Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Das Jüdische Echo Nr. 4 wenn er fesfstellt, daß allenthalben im jüdischen Lager eiiie „Betriebsamkeit“ herrsche, „die kaum noch überboten werden kann, und die viele unter uns derart gefangen nimmt, daß mit der Möglichkeit, sich der Pflege des außerjüdischen Kulturlichen hinzugeben, auch schließlich die Neigung hierzu schwindet“. Geradezu verhängnisvoll wäre es, meint er, „wollten wir es zur Verkümmerung des Stromes kommen lassen, dessen warme Fluten uns wohlig umspülten, und in dessen Wellen wir fröhlich dahinschwammen neben und mit unseren christlichen Volksgenossen, ungeachtet der Reibungen, die jeder zwischenmenschlichen Beziehung anhaften und die, wer dürfte es leugnen, uns Juden oft besonders schmerzten.“ Wir wollen mit Herrn Dr. Braun nicht darüber rechten, ob die Juden sich im letzten Jahrhundert wirklich so wohlig von den warmen Fluten des deutschen Lebensstromes haben umspülen lassen können, ob sie wirklich so fröhlich in seinen Wellen dahingeschwommen sind, wir wollen auch nicht fragen, ob zwischen Juden und den christlichen Volksgenossen nur die Reibungen vorgekommen sind, die jeder zwischenmenschlichen Beziehung anhaften, ob nicht hier vielmehr ein ganz sondergearteter Fall zwischenmenschlicher Beziehung zu konstatieren ist, aus dem auch notwendige Konsequenzen gezogen werden müßten; anzweifeln möchten wir aber, ob Herr Dr. Braun wirklich fürchtet, daß diese — an sich noch fragwürdige — Entwicklung zum Jüdischen hin das Judentum bedrohe. Sollte sich nicht dahinter eine ganz andere Furcht verbergen, nämlich die, daß eine jüdische Betätigung der Juden ihrer stajatsbürgerlichen Stellung Abbruch tun könne? Die Furcht des Herrn Dr. Braun vor den „Toren eines neuen Ghettos“, vor der „drohenden Verjudung des Judentums“, scheint uns nur eins zu beweisen, daß er selbst nämlich das Ghetto innerlich noch nicht überwunden hat, daß auch er in dem weitverbreiteten Irrtum lebt, die Umwelt betrachte den Juden, der sein Recht auf Treue zur jüdischen Vergangenheit und zur tätigen Anteilnahme an der jüdischen Zukunft fordert — und das setzt doch wohl eine intensive Beschäftigung mit jüdischen Dingen voraus —, als minderwertiger und versage ihm die Gleichberechtigung, die sie einem anderen jüdischen Typ zubillige, der sein Judentum zu unterdrücken oder es auf einen engumgrenzten und nach außen möglichst verschwindenden Bezirk seiner Persönlichkeit zu beschränken weiß. Die Erfahrung zeigt jedem, der seine Augen nicht verschließen will, daß gerade die zutiefst jüdisch Tätigen und Gebildeten sich auch in ihrer allgemein menschlichen Bildung und Betätigung nicht beeinträchtigen lassen, — sie zeigt noch mehr, daß nämlich oft bei besonders innig mit der Kultur der Umwelt Verwachsenen, bei schon ganz Assimilierten, ein plötzlicher Wille: „zurück zum Judentum“ hervorbricht, dessen Anlaß zwar der Antisemitismus sein kann, nicht aber dessen Ursache, die zweifelsohne in tieferen Schichten jüdischen Erlebens zu suchen ist. Man braucht in diesem Zusammenhang ja nur auf Theodor Herzl und Max Nordau zu verwei¬ Dentsche Keuwäscherei G.m.b.H. FELIX BRANDHEB - HtNCHEN Wittelsbacherplatz 2/o, Eing. Finkenstraße Telefon Nr. 23708 Spezial-Dampfwaschanstalt für