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Das jüdische Echo · 1928-02-10 · 6 (10.2.1928) · p. Seite 84

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
6 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 Das Jüdische Echo Nr. 6 einige gibt, zu beschäftigen. Auch die Regierung will den Siedlern durch Transporte Gelegenheit zum Verdienst geben. Zu der schwierigen Lage der Siedler in der ersten Zeit trägt auch der Umstand bei, daß sie, wenn sie auf den Boden kommen, noch keine Einzelhäuser für sich vorfinden. Sie sind gezwungen, zusammen in demselben Gebäude zu leben und auch ihr Vieh und Inventar zusammenzuhalten. Auch die erste Bearbeitung des Bodens muß, da die einzelnen Parzellen noch nicht fest abgesteckt sind, gemeinsam erfolgen. Es ist klar, daß diese provisorische Art der Bewirtschaftung zu Verlusten führen muß, besonders da die Siedler noch nicht gelernt haben, mit dem Vieh und dem übrigen Inventar sorgsam umzugehen, wodurch natürlich kleinerer oder größerer Schaden entsteht. Selbstverständlich sind auch die Arbeitsleistungen der Siedler, da sie an solch schwere Arbeit in der Regel nicht gewohnt sind, unter dem Durchschnitt. Fast in allen Fällen haben die Siedler von dem Geld, das sie in die erste kollektive Bearbeitung des Bodens hineingesteckt haben (in der Regel 200 bis 300 Rubel), die Hälfte und manchmal noch mehr verloren. Politische Autonomie der Siedlungen In der auf Betreiben des Ozet im November 1926 in Moskau abgehaltenen Konferenz über die Frage der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlung in Rußland hielt der Präsident der Sowjet-Union, Kalinin, eine längere Ansprache, in der er andeutete, daß die jüdische Kolonisation allmählich zu einer immer weiteren Autonomie und schließlich vielleicht zur Gründung einer autonomen jüdischen Republik führen könne. Von einem Teile der Versammelten wurde diese Bemerkung enthusiastisch aufgenommen, bei einem anderen Teile fand sie Widerspruch. Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, wie die territorialen Grundlagen einer jüdischen Republik beschaffen sein sollen. Die jüdischen Siedlungen in der Krim und in der Ukraine sind zwischen ukrainische, russische, deutsche, tartarische Siedlungen eingesprengt und es gibt keinen einzigen Bezirk mit 100 000 oder sogar nur 50 000 Einwohnern, in welchem die Juden die Mehrheit der Gesamtbevölkerung ausmachen. Es ist auch keine Aussicht vorhanden, dieses Prozentverhältnis durch Zuteilung von neuem Boden an die Juden zu ändern. Denn abgesehen davon, daß in der Krim und der Ukraine überhaupt nur noch wenig Boden für die Verteilung verfügbar ist, werden die Juden von dem verteilten Boden immer nur höchstens ein Viertel oder ein Fünftel bekommen, das übrige wird den anderen Nationalitäten zufallen. Bisher ist nur ein einziger jüdischer autonomer Bezirk gegründet worden, und zwar im Jahre 1927, nämlich der Bezirk Kalinindorf (früher S’de Menucha). Dieser Bezirk hat 19 000 Einwohner, darunter 84 Prozent Juden; er zählt 40 Dörfer, darunter 33 jüdische, 5 ukrainische, 2 deutsche. Die jüdischen Dörfer haben 6 jüdische Dorfsowjets, die ukrainischen Dörfer 1 ukrainisches Dorfsowjet über sich. Die oberste Verwaltungsbehörde I. MÜNCHENER PLISSEE-BRENNEREI FRHNZ GRUBER, MÜNCHEN Hohlsaum, Knöpf«, Endeln, Kanten, KostUmstlckereien Burgstraße16/3 Knopflöcher Telephon 22 975 im Bezirk Kalinindorf