemerken, daß dieser Kandidat, ein Nichtzionist, unter den gegebenen Verhältnissen der einzige in Betracht kommende Anwärter ist. Diese Frage, übrigens eine Angelegenheit vierten Ranges im Verhältnis zu den großen Problemen und Aufgaben der Berliner Jüdischen Gemeinde, wird mit einem Aufwand von Schimpfwörtern aufgebauscht, als ob es sich um ein zum Himmel schreiendes Verbrechen handeln würde. Den Liberalen würde es wohl passen, wenn man für diese Stelle irgendeinen Herrn nominieren würde, der für seine Agenden die gleich profunden Kenntnisse auf jüdischem Gebiete mitbringen würde, wie seinerzeit der von ihnen in der Berliner Jüdischen Gemeinde bestellte Schuldezernent für sein Amt. In der letzten Repräsentantenversammlung vom 16. Februar gelangten alle diese Dinge zur Verhandlung, und die Redner der Mehrheit, insbesondere Mitglieder der Jüdischen Volkspartei, sprachen mit den Liberalen ein offenes Wort, indem sie die liberale Komödie klarlegten. All diese schönen Worte, die die Liberalen in den Mund nehmen, sind nicht so ernst gemeint; die Entrüstung der Liberalen kommt nicht aus dem Herzen, sondern aus der Leber, das Ganze ist ein ausgeklügeltes System, durch fortgesetztes Reden von Krise, Unwahrhaftigkeit und ähnlichen Dingen die öffentliche Meinung zu verwirren, um dann im Trüben fischen zu können. Die Liberalen haben von der Urteilsfähigkeit der jüdischen Massen doch eine zu schlechte Vorstellung, wenn sie glauben, auf diese Weise wieder zur Mehrheit und zur ausschließlichen Herrschaft im jüdischen Leben zurückkehren zu können. Es wird dafür gesorgt werden, daß diese Sehnsüchte der Liberalen keine restlose Erfüllung finden. Die Zeiten sind vorbei, wo man mit der Aufrichtung eines Zionisten- oder Ostjudenschrecks Wahlerfolge erlangen konnte. Es hat sich bereits herumgesprochen, daß der beklagenswerte Zustand von Abfall, Zersetzung und Schwächung des deutschen Judentums eine Folge der jahrzehntelangen liberalen Alleinherrschaft ist und daß dieses Ergebnis hauptsächlich die am meisten Schuldigen, die Liberalen, belastet. a. k. In dubiis libertas Zur Hauptversammlung des Centralvereins In dubiis libertas! Das heißt: In Zweifelsfragen Freiheit, Ludwig Holländer, der Direktor des Centralvereins, schloß mit diesem Wort sein Referat über ,,Abwehrverein oder Gesinnungsverein“ auf der Hauptversammlung des Centralvereins, nachdem er vorher ausgeführt hatte, daß es zwar in den Hauptfragen kein Kompromiß geben könne, daß aber die Stellung zum Palästinaaufbau keine Kardinalfrage, daß sie eine Nebensache sei. Der ganze Verlauf der Hauptversammlung aber bewies — und das scheint uns sehr verständlich —, daß die Haltung zum Palästinaaufbau zwar bestimmt eine Zweifelsfrage, keineswegs jedoch eine Nebenfrage für den Centralverein ist, und dies auch nicht sein kann; wurde doch die Auseinandersetzung erst am dritten Tage so recht lebhaft, wo eben diese Frage zur Debatte stand und konnte doch sogar der Staatssekretär Professor Julius Hirsch nicht umhin, sie ebenfalls zu berühren in seinem Referat über „Die Stellung der Juden im deutschen Wirtschaftsleben“ — zu dem vielleicht auch noch einiges zu sagen sein wird, wenn es erst gedruckt vorliegt —, wozu an sich gewiß kein Anlaß vorhanden gewesen wäre. In der Aussprache zeigten sich drei verschiedene Richtungen; eine intransigente, scharfmacherische unter Führung von Georg Mecklenburg, die den Centralverein auf eine extreme Zionistenfeindschaft festlegen möchte, eine mehr gemäßigte, vertreten von Ludwig Holländer und Brodnitz und schließlich eine, auch zahlenmäßig gar nicht einmal schwache, die der Mitarbeit am Palästinaaufbau sympathisch gegenübersteht. Zu den Wortführern dieser letzten GENERALVERTRETUNG Job-Häusler Thierschstr.fc0:Tel:26482u.296995