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Das jüdische Echo · 1927-11-11 · 45 (11.11.1927) · p. Seite 736

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
45 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
Seite 736 (sequence 4)
Language
German
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736 Das Jüdische Echo Nr. 45 geworden; eine hebräische Universität, von Lord Balfour selbst eingeweiht, ist in der Entwicklung; acht bis zehn Millionen Pfund wurden in der ganzen Welt für Landkauf, Ansiedlung von Bauern, Begründung von Indusrien, Anlegung von Gartenvorstädten, Unterrichtswesen, Gesundheitswesen, Einwanderer-Fürsorge usw. aufgebracht. Alles das bei gebührender Beachtung der berechtigten Interessen der arabischen Bevölkerung, deren Wohlstand zu gleicher Zeit stark zugenommen hat; infolgedessen hat auch eine zunehmende Beruhigung der arabischen Empfindsamkeit stattgefünden. Wer würde es vor zehn Jahren gewagt haben, eine solche Fülle von Leistungen und Erfolgen in einer einzigen Dekade vorauszusagen. Es hat vor kurzem eine Wirtschaftsdepression gegeben. Wirtschaftskrisen sind keinem Lande fremd, besonders nicht neuen Ländern; Palästina, das älteste Land, ist aber gleichzeitig das jüngste. Solche Depressionen gehen vorüber und ein neues Gedeihen setzt ein. So wird es auch in Palästina sein. Laßt uns die Hoffnung ausdrücken und die Entschlossenheit kundgeben, daß die zweite Dekade ebenso große Ergebnisse wie die erste zeitigen wird. Es gilt, einen hohen 'Standard zu erreichen; mit nie ermüdender Anstrengung wird es gelingen.“ Viscount Cecil schreibt: „Ich habe mit tiefem Interesse die Bemühungen und den Fortschritt des Zionismus in Palästina verfolgt; jetzt, am zehnten Jahrestage der Balfour-Deklaration, hege ich die Überzeugung, daß ihre Verkündung ein weiser und weitblickender Akt der Staatskunst war; auch in Zukunft wird es Schwierigkeiten geben, wie es solche in der Vergangenheit gegeben hat. Aber sie werden durch die Hingebung und die Klugheit der Zionisten und ihrer Führer sicherlich überwunden werden.“ * Balfour-Feiern fanden aus Anlaß des zehnten Jahrestages der Deklaration in zahlreichen Städten statt; besonders eindrucksvolle in Berlin, in Wien, in Brünn, in Kowno, in Warschau, in Sofia und Amsterdam. Es ist uns leider unmöglich, die vorliegenden Berichte zu bringen; vielleicht kann dies später nachgeholt werden. War cs notwendig? Von Moses W a 1 d m a n n (Berlin) Nach dem Schwarzbartprozeß begann, was vorauszusehen war, eine ziemlich lebhafte Diskussion darüber, ob es denn tatsächlich notwendig war, zur Verteidigung Schwarzbarts ein Komitee ins Leben zu rufen, die ungeheure Menge von Dokumenten und Materialien zu sammeln, ein Pogrombuch in mehreren Sprachen herauszugeben und Zeugen aus aller Welt zu mobilisieren, um in Paris als Ankläger gegen die Pogromveranstalter aufzutreten und auf diese Weise, und dies war unausweichlich, das ukrainische Volk zu verstimmen, in dessen Mitte drei Millionen Juden leben. Es läßt sich auch tatsächlich nicht leugnen, daß durch den Schwarzbartprozeß die Beziehungen zwischen Juden und Ukrainern sich verschärft haben und daß durch den Freispruch Schwarzbarts nicht nur Petljura als Hauptverantwortlicher für die Pogrome gebrandmarkt wurde, sondern daß auch ein Schatten von Schuld auf das ukrainische Volk in seiner Gesamtheit fällt, wiewohl Gerechtigkeit gebietet, anzuerkennen, daß das ukrainische Volk mit den einzelnen Atamanen und der unter deren Kommando stehenden verwilderten