besteht vorwiegend aus Juden; ebenso ist die Amtssprache im inneren Verkehr des Bezirkes das Jüdische. Der Polizeichef und die Polizisten sind Juden. Es besteht hier also in dem Bezirk volle munizipale Selbstverwaltung und nationale Autonomie. Ich hörte, daß die nichtjüdischen Dörfer sich sehr gerne dem jüdischen Bezirke angeschlossen haben. Sie haben dadurch gewisse Vorteile, indem z. B. die jüdischen Kolonisationsgesellschaften ihre Hilfe durch den Bau von Schulgebäuden oder durch Gewährung von Krediten auch auf die nichtjüdischen Dörfer des Bezirkes ausdehnen. Der Bezirk Kalinindorf ist zur Zeit der einzige autonome jüdische Bezirk. Es ist beabsichtigt, in allernächster Zeit einen weiteren autonomen jüdischen Bezirk im Rayon Kriwoi Rog zu gründen, der. etwa 18 000 Einwohner, darunter 25 Prozent Nichtjuden, zählen wird. Ein dritter Bezirk soll in weiteren 2 oder drei Jahren ebenfalls im Rayon Kriwoi Rog entstehen. Aussichten auf Erweiterung der Kolonisation Die Erweiterung der jetzigen jüdischen Kolonisation hängt, abgesehen von den notwendigen Mitteln zur Einrichtung der Wirtschaften, davon ab, wieviel Boden die Regierung für die jüdische Kolonisation noch zur Verfügung stellen wird. Die russische Regierung hat im Jahre 1926 den Beschluß gefaßt, im Laufe der nächsten 10 Jahre jährlich 10 000 jüdische Familien, insgesamt also 100 000 Familien, in die Landwirtschaft zu überführen. Für diese Siedler würden 1^2 bis 2 Desjatinen Land erforderlich sein. In der bisherigen Zone der jüdischen Ansiedlung, d. h. in der Krim und in der Ukraine, ist an die Zuteilung einer solchen Fläche für jüdische Kolonisation nicht zu denken. In der ganzen Ukraine blieben der Regierung nach der Agrarreform im Jahre 1920 nur noch 1 700 000 Desjatinen übrig. Ein großer Teil davon ist in der Zwischenzeit bereits verteilt worden. Es besteht eine große Überwanderung von christlichen Bauern nach der Südukraine, in die Nähe der jüdischen Siedlungen. Diese Überwanderer haben großen Bedarf an Boden. Im Rayon Kriwoi Rog ist so gut wie gar kein Boden zur Verteilung mehr verfügbar und die jüdische Kolonisation in diesem Rayon muß als abgeschlossen gelten. Im Chersoner Rayon und in den übrigen Teilen der südlichen Ukraine ist nach meinen Informationen im günstigsten Falle noch auf 100 000 bis 150 000 Desjatinen Boden für die jüdische Ansiedlung zu hoffen. In der Krim stehen bestenfalls noch 50 000 bis 100 000 Desjatinen für die Juden zur Verfügung, und auch das nur in dem Falle, wenn die Regierung einen Teil des jetzt von den Regierungsfarmen benützten Bodens für die Kolonisation freigibt. Der gesamte Boden in der Ukraine und Krim, der für jüdische Kolonisation in Betracht kommt, ist also höchstens auf etwa 150 000 bis 250 000 Desjatinen zu schätzen, d. h. maximal auf ebensoviel, wie die Regierung bis jetzt bereits für die jüdische Siedlung in diesen Gebieten zugeteilt hat. Das würde die Ansiedlung von weiteren 12 000 jüdischen Familien ermöglichen. Insgesamt würde also — zusammen mit der Bevölkerung der alten Kolonien — in der Ukraine und Krim die Zahl der jüdischen Landwirte auf 25 000 gebracht werden können. Die Regierung ist sich anscheinend dieser Begrenzung bewußt und bemüht sich, in anderen Gebieten der Sowjet-Union passenden Boden für die jüdische Kolonisation zu finden. Zwei Projekte

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