Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Das .jüdische Echo 11 HIRIi IlliU ■ ..in 11 II Feuilleton | || 111 ■ iiiiii III 1 Illllllllllllllllll II llllllll Das Märchen vom Thora-Schreiber Von J. V. Agnon Dies ist die Geschichte Raphaels, des Schreibers. Raphael, der Schreiber, war ein vollendeter, rechtschaffener Mann und schrieb Rollen, Tephillin und Mesusoth in Heiligkeit und Reinheit. Jeder Ehemann, der — Gott 'bewahre — kinderlos war, oder dessen Weib — Gott bewahre — gestorben war, ging zu Raphael, dem Schreiber und sagte ihm: Du weißt wohl, Bruder Raphael, was wir sind und was unser Leben ist! Ich habe so gehofft, daß meine Söhne und Enkel zu dir kommen werden, damit du ihnen die Tephillin schreibst, nun aber, o weh, wandle ich kinderlos da. Vielleicht würdest du mir nun, R. Raphael, mein Bruder, auf meine Kosten eine Thora-Rolle schreiben, so schön, wie du es nur mit Gottes Hilfe kannst. Damit wir nicht aufhören in dieser Welt und in der künftigen. Und Raphael, der Schreiber, sitzt und schreibt selbst die Thora, um ihnen (den Kinderlosen) ein Andenken und einen Namen in Israel für die Zukunft zu sichern. Denn wenn ein Mensch in die wahre Welt kommt, begegnen ihm die Engel des Leides und fragen ihn: Wer bist du und woher kommst du? War er redlich und ehrlich und hinterließ er gute Taten oder Söhne, die mit dem Gesetzesstudium und mit der Vollführung von Gottesgeboten beflissen sind, so sind diese gute Fürsprecher für ihn. Ist dem aber nicht so, so muß er wieder hinaus zur Strafe und Schande. Wenn aber Juden in das Bethaus kommen um dort zu beten und die Gesetzesrolle aus dem Allerheiligsten holen und aus ihr vorlesen, und wenn die Rolle um seines Seelenheiles willen geschrieben ist — da wissen die Engel gleich, daß X. Sohn A.’s aus dem Orte Z. war und daß dies seine Schrift ist. Und sie sagen zu ihm: Kehre ein in Frieden! Darum sitzt Raphael, der Schreiber, und schreibt, während sein Weib, die brave Wirtin, die keusche Frau Mirjam, zu Hause ist und sein Gemüt ergötzt. Folgendes war sein Wandel im Heiligen. Um Mitternacht pflegte er aufzustehen, setzte sich auf die Erde, legte Schandasche auf sein Haupt und weinte über die Zerstörung Jerusalems und über den Tod der Vollendeten und über die Verbrennung des Heiligtums und über die Länge des Exils und über die Verbannung der Göttlichkeit, über die schwere Verknechtung, und über alle die harten und grausamen Verordnungen, die man wieder und wieder über Israel verhängt und über unseren heiligen Messias, der noch immer in Eisenketten gebunden ist wegen des Lasters unseres Geschlechtes. Dann lernte er bis zum Tagesanbruch das „Licht des Lebens“, das Buch „Glanz“ und die „Tikunim“, verbindet das Nachtprinzip mit dem Tagprinzip, steigt in das Reinigungsbad, untertaucht seinen schwachen Körper im Wasser, betet das Morgengebet und kehrt heim. Er tunket ein Stückchen Leckerbissen in süßen Weingeist ein und stärkt ein wenig die schwache Körpermaterie mit winziger Speise, nimmt wieder ein Reinigungsbad und macht sein Herz frei von jeglichem Alltagsgeschäft. Dann sitzt er den ganzen Tag über zu Hause allein, in sich gekehrt, ganz abgeschlossen in dem kleinen, mit dem Geiste des Gesetzes erfüllten Raume, mit niemandem verkehrt er und ist frei von allen Sünden, die bei Menschenverkehr entstehen. Er bleibt heilig in Gedanken, in Wort und Tat, geschützt vor Leidenschaft und Begierde, sitzt geborgen und verschlossen und hat bei sich nur Gott — gelobt sei Er! — allein. Er denkt an all die heiligen Geheimnisse, die in den Thora-Versen angedeutet sind und ist bedacht, keinen heiligen Gottesnamen ohne besondere Körperreinheit zu schreiben. Manchesmal schreibt er darum ein ganzes Blatt, aber so, daß er die Stellen für die Gottesnamen frei läßt. Diese schreibt er erst nachträglich, nach dem er das Reinigungsbad genommen hat. Also schrieb er Tag für Tag, von früh bis abend, bis der Synagogendiener kam, an das Fenster klopfte und rief: Die Zeit des Mincha-Gebetes ist da! Manchesmal kam ein Armer um Almosen zu bitten oder trat ein Wanderer ein, um sich seine Tephillin verbessern zu lassen. Da trug er dem R. Raphael zu, was er auf eigne Augen in den verschiedensten Orten der Diasporah sah. „Was soll ich Euch sagen, R. Raphael. Es ist gar nicht zum glauben. Doch habe ich auf eigene Augen gesehen, wie bei einem Schreiber mehrere Burschen Tag und Nacht sitzen und Rollen, Tephillin und Mesusoth schreiben. Es ist nicht zum glauben. Man macht aus der heiligen Thora ein Fabrikunternehmen. Ja, ich habe gehört, daß bei einem gewissen Schreiber sogar Mädchen sitzen und schreiben.“ Während Mirjam im Reinigungsbad weilt, ist Raphael im Lehrhaus. Wenn sie nun zurückkehrt, tritt sie vor den Spiegel und schmückt sich wie eine Braut. Die Tage ihrer Jugend kehren ihr zurück. Da erblickt sie aber im Spiegel das Ostwandbild und was auf ihm gezeichnet ist, und die schreienden Löwen — und sie schrickt zurück: „Gott gehört die Erde und alles, was sie erfüllt!“ Und als Raphael vom Gebet zurückkommt und sein Weib in seiner ganzen Schönheit vor dem Spiegel erblickt, da erweckt sie Gefallen bei ihm, und an sie heimlich herantretend, will er zu ihr besänftigende Worte sprechen. Als nun Raphael bis zu ihr kommt, da erscheint ihm aus dem Spiegel der gepriesene Gottesname und er ruft in heiliger Inbrunst: „Ich stelle den heiligen Gottesnamen immerwährend vor mich!“ Und er schließt seine Augen vor der Pracht Gottes und vor Gottesfurcht. Darauf scheiden die beiden stillschweigend. Er sitzt in einem Winkel und studiert das Buch des „Glanzes“ und die „Tekunim“. Sie sitzt im anderen Winkel und liest im Frauengebetbuch, bis der Schlaf beide überwältigt. Als aber alles aufgegeben wurde und sie nicht Kraft besaß, um Kindersegen zu weinen, da stellte sie sich vor ihren Gemahl demütig und gebrochenen Herzens. Und Raphael sprach zu Mirjam: „Was ist dein Wunsch, damit ich ihn erfülle, und was ist dein Verlangen, damit ich es vollziehe?“ „Wenn es dir gefällt, meine Bitte zu erfüllen und wenn es dir gutdünkt, mein Ansuchen entgegenzunehmen, so schreibe eine Thora-Rolle auch für uns beide.“ Und von nun ab waren ihre Hände beschäftigt mit der Herstellung des Mäntelchens für eine Thora-Rolle und der anderen Utensilien der Heiligkeit, wie eine Frau, deren Hände beschäftigt