Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 6 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Das Jüdische Echo Nr. 6 Zionistische Ortsgruppe München und Jüd.Turn* u. Sp.*V. Bar Kochba KOSTÜMFEST unter dem Motto: Tohuwabohu Morgen,Sonntag den 12 m Februar abends 7,9 Uhr in den oberen Räumen d. Hot. Bayer. Hof Prächtiger Festzug Prämiierung der schönsten Maslc en Tombola, Büfett und Überraschungen Sämtliche Damen tragen Visier und können bis zur Demaskierung auch d. Herren zum Tanz auffordern! Karten an der Abendkasse zu Reichsmark 3.50 Studenten und Bar-Kochba-Mitglieder (welche ihre Beiträge bis Ende 1927 bezahlt haben) erhalten Vorzugskarten nur im Vorverkauf bei Orljansky, Neuhauser Straße 29, zu RM. 2.— ganz bescheidene Wirkung auf die Verbesserung ihrer Lage ausüben. Kulturelle und nationale Wirkungen Wir haben oben bereits auseinandergesetzt, daß die jüdische Kolonisation in keinem größeren Gebiete so konzentriert ist, daß die Juden dort die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Überall sind die jüdischen Siedlungen zwischen nichtjüdische Siedlungen eingesprengt. Ich sehe deshalb keine Möglichkeit des Zusammenschlusses der Siedlungen zu einer autonomen Republik. Es ist möglich, daß außer dem bereits bestehenden jüdischen Rayon mit munizipaler Selbstverwaltung und kultureller Autonomie, in dem unter 19 000 Einwohnern etwa 15 000 Juden sind, in den nächsten Jahren noch zwei andere Gebiete dieser Art und Größe gebildet werden, die aber untereinander nicht Zusammenhängen, sondern Enklaven in nichtjüdischen Gebieten sind. Die jüdischen Siedler stellen diejenige Schicht der russischen Juden dar, aus der sie zum größten Teil stammen, nämlich den Stand der kleinen Händler und Handwerker aus den Städten und Städtchen in dem westlichen Gebiete der Ukraine. Ihre Bildungsstufe ist keine besonders hohe. Sie sind, was ihren Übergang zur Landwirtschaft anbetrifft, von Erwägungen allgemeiner oder höherer Art fern. Nicht daß die Landwirtschaft ein gesünderer oder volkswirtschaftlich wichtigerer Beruf ist, bildet für sie das treibende Motiv. Sie wenden sich zu ihr nicht aus innerer Neigung, sondern aus dem Zwang der Verhältnisse, der ihnen keinen anderen Ausweg läßt. Sie hoffen dadurch lediglich ihre materielle Lage zu verbessern. Die relativ niedrige Bildungsstufe und die Präponderanz der materiellen Interessen geben den Siedlungen ein ziemlich kulturarmes Gepräge und machen sie gegen das Eindringen assimilatorischer Einflüsse von außen weniger widerstandsfähig. Es ist unverkennbar, daß die Juden in den Kolonien in höherem Maße zur Aneignung der russischen an Stelle der jüdischen Sprache neigen, als es in den Städten und Städtchen mit einem großen Prozentsätze von Juden der Fall ist. Es scheint, daß die Entfernung der jüdischen Siedlungen von den städtischen Zentren mit großer jüdischer Bevölkerung auf ihr jüdisches Bewußtsein abschwächend einwirkt. Anderseits bringt der Umstand, daß sie denselben Beruf wie ihre nichtjüdischen Nachbarn in den umliegenden Siedlungen ausüben, sie mit diesen in nähere Berührung. Während in den Städten der Ukraine das Jüdische heute vielleicht mehr verbreitet ist als vor dem Kriege, hatte ich in den Kolonien den Eindruck, daß das Jüdische gegenüber dem Russischen zurückgeht. Die Siedler finden vom ökonomischen Gesichtspunkte die Aneignung der russischen Sprache und die Assimilation an die russische Kultur vorteilhaft und sind deshalb daran interessiert, daß ihre Kinder russisch lernen. Demgegenüber habe ich bei ihnen weder ein starkes Interesse für die jüdische Religion, noch für die nationale Idee gefunden. Das Fazit aus all dem Gesagten ist, daß es sich bei der jüdischen Ansiedlung in Rußland nicht um eine Rettungsaktion für die Judenheit oder auch nur für die russische Judenheit handelt. Für das eine fehlt der Ansiedlung der geistige Schwung, für das zweite fehlt ihr der erforderliche Umfang. Sie muß als eine philantropische Aktion zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage von einigen zehntausend jüdischen Familien in Rußland gewertet werden und hat als solche ihre Berechtigung. Vergleich mit der Kolonisation in Palästina Die Kolonisation in Palästina, mit der die russische Kolonisation häufig verglichen wird, hat ganz andere Ziele. Für sie ist die Überführung von Juden zur Landwirtschaft nicht der Zweck, sondern nur ein Mittel zum Zweck, nämlich zur Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, von der sie eine Einwirkung auf das geistige Leben der gesamten Judenheit erwartet. Ohne diese „Fernwirkung“ verliert die Kolonisation in Palästina jeden Sinn. Weil aber diese Fernwirkung nicht so sehr von der Zahl der jüdischen Siedler, sondern von ihrem geistigen Niveau, von der Zugkraft ihrer Ideale abhängt, spielen in dieser Ansiedlung geistige Faktoren, z. B. die hebräische Sprache, die ethische Höhe der Siedler, ihr Verständnis für jüdisches Wesen, eine entscheidende Rolle — Faktoren, welche für die Ansiedlung in Rußland ohne jede Bedeutung sind. Wir haben deshalb in der landwirtschaftlichen Kolonisation in Rußland und in Palästina zwei Systeme vor uns, die zwar in technischer und wirtschaftlicher Beziehung ähnlich, aber in sozialer, kultureller und nationaler Beziehung grundverschieden sind. Wer sie beide von demselben Gesichtspunkte aus beurteilt, muß, notwendig einer von beiden Unrecht tun. Nur wenn man die russische Kolonisation als eine Wohlfahrtsaktion für einige zehntausend Familien in Rußland, die palästinische als einen Schritt zur Bildung eines geistigen nationalen jüdischen Zentrums für die ganze Judenheit ansieht, wird man beiden gerecht werden können.