Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 4 27. Januar 15. Jahrgang Gefahren Der Bestand des Judentums ist bedroht. Das weiß jeder, der sich überhaupt mit jüdischen Angelegenheiten befaßt und sei es auch nur gelegentlich. Geringe Kinderzahl, Fortschritt der Assimilation, Mischehe, Taufe — all diese Erscheinungen sind ja nur zu bekannt; ihr erschreckend großer Umfang ist statistisch und durch die Erfahrung des täglichen Lebens festgestellt. Jüdische Verbände und Organisationen aller Art bemühen sich hier Abhilfe zu schaffen, bemühen sich zunächst, einmal die schlimmsten Gefahrenherde zu reinigen, und die meisten begnügen sich nicht damit, nur die äußeren Symptome zu kurieren, sie bemühen sich, die inneren Ursachen des Zustands zu erkennen und an den Wurzeln einzugreifen. Wie verschieden nun auch die Meinungen über diese inneren Ursachen sein mögen; über die eine Tatsache scheint man sich allerorten klar zu sein; Grundlage jeder Arbeit auf diesem Gebiete und Voraussetzung jeden Erfolgs ist zunächst Festigung des jüdischen Selbstbewußtseins, Veilebendigung alles Jüdischen, Beschäftigung mit jüdischem Gedankengut. Daß nur auf diesem Wege den Verfallstendenzen Einhalt geboten werden kann, scheint geradezu selbstverständlich. Mit aller Klarheit ergab sich zum Beispiel auch auf der letzten Tagung des Reichsverbands jüdischer Lehrervereine, daß etwa die jüdische Schule aus solchen Gründen von der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Lehrer Deutschlands gefordert wird, welcher Anschauung sie sonst immer anhängen mögen. Dabei muß man sich aber vollkommen darüber im klaren sein, daß auch die jüdische Volksschule noch keineswegs genügen kann; stellen doch in den Mittelschulen beispielsweise die zwei Wochenstunden des Religionsunterrichts die ganze Bindung des jüdischen Kindes an das Judentum dar — wenn nicht im Elternhause noch jüdische Sitte und jüdisches Kulturgut lebendig ist. Wer kann glauben, daß in dem gewaltigen Strom des deutschen kulturellen Lebens, der uns und vor allen Dingen die jüdischen Kinder in der Mittelschule, aus deren Reihen doch einmal die jüdischen Führer hervorgehen werden, Tag für Tag umspült, zwei Stunden Religionsunterricht in der Wochen den Bestand einer jüdischen Insel sichern könnten? Die Tendenzen, die gegen die Verblutung des jüdischen Lebens gerichtet sind, haben sich in den letzten Jahren in Deutschland verstärkt und beginnen nun, zumal da ihre Träger auch in zahlreichen jüdischen Gremien größeren Einfluß gewonnen haben, sichtbarer zutage zu treten: jüdische Gemeinden z. B. beschäftigen sich, den veränderten Anschauungen entsprechend, heute auch mit jüdisch-kulturellen und sozialen Angelegenheiten, deren Pflege sie noch vor wenigen Jahren als nicht religiös weit von sich gewiesen hätten; jüdische Vereine werden neu gegründet und fördern die Beschäftigung mit jüdischen Dingen, neue jüdische Lebenskreise entstehen und was dergleichen Anzeichen mehr sind. Über den Wert all dieser Anstrengungen und Veranstaltungen zu urteilen, ist schwierig: sie sind zweifellos notwendig; das, was die jüdische Situation erfordert, worauf sie gebieterisch hindrängt, eine Erneuerung jüdischen Lebens in seiner Totalität können sie nicht bringen; die Renaissance des Judentums, die organische Verknüpfung einer neu belebten Vergangenheit mit jüdischer Zukunft kann u. E. nur die Verwirklichung des Palästinagedankens bringen. Aber wenn man sich mit diesen Anstrengungen auch nicht zufrieden geben darf, freut man sich ihrer doch, weil sie dazu beitragen, das bereits fast völlig entjudete Judentum in gewisser Beziehung zu kräftigen, weil sie vielleicht eine neue Phase in seinem jahrtausendelangen Kampf ums Dasein ankündigen. Wenn man gegenüber all diesen Bestrebungen eine Befürchtung nicht zu hegen brauchte, so war es die, daß sie der allgemeinen Bildung und Ausbildung, der Betätigung im deutschen Kultur- und Wirtschaftsleben irgendwie gefährlich werden könnten. Aufgewachsen in einem nichtjüdischen Milieu, erzogen oder herangebildet, in nichtjüdischer Schule, eingestellt in einen nichtjüdischen Wirtschaftskreis, ergriffen von den politischen Parteiungen, wäre es dem deutschen Juden, selbst wenn er wollte, gar nicht möglich, diese Dinge zu vernachlässigen; sie bilden das Selbstverständliche in seinem Leben, das Einfache, Unkomplizierte, über das sich niemand hinwegsetzen kann, das seine Anteilnahme erzwingt. Zu einer Beschäftigung mit jüdischen Dingen wird dagegen unter den heutigen Umständen bei jedem reifen Menschen der bewußte Wille, die besondere Entscheidung, ja sogar in manchen Fällen Hingabe und materieller Verzicht vorausgesetzt. Das ist ja gerade die Schwierigkeit jeder jüdischen Arbeit, daß sie immer Gefahr läuft, selbst unjüdisch zu werden, selbst sich der umgebenden Welt allzusehr anzupassen und sich ihr auszuliefern. Wer einmal praktisch sich mit diesen Dingen befaßt hat, der weiß, welch große Anforderungen etwa an den Führer eines Jugendverbandes gestellt werden, der versucht, eine Feier jüdisch zu gestalten, oder auch nur ein Programm für eine jüdische Betätigung seines Vereins zu entwerfen. Es muß also doch einigermaßen verwundern, wenn bei diesem, wie uns scheint, nur allzu klaren Tatbestand in einem „Wege und Abwege“ betitelten Artikel in der Jüdisch- Liberalen Zeitung vom 6. Januar Herr Dr. Siegfried Braun (Köln) allen Ernstes die Behauptung aufstellt, daß die eigentliche Gefahr, die dem Judentum drohe, seine „Verjudung“ sei, wenn er sich beklagt über die „erdrücke n d e H ä u - fung“ von Aufforderungen zum Besuche jüdischer Vorträge, Kurse und Zusammenkünfte!