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Das jüdische Echo · 1928-01-13 · 2 (13.1.1928) · p. Seite 26

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
Seite 26 (sequence 10)
Language
German
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26 Das Jüdische Echo Nr. 2 1111 111! IQ 1111 1 Hi' II | | | Feuilleton 111 II II 1 III 1111 11 Älfred Kerr1 von Arnold Zweig An Alfred Kerr, der seinen sechzigsten Geburtstag nicht umhin kann, jetzt zu begehen, läßt, sich, wie an keinen anderen heute, das Problem des modernen Kritikers darstellen. Er ist unter allen die eigenwilligste Person, ein unvergleichlicher Prosasänger, eine völlig geschlossene Persönlichkeit. Der Obersatz seiner gesamten Gedankenwelt wurde von ihm bei bestimmter Gelegenheit hingesetzt: „Das Leben ist der Güter höchstes.“ Der Rausch, der vom Lebendigen ausgeht, die Begeisterung des Am-Leben-Seins ist von keinem heutigen Künstler intensiver durchfühlt und in unermüdlichen Prosastücken der Ero- und Erlebnislyrik kundgetan worden. Mit allen Sinnen dieses einmalige Erdenleben auszukösten, es zu ergreifen und festzuhalten ist der Sinn dieser Schriftstellerexistenz, die in der Prägnanz und Heiterkeit des Daseinsgefühls und an Stärke des Persönlichkeitsempfindens unter den Tagesschriftstellern Deutschlands nicht ihresgleichen hat. Da Kerrs Obersatz das Leben feiert und ihm Lebendig-Sein als höchster Wert seiner Ethik gilt, kann er Werten, die dem individualen Leben übergeordnet sind, schlechterdings nicht gerecht werden. Wertblind also für alle übervitalen Werte geht dieser Kritiker an die Literatur und an das Drama. Daher ist bei ihm, wie bei allen anderen primär das Ja oder Nein zum Kunstwerk, der Haß und die Liebe zu seinem Verfasser. Da nun die Sphäre, in der Kunstwerke entstehen, die geistige ist, eine dem holden Lebendig-Sein übergeordnete Schicht geistiger Gegenstände darstellend, muß Alfred Kerr die Sinngebung des Dichtens überhaupt und die Sinngebung seiner eigenen Existenz verschlossen sein. Daher er nicht müde wird, das Verfassen von Stücken oder auch seiner eigenen Kritiken als eine recht geistlose und ungerechtfertigte Tätigkeit anzuklagen, und Dichter für Dummköpfe auszugeben, die sich damit beschäftigen, am Hirn zu mastubieren, anstatt mit Frauen zu schlafen. Die lächerliche Überschätzung des Individuums, die alleinige Beschränkung des Menschen auf die Zone des wachen Ichs, Zugangslosigkeit gegenüber Gruppenwerten, völlige Abgespaltenheit von der religiösen und produktiven Zone des Unterbewußten erfüllen dieses helle, scharfe, sprungfreudige Hirn: daß das Lebendigsein wundervoll, ein hoher Wert ist, aber dem Geistigen gegenüber nur der Wertträger bleibt, und daß alles, was das Leben des Menschen allererst sinnvoll und großartig macht, Hingabe an überindividuelle Werte darstellt, an Gruppenerlebnisse der Klassen, der Völker, der Parteien; daß ferner dieses Ich von sich selbst geopfert werden darf in großen Akten sittlicher Freiheit zur Rettung von Nebenmenschen, zur Durchführung wissenschaftlicher Aufgaben, in der Verteidigung sittlicher Grundrechte, politischer Freiheiten, um der Gerechtigkeit der Lebensord- 1 Aus dem soeben im Verlag des „Heine-Bundes“, (Berlin W 9, Linkstraße 39) erschienenen neuem Werke Arnold Zweigs „Juden auf der deutschen Bühne“, mit Erlaubnis des Verlags entnommen. Wir werden auf das Buch, das Siegfried Jacobsohn