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Das jüdische Echo · 1928-02-03 · 5 (3.2.1928) · p. Seite 75

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
5 (3.2.1928)
Date
1928-02-03
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 75 ll|ll|ll!l!il|N|ll||lll iii 111 llllll! Iii IUI Feuilleton |||| E lllll llllll 11 i.11 1 III llllll iiii Zum Gastspiel der Habima in den Kammerspielen im Schauspielhaus Der Dybuk Dämonenglaube, uralt wie die Menschheit, durch die Kraft eines ungeheuren Gemeinschaftserlebnisses aus der Sphäre der primitiven und krassen Irrlehre hinausgerissen und hinaufgehoben in die Mitte einer vom Geist durchdrungenen Religiosität — der Glaube an die Realität des Unwirklichen und an die Unwirklichkeit und Unbestimmtheit der Realität, Verschmelzung von Welt und Oberwelt, tiefes Bewußtsein von der übersinnlichen Macht menschlicher Hingabe — all das entstanden in einer national bestimmten Menschengruppe — das sind Vorwurf und Milieu des Dybuk, einer ursprünglich jüdischen Dichtung, die das Reich der zwischen Ratio und Mythos schwebenden mystischen Anschauungen des Chassidismus und das von ihnen durchpulste Milieu darstellen will. Fremdartig ist dieses Milieu, dem Außenstehenden kaum verständlich — fremdartig nicht nur, weil seine Ausdrucksformen blut- und lebensvoller als die unsrigen sind, nicht nur, weil durch die unermeßlichen Gefilde des Überschwangs nur ein schmaler und schwer zu findender Pfad des Nüchternen führt; nicht nur, weil hier Rang und Würde sich nach ganz anderen als den gewohnten Kriterien ergeben; fremdartig, fast erschreckend, scheint zunächt das, was sich in diesem Milieu abspielt. Man könnte versuchen, eine Art Mysterienspiel in dieser Handlung zu entdecken und man hätte nichts erfaßt von dem was hier vorgeht: nicht ein Mysterium ist’s, sondern der Alltag dieser Menschen; nicht selten ist’s, daß ein Jüngling, wie dieser Chanan, sich im Kampf um die Erkenntnis des Übersinnlichen verzehrt und sich vermißt, die ihm gesetzten Schranken, durchstoßend, jenseits von Gut und Böse, mit magischer Gewalt das Schicksal zu bändigen. Das Heilige durchdringt zu jeder Minute alles Leben, und unbekannt ist unsere Scheidung zwischen geweiht und profan. Das Schicksal Leahs, der Tochter des Sender Brinitzer, die von ihrem Vater verheiratet werden soll und in deren Körper die Seele Chanans, ihres vorausbestimmten Bräutigams nach seinem Tode als „Dybuk“ fährt, rollt wieder und wieder die Frage nach der Beziehung des Irdischen zum Überirdischen auf — konnte der Dybuk durch seine magischen Kräfte von ihrem Körper Besitz nehmen, so muß er durch entgegengerichtete Gewalten' auch aus seiner Zuflucht verjagt werden können. Und dies verlangt Sender von Reb Asriel, dem Zaddik. Asriel ringt mit dem Dybuk: Durch Aufbietung aller Mittel, über die er verfügt, durch den Beistand eines Minjan unter Anrufung der Thora und bei Schofarklang gelingt ihm die Beschwörung: der Dybuk muß weichen. Als Asriel aber voller Triumph-über seinen Sieg dem nahenden Bräutigam mit seiner Gemeinde entgegeneilt, durchbricht Leah den heiligen Kreis und indem sich nun ihre Seele mit der ihres Geliebten vereint, stirbt sie. „Gepriesen sei der Richter der Wahrheit“, mit diesem Spruch des Meschulach, des Boten, der mit seiner mystischen Gegenwart wie eine Verkörperung der über allem schwebenden Gerechtigkeit die Handlung begleitet, endet das Stück, das mit seiner unbedingten und wahrhaften Hinnahme der verstandesmäßig allerdings nicht ganz zu erfassenden Vorgänge den Triumph der Gerechtigkeit und den Sieg der Liebe über alle Schwierigkeiten symbolisiert. Man muß gesehen haben, was die Habimah aus diesem Stück machte, um zu wissen, was modernes Theater bedeuten kann. Mit welcher Glut der Hingabe und mit welcher Gläubigkeit diese Künstler auch noch die letzte Rolle darstellen, wie sehr Wort, Blick, Gebärde und Bewegung aufeinander abgestimmt sind, das ist nicht zulänglich zu schildern. Der eindringliche Gesang der Batlanim in der Schul’, das erschütternde Flehen eines jüdischen Weibes um das Leben seines Kindes, die erregte und plastische Zwiesprache Chanans mit seinem Freunde Henoch, der ihn vor dem falschen Weg warnt, die Begegnung Chanans mit Leah, die jauchzende Freude der Chassidim bei der Nachricht von der Verlobung Leahs, die ganz von selbst sich in einem stürmischen Tanz äußert, der mehr als groteske Tanz der Bettler und Krüppel vor der Hochzeit Leahs, der unerbittliche Zwang mit dem Leah in den Taumel der alten und bresthaften Weiber gezogen wird, die Verzauberung Leahs, ihr Besessensein, die Versammlung der Chassidim bei Reb Asriel, die schreckliche Gerichtsverhandlung zwischen der Seele de#s toten Nissan und Sender Brinitzer, die Vertreibung des Dybuk und die endgültige Vereinigung der beiden Liebenden — das alles rundet sich zu einem überwältigenden Gesamtbilde. Ein Blick in die chassidische Welt, in eine, trotz allen zivilisatorischen Mängeln und trotz scheinbaren Aberglaubens, höhere, weil beseeltere und von der Gemeinschaft bestimmte Welt tut sich auf, der jedem unvergeßlich bleiben wird, der ihn erleben durfte. Was soll man zum Lob der Habima noch sagen? Soll man einzelne der Schauspieler herausheben, die besonders ergriffen haben, die Rowina in der Rolle der Leah, Tschermerinski, den Zaddik und wie sie alle heißen, während man doch weiß, daß bei diesem Ensemble heute die Hauptrolle verkörpert, wer morgen statiert, daß sich hier alles der einen gemeinsamen Idee ein- und dem Ziel unterordnet? Soll man versuchen auseinanderzusetzen, wie sich Bühnenbild, Farbe und Musik willig und doch selbstbedeutend in jede Phase der Handlung einpassen? Man muß sich mit der Feststellung begnügen, daß hier ein großer Regisseur die Dichtung fand, die er brauchte, Schauspieler, wie sie ihresgleichen suchen und daß dies alles noch nichts bedeutet gegenüber der Tatsache, daß hier das Theater einer Idee dienstbar ist. Und dies zu sagen, heißt auch erkennen, warum nicht russisch und nicht jüdisch, warum das Hebräische allein die Sprache sein kann, in der die Habima spielt. Der Neubeginn einer jüdischnationalen Kultur, den diese Menschen mit herbeiführen, findet in ihnen eine herrliche Erstlingsblüte. Durch die Verbindung mit dem Boden und dem Leben Palästinas, das die Habima in den nächsten Wochen zu besuchen beabsichtigt, werden ihr sicherlich neue Kräfte Zuströmen und sie wird dann weiter und noch bedeutender ihrer Idee dienstbar sein können. Das Hebräische aber bewährt sich als eine Sprache von eminenter Bühnenwirksamkeit, es schmiegt sich jeder Nuance der Handlung an und entspricht sowohl den Bedürfnissen des banalen

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