Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-27 · 4 (27.1.1928) · p. Seite 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9156863--08201-9080936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I Nr. 4 Das jüdische Echo / Blätter für die jüdische Frau i | stina, welches erstens nur wenig Menschen aufzunehmen vermag und zweitens immer wieder von Krisen heimgesucht werden muß. Als sich in E den letzten zwei Jahren tatsächlich durch die Arbeitslosen die wirtschaftliche Lage der neuen jüdischen Siedlung in Palästina kritisch gestaltete und die Überführung von neuen Chaluzim nach Palästina unmöglich wurde, erfuhren die Argumente der potentiellen und offenen Zionistengeg- I ner eine scheinbare Erhärtung durch die Tatsa- I chen. Laut klangen die Parolen der reinen Gegenwartspolitiker im jüdischen Leben: „Umschichtung an Ort und Stelle, sofortige Einleitung einer großen Auswanderung“, das waren die hauptsächlichsten Forderungen. Und schmunzelnd fügten die Verfechter dieser Grundsätze hinzu, daß der von ihnen vorgeschlagene Weg viel rascher zum Ziele führt und vor allem viel weniger Mittel erfordert als die auf lange Sicht berechnete Arbeit der Zionisten. Erinnert man sich an diese Sachlage, so bedeutet die letzte Emigrationskonferenz in Berlin für den Beobachter mehr als eine Beratung einer _ der vielen Zweckorganisationen in der letzten 1 Zeit. Denn auf der dritten Emigrationskonferenz bekam man manches zu hören, was dazu angetan ist, der zionistischen Auffassung von konstruktiver jüdischer Arbeit recht zu geben. Zunächst gab es auf der Emigrationskonferenz die Fest- ■ Stellung, daß die Auswanderungsmöglichkeiten im allgemeinen für Juden nicht zu groß sind. Zweitens aber, daß mit ^der Überführung der Juden aus ihren gegenwärtigen Wohnländern in Osteuropa nach überseeischen Gegenden, auch wenn diese Übersiedlung ohne weiteres nötig wäre, eigentlich kaum ein Drittel der Arbeit geleistet sein würde. Zwei Drittel bleiben noch zu tun, und zwar so- - wohl in den gegenwärtigen Wohnländern der für " eine Auswanderung in Frage kommenden Meni sehen, wie auch in den Gebieten, wohin man diese Menschen gebracht hat. In den gegenwärtigen Wohnländern muß eine langwierige Erziehungsarbeit geleistet werden. So wie die meisten Juden » in Osteuropa aussehen, sind sie weder für den Lebenskampf in ihrer Heimat, noch für eine Auswanderung nach Übersee zu gebrauchen. Sie müssen erzogen und produktiviert werden. Sie müssen, wie ein Referent auf der Konferenz ausdrücklich hervorhob, eine Hachscharah durch- I machen und ihnen muß das Ideal einer C h a 1 u - ziuth besonderer Art vor Augen stehen. Nachdem sie durch lange kostspielige Erziehung für die Auswanderung reif gemacht worden sind und dann tatsächlich in neue Wohngebiete gebracht I wurden, muß im neuen Wohnland weiter eine Organisations- und Erziehungsarbeit großen Stils Platz greifen, damit diese Auswanderungsaktion tatsächlich Heilung der Not für die Ausgewanderten bedeute. Wenn man diese Vorschläge untersucht, so kommt man zum Ergebnis, daß sie nichts anderes sind als ein Zionismus ohne Palästina und ohne die öffentliche, von den Großmächten und dem Völkerbünde garantierten Rechte, die in Palästina für die dort lebenden und die neu einwandernden Juden Geltung haben. Außerdem dürfte dieser Zionismus ohne Palästina kaum billiger zu stehen kommen als der Zionismus mit Palästina und muß an die Oferwilligkeit des jüdischen Volkes die gleichen Ansprüche stellen, wie die Kolonisation im Heiligen Lande. Dabei ist festzuhalten, daß bei diesem Zionismus das Motiv der nationalen Renaissance für die Auswanderer und die Beweggründe nationaler, kultureller und religiöser Art’für die Spender fortfallen. Ob der bei manchen Fürsprechern dieses Zionismus ohne Palästina vorhandene Antagonismus gegenüber dem „Zionismus mit Palästina“ sich so stark erweisen wird, um die Opferwilligkeit dermaßen auf die Dauer zu entflammen, wie die Hoffnung auf eine autonome jüdische Gemeinschaft im Heiligen Lande bei den Freunden des Palästinaaufbaus, mag dahingestellt bleiben. Wir möchten , nicht mißverstanden werden. Zweifellos sind Gegenwartsarbeit, Produktivierung der Juden in ihren jetzigen Wohnländern, die Bestrebungen, viele dieser Juden in wirtschaftlich und politisch bessere Verhältnisse zu überführen, die Fürsorge für die Ausgewanderten in den Auswanderungsländern, Dinge von großer Bedeutung. Sicherlich verdienen all diese Bemühungen weitgehende Unterstützung und können von keinem interessierten Juden als belanglos hingestellt werden. Hachscharah und Chaluziuth bleiben, auch wenn die in dieser Auffassung erzogenen jungen jüdischen Menschen nicht den Weg nach Palästina finden, die besten Mittel, um das jüdische Volk von Grund auf zu ändern. Was jedoch mit dem stärksten Nachdruck hervorgehoben werden muß, ist, daß für eine gründliche, umfassende konstruktive Arbeit im jüdischen Volke die zuerst von den Zionisten gezeichneten Wege tatsächlich die besten sind. Und mit Freude kann man feststellen, daß die Erkenntnis in dieser Hinsicht allmählich in allen Kreisen der im Dienste großzügiger jüdischer Volkswohlfahrt Stehenden sich durchgesetzt hat. In der Ideologie mögen noch Gegensätze zwischen Zionismus und den Verfechtern ausschließlicher Galutharbeit bestehen. Wenn die Galuthanhänger jedoch den Weg der Praxis beschreiten, dann kommen sie in der L. KIELLEUTHNER ' Besichtigen Sie unverbindlich unsere erlesenen Neuheiten Hauptpreislage: Mk. 180.-bis Mk. 250.- Kein Anzug über Mk. 280- _:_y

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.