gewidmet ist und das Verhältnis der Juden zum deutschen Theater soziologisch zu fassen sucht, noch zurückkommen. D. Red. nung willen, um der Schöpfung großer Kunstwerke oder Staatswerke, das entgeht dem Blicke dieses liberalen Breslauer Bürgersohnes so sehr, daß er sich auf doppelte Weise ins Unrecht setzt: erstens, indem er die große Hingabe solcher Wertträger nach dem Erfolg wertet, und also das Leben Cäsars etwa ziemlich geistlos findet, weil ja nachher die „greuelvolle Kaiserzeit einbrach“, und zweitens, daß ihm jede, aber auch jede Möglichkeit fehlt, in großen Gruppenerlebnissen seine persönliche und geistige Freiheit zu bewahren: er als erster fällt jedem Affekt zum Opfer, jeder Aufpeitschung der Leidenschaften politischer Art. Wie er die großartige und entscheidende römische Kaiserzeit als gläubiger Gymnasiast mit den Augen ihrer parteiischen Pamphletisten, seiner moralinsauren Schullehrer sieht, so befeuert er treu während des Krieges den vorgeschriebenen Gruppenaffekt der Deutschnationalen mit kleinen verunglimpfenden Spottliedern, indem er die Feinde genau so beurteilt wie ein treuer Zeitungsleser, dem er an wahrhaft politischer Schulung und Zucht gleicht. Das hindert nicht Ausbrüche gleicher Affektwildheit in jüdischen Angelegenheiten. Das stärkste Stück jüdischen Zentralitätsaffekts in der Vorkriegsliteratur, „Jerusalem“, eine Reiseprosadichtung von unvergleichlichem Glanz und völlig hemmungsloser Selbstbejahung des Jüdischen, stammt aus dem Jahre 1905 und von Alfred Kerr. Es ist sein Rassestolz, als welcher sich der Zentralitätsaffekt bei ihm verkleidet. Und wie der Satz „Das Leben ist der Güter höchstes“ der.Obersatz jeder Vitalethik ist,’ welche die vitalen Werte — also die Lebenswerte, das Vornehme, Kraftvolle, Männliche, Entzückende, Edle gegenüber allen anderen Werten als obersten setzt, was auf eine Adelsethik, auf ein aristokratisches Weltbewerten hinauskommt — immer unter der Voraussetzung natürlich, daß auch der Bewertende zu den Aristoi gehört — so ist auch Alfred Kerr seinem Wesen nach Aristokrat. Wo er ist, ist immer oben. Eine Entwicklung des bürgerlichen Menschen gipfelt in ihm, und er hat das Recht, die Minderbegabten mit Hohn zu überschütten, sie anzuulken oder wie im Falle Siegfried Jacobsohns, jeden Kleinbürgertratsch innerlich mitmachend, sie dem Gelächter durch gute Witze preiszugeben. Ebenso dürftig wie im Politischen reagiert er, wenn er seine Ürteile zu begründen versucht. Erfahrungstatsache! versichert er bei den überaus mageren Beobachtungen, die er zur dramatischen Form — er nennt das „Technik des Dramas“, als wäre Gustav Freitag noch heute ein Klassiker — in seinen Kritiken verzeichnet. Und da er geistige Gegenstände als Kategorie in seinem Verstände nicht vorzufinden behauptet, da ihm also völlig entgeht, daß das Drama als solches einer Gesetzmäßigkeit unterliegt, bleibt er auf die Psychologie der neunziger Jahre angewiesen, indem er sie am Verfasser, am Schauspieler oder am Individuum aus dem Publikum anwendet. Eine geschlossene Persönlichkeit, das kann man ihm nicht abstreiten, daher er auch den Satz jedes aristokratisch gebundenen Volksstamms, etwa der Kurden oder Araber sich zu eigen macht, daß die Freunde seiner Freunde auch die seinen, daß die Freunde seiner Feinde auch seine Feinde seien. Und wo sich neben ihm eine

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