Herren-Plätt aräsche nur Kragen, Manschetten, Vorhemden und Oberhemden. Lieferzeit ca. 8Tage sen, die* beide bedeutende Schriftsteller von internationalem Ruf, beide gewiß allem Menschlichen aufgeschlossen, dennoch den Weg zum jüdischen Leben und Wirken aus innerer Notwendigkeit gehen mußten; ein Schicksal, das typisch ist für zahlreiche andere Juden, die lange gänzlich der Assimilation anheimgefallen, ihre jüdische Persönlichkeit wieder entdeckt haben. Die Ängste des Herrn Dr. Braun sind unbegründet, sie sind nur geeignet den Blick abzulenken von den wirklich schwachen Punkten der überall angegriffenen jüdischen Front; nicht die Verjudung des Judentums ist, was uns droht: es gilt sich zu wehren gegen die fortschreitende Aushöhlung des jüdischen Lebens, gegen die Entjudung. Verhängnisvoll wäre in Wirklichkeit nur, wenn man glauben wollte, es könne zu viel des Jüdischen getan werden; hüten müssen wir uns nicht vor einem jüdischen Zuviel, sondern vor dem Zuwenig. I. E. Späte Erkenntnisse Zur Berliner Tagung der dritten jüdischen Emigrationskonferenz In der vorigen Woche tagte in Berlin die dritte jüdische Emigrationskonferenz, auf der das Problem und die Möglichkeiten der jüdischen Wanderung von Leuten diskutiert wurden, die sich seit Jahren mit dtm jüdischen Wanderwesen befassen und Erfahrungen auf diesem Gebiete gesammelt haben. Die Organisation für die Fragen der jüdischen Wanderung beschäftigt sich ähnlich wie die Hilfsorganisationen, Joint, Ort, Ose und die vielen anderen hauptsächlich mit der sogenannten Gegenwartsarbeit. Dieser Begriff ist hervorgegangen aus einer Einstellung, die vor drei Jahrzehnten in ihrer Ablehnung zionistischer Ideologie dem Zukunftstraum der Zionisten die realen Notwendigkeiten des jüdischen Alltags entgegenhielt. Es ist kein Zweifel, daß die brennenden Nöte der jüdischen Situation in der ganzen Welt dringend nach Hilfe rufen und nicht mit dem Hinweis auf die Zukunftsmöglichkeiten der zionistischen Lösung ausgelöscht zu werden vermögen. Aus diesem Grunde hat auch der Zionismus in immer mehr steigendem Maße die Berechtigung der Gegenwartsarbeit anerkannt und sie in sein Programm aufgenommen. Die Verfechter alleiniger Gegenwartsarbeit aber warfen dem Zionismus stets vor, blind und taub gegenüber den Notwendigkeiten der jüdischen Gegenwart zu sein und durch seine Ideologie und seine Versprechungen eines zukünftigen Paradieses die jüdischen Massen von ihren eigentlichen Bedürfnissen abzulenken und sie zu täuschen. Die Nur-Gegenwartspolitiker wiesen mit scharfem Hohn oder leisem Spott darauf hin, daß das jüdische Volk zugrunde gehen müßte, wenn es restlos die Methoden und Hoffnungen des Zionismus akzeptieren würde. Wieviel Jahre und Jahrzehnte müßten da vergehen, fragten jene Kreise, bis sich die langwierige, von den Zionisten vorgeschlagene Erziehungskur ausgewirkt und die erstrebte jüdische Gemeinschaft in Palästina verwirklicht hat? Die jüdischen Massen haben, argumentierten jene Gegner des Zionismus, sofort Hilfe, sofort die Möglichkeit einer Übersiedlung aus ihren gegenwärtigen Siedlungsorten nötig; die Zionisten aber propagieren das Ideal eines Pioniertums, treten für eine hebräisch-jüdische Kultur ein und konzentrieren alle ihre Kräfte auf das wüste Palä-