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Das jüdische Echo · 1927-11-11 · 45 (11.11.1927) · p. Seite 741

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
45 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
Seite 741 (sequence 9)
Language
German
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Uterarische Beilage Franz Kafka Notizen zu seinem Roman „Das S c h 1 o ß“ Von Manfred Sturmann, München I. Als Franz Kafka, der Prager jüdische Dichter, einundvierzigjährig, starb, nachdem er nur einen Bruchteil seines Werkes, wenige schmale Bände, den Weg in die Öffentlichkeit hatte gehen lassen, also noch nicht in seiner gesamten schöpferischen Gestalt in Erscheinung getreten war, g4ab es bereits einen Freundeskreis, oder sagen wir ruhig eine kleine Gemeinde, die in diesem Dichter den großen Epiker ahnten, als den er sich nach seinem Tode erweisen sollte. Wer seine Bücher •— vor dem Todesjahre 1924 — bewundert und geliebt hatte, wem seine blühenden Einfachheiten der Sprache unvergeßlich eingeprägt waren, der mochte wohl in diesen Kurzgeschichten, diesen seltsam ruhigen, doch von verhaltener Leidenschaft durchzitterten Aufzeichnungen, die farbige gläubige Welt des Genius erschaut haben. II. Esist keine trügerische Erkenntnis gewesen, wie auch jene, die nur gehofft hatten, nicht enttäuscht wurden. Max Brod gab den nachgelassenen Roman „Der Prozeß“ heraus. Da stand klar vor uns die Gewißheit, daß wir mit Franz Kafka einen Epiker ganz großen Formates verloren hatten, und man scheute sich nicht, seinen Namen neben denen der unvergänglichen Prosaschöpfer der Weltliteratur zu nennen. Kafka hat in diesem Roman das Bekenntnis abgelegt, daß das menschliche Leben einem Prozeß gleicht, der immer verloren wird. Eine feingegliederte Gerichtsbehörde treibt ihr Spiel mit dem „Angeklagten“, von dessen Geschick und von dessen Freunden es abhängt, das Verfahren zu verschleppen. Denn nur Verschleppungstaktik ist geboten: Der Fall ist a priori hoffnungslos. Es wird immer Indizien geben, immer unvermutete Zeugen, welche den geheimnisvollen Richtern zur Hand sind. Das „Urteil“ ist nur hinauszuschieben. Die Exekution erfolgt unerbittlich. Ich erinnere an Kafkas Schlußsatz, an die Bemerkung eines Henkers: „Wie ein Hund“, sagte er, „als sollte die Scham ihn überleben.“ III. Nun ist vor kurzem der zweite nachgelassene Roman Kafkas, „Das Schloß“, erschienen, welcher eine Erweiterung, eine Bestätigung' des ersten bedeutet. Hier wie dort das menschliche Schicksal, in marionettenhafter Verzerrung, ausgeliefert der übergeordneten Macht schlechthin. Aber war im „Prozeß“ das Menschliche plastisch geworden, und uns erschreckend nahegerückt, so ist es im „Schloß“ das Göttliche. In beiden Fällen ein Erdgebundener, hoffnungslos verstrickt in eine natürlich-feindliche Welt: hier wie dort der nicht zur Erhörung gelangte Ruf zur letzten in sich ruhenden Weisheit. Und doch: Dieser Ruf klingt aus dem „Schloß“ vernehmlicher und erschütternder. Hat sich der Held im „Prozeß“ müdegekämpft gegen die Übermacht jener geheimnisvollen Gerichtsbehörde, war er gebrochen in lähmender Resignation und hatte er schließlich die gequälte Brust den Dolchen der Exekutionskommission dargeboten — so ist der Landmesser K. im „Schloß“ ein anderer. IV. Sein Weg ist ganz auf Kampf und Auflehnung gestellt. Darum ist dieser zweite Roman der größere, der männlichere vielleicht. Was uns nach der Lektüre des „Prozeß“ als unwahrscheinlich erschien, ist eingetreten: Kafka hatte mit dem ersten Nachlaßroman noch nicht das Letzte gegeben: Das „Schloß“ bedeutet ihm gegenüber noch eine Steigerung. Hier nämlich tritt der „Angeklagte“ von der Passion in die Aktion. Er nimmt den Kampf auf gegen die übergeordnete Macht, die ihn zurückstößt. Der Landmesser K. ringt mit der Schloßbehörde. Er will hinter die Einfachheiten, hinter das Geheimnis der ursprünglichen Daseinsform der Dorfbewohner kommen, will deren Demut und deren Glauben erzwingen. Er verfällt auf Listen, er leistet erniedrigende Arbeit, erklärt sich bereit, die abgelegte Geliebte eines Schloßbeamten zu heiraten. Dieser Landmesser K. ringt um das Geheimnis des Schlosses, wie Jakob mit seinem Gotte um das Göttliche rang. Auch in dem neuen Roman herrscht jene wirklich-unwirkliche Atmosphäre, welche wir nirgend anders als bei diesem Richter erlebten. Es ist, als wäre die Realität gleichsam abgehoben von der Erdoberfläche und dem Göttlichen genähert; denn Kafkas Menschen sind unwirklich Leidende, weil sie das Gegenständliche durchschreiten; es sind Ausgewählte, dem göttlichen Odem nahegerückt, und doch wieder nur Menschen, hoffnungslos gebunden an ihre Begrenztheit. V. Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, das Werk zu deuten, — es ist ein Fragment geblieben — Spekulationen über den möglichen Ausgang der Handlung anzustellen oder diese auch nur zu beschreiben; denn nicht darauf kommt es an, sondern auf die Notwendigkeit, sich mit der geistigen Erscheinung dieses Dichters auseinanderzusetzen. Alle Fragen, welche unsere Zeit an uns stellt, und welche die Zeit überhaupt je an ihr Wesen gestellt hat, sehen wir in dem Werke Franz Kafkas berührt, das der Herausgeber Max Brod als eine Faustdichtung bezeichnet. Darum sollten gerade wir Jüngsten diesem Dichter, den Max Brod aus seinem Judentum erklärt, lieben lernen, der so „modern“ ist, eben weil er zeitlos ist. Private kaufmännische Kurse Fer.ir Jf23 6 99 ■■■■ i%#|# Gegründet 1079 rudolf DUKIK München Inhaber und Leiter Diplom-Kaufmann R. Bürck. Jeden Monat beginnen neue Kurse. Beste Referenzen. Auskunft und Anmeldung Prinz-Ludwig-Str. Nr. 3/1, neben der Tonhalle

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