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Das jüdische Echo · 1928-01-13 · 2 (13.1.1928) · p. Seite 27

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
Seite 27 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 27 General Motors Automobile LORIN/ER & CO NymphenburgerStraße128/Telephon 61836 Chevrolet Oakland La Salle Person ähnlicher Art zeigt, deren Werte ihn nur beengen, deren Schwächen er um so stärker empfindet, tut er sich, wie nur irgendein kleiner Staat, besessen vom Differenzenaffekt zur Kriegführung auf und beißt um sich wie ein edles Tier, das er ist, wie ein Rassehund des Geistes, der anderen, ebenso rassigen aber Andersrassigen, nicht gestatten will, sich im selben Zimmer wie er, nämlich der deutschen Öffentlichkeit, auszuleben. Sein Gebiß sind die herrlichsten Prosasätze, beißende Verse, blendende Witze, wenn’s gut geht. Geht’s schlecht, so verliert er die Fassung, wirft mit massiven Schimpfworten um sich oder wiederholt bis ins Albernste längst abgetakelten Klatsch. Und doch hat dieser Mann in sieben Bänden ein Schriftwerk hingestellt, das an Lebendigkeit, an funkelnder Gegenwärtigkeit im heutigen Europa seinesgleichen sucht. Alles, was an wertvollen Dramen und Theaterstücken seiner Generation zu schätzen und zu preisen war, hat er geschätzt und gepriesen. Hunderte von Kritiken, die noch springlebendig sind, haben das Andenken längst vergessener Theaterabende aufbewahrt, wie er selbst vorausgesagt hat. Seine Noblesse gegenüber Gerhart Hauptmann war beispielhaft. Niemand hat wie er seine Herrlichkeiten gerühmt und unermüdlich als Warner und Mahner aufs schonendste diesem seinem Mitschlesier und Jugendkameraden die Schwächen seiner immer unfertig veröffentlichten, zum Schluß papieren erstarrten Stücke vorgerückt, Wedekind, Shaw, Strindberg und Sternheim frühzeitig erkannt und bis ins feinste verstanden und analysiert, und in vielen Fällen Ermutigung, in noch mehr Fällen Entlarvung und Züchtigung geübt. Eine ganze Literaturepoche mit ihren Vorzügen und Fehlern liegt in den fünf Bänden seiner „Welt im Drama“ zutage, und wenn man noch heute über eine Kritik Tränen lacht, die vor fünfundzwanzig Jahren geschrieben worden ist, so darf man den Schriftsteller, der sie lebendig und bezaubernd hingestellt hat, unbekümmert um alles andere, zunächst einmal dieser seiner Wachheit, Seinsfreude und Eleganz willen lieben und bejubeln, und seiner Sprachkraft und ungebrochenen Selbsteinsetzung wegen beneiden. Mag weder Hebbel noch Ibsen heute so gewertet werden wie er sie überschwenglich wertete, mag Gerhart Hauptmanns Folgenlosigkeit und ungeistige Erstarrung die große Liebe gelohnt haben, mag auch (im Falle Brecht zum Beispiel) die Ungerechtigkeit des Kritikers einem bedeutenden Talente gegenüber harte Mauern aufrichten: dennoch ist das Leben, das dieser Mann geführt hat, und seine Wirkung eine gerade so gute als in seiner Zeit und unter seinen Bedingungen möglich war. Alfred Kerr, ein meridionaler Mensch, geboren in Schlesien, mit der großen Liebe zu allem Deutschen, ist in seinem ungebrochenen Wahrheitsmute und in seiner Hingabe an geistige Gegenstände die wundervolle Widerlegung seines eigenen Ethos. Lieber Sklave als tot, hat er eines Tages gesagt; das ist, ungenau ausgedrückt, die hohe Treue eines geistigen Menschen, der seine Aufgabe zu erfüllen hat, unbekümmert um Freiheit oder Personenwürde, um gutes oder schlechtes Los. Und so soll ihm das Recht zugestanden werden, sich selber mißzuverstehen, und als geschlossene Persönlichkeit dem All gegenüber weiter zu bleiben: der lebendigste Kritiker der deutschen Sprache; im Irren wie in der Hingabe ein wirklich vorhandener herrlicher Kerl. Personalia Nach langem schwerem Leiden ist in den letzten Tagen der praktische Arzt Dr. Simon B'amberger (Kronach) in einem Münchener Krankenhause verschieden und auf dem jüdischen Friedhofe in Nürnberg zur letzten Ruhe bestattet worden. Mit ihm ist eine seltene jüdische Persönlichkeit ins Grab gesunken. In seiner Heimat und Wirkungsstätte in Kronach hat er jahrzehntelang seine ärztliche Kunst aus-* geübt in seiner Privatpraxis und als Leiter des Distriktskrankenhauses. Er besaß das Vertrauen der gesamten Bevölkerung in einem Ausmaße, wie es nur selten zu beobachten ist. Das lag sowohl in seiner außerordentlichen Tüchtigkeit als auch in seiner überragenden Persönlichkeit begründet. Er war getragen von der Liebe und Verehrung der gesamten Bevölkerung. Als die zionistische Bewegung sich regte, war er einer der ersten, der weit ab von einem jüdischen Zentrum einen solchen tiefen Fonds von Jüdischkeit besaß, daß er sofort einer der begeistertsten Vorkämpfer des deutschen Zionismus wurde. Gerade weil er eine freie hochgeachtete Persönlichkeit war, hat ihn die zionistische Renaissance-Bewegung um so tiefer erfaßt und ergriffen. Aus innerem Drang, ohne äußere Beeinflussung hat er seine zionistische Pflicht bis zum Äußersten erfüllt. Und als seine Heimat, die bisher der Hort freiheitlicher politischer Ideen war, heimgesucht wurde von der Vergiftung durch die völkische Bewegung, konzentrierte sich auf ihn, als der jüdischsten Persönlichkeit und als den Exponenten der jüdischen Idee, der ganze Haß all der Menschen, denen er bisher in unbegrenzter Menschenfreundlichkeit so unendlich viel Gutes und Großes geleistet hatte. Mochten aber die Stürme noch so heftig werden — scheute man doch nicht davor zurück, sein ganzes Haus zu demolieren, seine ganze Einrichtung zu zerstören —, er harrte unerschütterlich und treu aus und setzte der ganzen Meute stolz sein jüdisches Bewußtsein entgegen. Und damit hat er auch bei allen anständigen Menschen, möchten sie sich sonst einstellen, wie sie wollten, für das Judentum unverlierbare moralische Eroberungen gemacht. Und wenn in Kronach und Umgebung für die Judenheit wieder einigermaßen erträgliche Verhältnisse eingetreten sind, sso ist das der prächtigen Persönlichkeit Dr. Simon Bambergers zu verdanken. Wir werden ihn nie vergessen und wollen uns an seinem Beispiel aufrichten, seine wahrhaftige und treue Persönlichkeit soll uns ein Ansporn sein auf un-

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