Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Blätterfürdie jüdische Frau Nr. 3 München, 20. Januar 1928 Zenne Renne Die „Zenne Renne“, ein altes jüdisches Frauenbuch Am 12. Januar hielt Frau Dr. Bertha Badt- Strauß in der Ortsgruppe München des Jüdischen Frauenbundes einen Vortrag über: Das alte jüdische Frauenbuch „Zenne Renne“. Der Vortrag war besonders reizvoll durch die Fülle schöner Midraschim und Maschalim, mit denen die Rednerin ihre Ausführungen begleitete und erläuterte; auf deren Wiedergabe muß hier leider wegen Raummangel verzichtet werden, doch sollen die Hauptgedankengänge, die die Zenne Renne betreffen, im folgenden dargelegt werden. In sehr lebendiger Weise verstand es Frau Dr. Badt-Strauß ihren zahlreichen Zuhöhrern einen Begriff vom Inhalt, von der Form, vor allem aber vom Wesen und vom Geist dieses alten Volksbuchs zu geben, von einem Geist, der in seiner geradlinigen Naivität den meisten unserer modernen jüdischen Frauen fremd ist, wie auch das Buch selbst. Dieses Buch, die Zenne Renne, das unsere Urgroßmütter in der Ruhe des Sabbatnachmittags, wenn auch die fleißigste und tätigste unter ihnen sich Muße gönnte, mit Vorliebe zur Hand nahmen, was war das für ein Buch? „Zeennah Urennah bnoth Jeruscholajim“. Kommt heraus und schauet, ihr Töchter Jerusalems! bedeutet sein Name, der sich in Zenne Renne abgeschliffen hat. Seine Sprache ist jüdisch-deutsch, die jüdische Umgangssprache der damaligen Zeit, nicht hebräisch, das auch damals viele jüdische Frauen nur ungenügend verstanden. Gerade deswegen aber, und weil ja das Studium der Thora und der rabbinischen Schriften gar nicht Sache der jüdischen Frau war, weil also die ganze jüdische Literatur jener Zeit nur von Männern gelesen und verstanden wurde (mit ganz wenigen Ausnahmen), gerade darum gab es einige speziell für Frauen geschriebene Bücher, die den ungelehrten Frauen etwas mitteilen wollten vom Geist der Thora und des Judentums. Denn wenn auch die Bewahrung der Thora die Pflicht des jüdischen Mannes war, so war doch die Frau als Trägerin der Tradition des Hauses und als Erzieherin der jungen Generation nicht minder unentbehrlich für die Erhaltung des jüdischen Geistes. Was also enthielt dies Buch für die jüdischen Frauen? Eine jüdisch-deutsche Übertragung des Chumesch, der Haphtaroth und Megilloth und eine Erklärung dazu. Freilich ist es kein Kommentar in dem Sinne, wie wir ihn heute als Produkt und Werkzeug der Wissenschaft kennen, sondern Kommentar nur insofern, als es immer vom Bibeltext ausgeht, dann aber dazu fabuliert, ganz nach Frauenart, so sehr, daß die Vermutung nahe liegt, daß das Buch eine Frau zur Urheberin hat. Zwar wird R. Jakob ben Isaak als Herausgeber genannt, doch sind Zeit und Umstände der ersten Ausgabe unsicher, wie bei vielen echten Volksbüchern, und es wäre wohl möglich, daß sich hinter dem Namen des Herausgebers eine Frau verbirgte. Doch so viel scheint sicher: Die Zenne Renne stammt etwa aus der Zeit des beginnenden Dreißigjährigen Krieges, ist also etwas älter wie die Memoiren der Glückei von Hameln. Im Gegensatz zu diesen aber enthält sie nichts von den Nöten und Verfolgungen jener Zeit; es ist als herrsche in dem Buch ein ewiger Sabbat, wie im Zelt der Sarah nach der schönen Sage, eine ruhige, zuversichtliche Stimmung. Nichts ist darin zu spüren von der Einengung des Ghetto, von einem Gegensatz zu feindlicher Umgebung, es verkörpert vielmehr den Geist einer jüdischen Kleinstadt, in der jüdisches Leben selbstverständlich und unverkümmert sich entwickeln konnte. Der Verfasser (oder die Verfasserin) sieht die Welt als wäre sie nur um der Juden willen da, so wenn sie fragt: „Wozu hat Gott den Wechsel von Tag und Nacht gemacht?“ und antwortet: „Weil die Ruhe der Nacht besser zum Lernen der Thora taugt wie das Lärmen des Tages.“ Solches Frage- und Antwortspiel ist die Form der Zenne Renne, und man mag es mit Frau Dr. Badt-Strauß die nationale jüdische Kunstform überhaupt nennen, jedenfalls ist es die Form der ganzen talmudischen und rabbinischen Literatur. Der große Erklärer Raschi und sein Gegenpol Bachja ibn Ascher hauptsächlich beantworten die Fragen, die die Zenne Renne aufwirft, jeder nach seiner Art. Raschi als Erläuterer des Wortsinns vertritt den Musar (die Moral), Ibn Ascher dagegen erzählt Gleichnisse und Midraschim. Freilich handelt es sich bei diesen Streitfragen nicht um schwerwiegende gesetzliche Bestimmungen, sondern nur um die Erläuterung biblischer Erzählungen, z. B. um die Frage: „Warum hat Joseph die Asnath, eine Ägypterin, zur Frau genommen?“ wo es doch ganz verpönt war, eine Nichtjüdin zu heiraten. Und darum erzählt die Zenne Renne einen Midrasch, der Asnath zur Tochter Dinahs macht, die ausgesetzt und nach Ägypten verschlagen wurde. An einem goldenen Täfelchen mit hebräischer Inschrift, das ihr Jakob um den Hals gehängt hat, erkennt sie Joseph als Tochter seines Stammes und nimmt sie zur Frau. Auf solche Art begleitet die Zenne Rene den Text der Wochenabschnitte des ganzen Jahres; sie beschäftigt sich mit Vorliebe mit dem Alltag der biblischen Helden, vor allem mit ihren Ehen, diesem Hauptgebiet weiblichen Interesses. Einen unerschöpflichen Born von Sagen und Märchen bietet sie, nicht nur jüdischen Ursprungs, sonder von Sagen aller Völker, in jüdischem Gewand. Es werden auch allgemein menschliche Probleme teils erörtert, teils durch schöne Erzählungen dargelegt, so das des Alterns, Krankseins und Sterbens, das Problem des Frommen, dessen Tugend doch nicht durch Reichtum und Ehre belohnt wird. Auch Fragen des praktischen Lebens werden behandelt, etwa wie man sein Vermögen am besten verwaltet. Denn die Frauen, zu denen die Zenne Renne sprechen wollte,