Soldateska nicht zu;dentifizieren ist. Wir sind die letzten, die vor der Erkenntnis zurückscheuen, daß die exzeptionelle Lage des jüdischen Volkes ihm leider auch in solchen Fällen, wo es im vollsten Rechte und in unsäglicher Art leidtragend ist, Zurückhaltung auferlegen muß. Wir wissen es genau, daß wir uns in einer tragischen Situation befinden, daß wir uns nicht erfolgreich zur Wehr zu setzen vermögen und daß wir uns nicht einmal erlauben dürfen, restlos unsere gerechten Anklagen vorzubringen. Diese Überlegungen wären aber, ohne daß man von vornherein der Ansicht sein müßte, ihnen vollständig nachzugeben, am Platze gewesen, wenn wir beim Schwarzbartprozeß lediglich Ankläger gewesen wären. Anfänglich schien es, und seinviele Juden hatten diese Überzeugung, daß in dengroßen Judenprozeß in Paris die jüdische Gesamtheit ungleich wie beim Beilis- oder Dreifußprozeß nicht Angeklagter, sondern Ankläger sein wird, Der Fall lag doch vor aller Welt klar. In der Ukraine wurden 50 000 Juden totgeschlagen, weitere Hunderttausend beraubt, verstümmelt, vergewaltigt, zu Waisen gemacht. Unendliches Leid wurde der dortigen Judenheit zugefügt, ohne daß diese den geringsten Anlaß für diese schrecklichen Ausschreitungen gegeben hätte. Verantwortlich, zumindest moralisch und politisch, für diese Schandtaten waren die Führer der ukrainischen Bewegung und an ihrer Spitze der Oberbefehlshaber der ukrainischen Truppen, Simon Petljura. Der Prozeß mußte stattfinden, ohne daß er von der jüdischen Gesamtheit provoziert worden wäre. Ein einzelner, Samuel Schwarzbart, hatte, ohne irgendeinen Juden in der Welt um Rat gefragt zu haben, Petljura erschossen. Als Motiv für seine Tat gab er die Schuld Petljuras an den Pogromen in der Ukraine an. Das französische Gericht war also gezwungen, aus rein kriminalistischen Gründen wenigstens den subjektiven guten Glauben Samuel Schwarzbarts zu prüfen. Aus diesem Grunde mußten die Pogrome ohne unser Zutun vor dem Pariser Gericht zur Sprache gelangen. Da nun der Fall schon so lag, so galt es zu erwägen, ob man es zulassen dürfe, daß die Frage der Pogrome unvollständig von Uneingeweihten und Uninformierten behandelt werden sollte oder ob nicht vielmehr auf der jüdischen Gesamtheit die Pflicht lag, dafür zu sorgen, daß die Wahrheit über die Pogrome unverfälscht vor aller Augen ausgebreitet werde, da nun schon die Frage ohne unsere Absicht und ohne unser Zutun auf der Tagesordnung stand. In dieser Situation gab es kein Ausweichen. Und ob wir wollten oder nicht, mußten wir uns mit dieser Angelegenheit beschäftigen und ohne Rücksicht auf die Möglichkeit einer Verschärfung der Beziehungen zwischen Juden und Ukrainern die Sache Schwarzbarts, soweit die Pogrome in Frage kamen, zu unserer Sache machen. Damit war keineswegs, gesagt, daß von jüdischer Seite aus auch nur eine Sekunde lang der Mord, den Schwarzbart verübt hatte, gebilligt wurde. Ein zweites kam noch hinzu und das war in höchstem Grade ausschlaggebend. Wir waren in einer Täuschung befangen, als wir glaubten, in Paris ausschließlich die .Rolle von Anklägern spielen zu können. Wie die Dinge nun einmal liegen, sind wir, so unerwartet das für jeden normal Denkenden erscheinen mag, in Paris auch in unserer Gesamtheit angeklagt worden. Angesichts der unbestrittenen Tatsachen der Pogrome versuchte die Gegenseite keinen Augenblick, die vorgekommeüf n jenme*ze^en zu leu£nen* Sie bemühte sich bloß, die Verantwortung Petljuras in Abrede zu

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