Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- Seite 726 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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726 Das Jüdische Echo Nr. 44 Hauptversammlung der Liberalen Vereinigung Am 22. und 23. Oktober 1927 hielt in Frankfurt a. M. die „Vereinigung für das liberale Judentum“ ihre Hauptversammlung ab. Der erste Tag war Festgottesdiensten in den OrgelsynagOigen, einem Begrüßungstee und einer für die Presse unzugänglichen Geschäftssitzung gewidmet, die dem Gesamtvorstand sehr erweiterte, aber R.-A. Heinrich Stern (Berlin) wieder zum Vorsitzenden. R.-A. Dr. Geiger (Frankfurt a. M.) zu seinem Stellvertreter wählte. Der Sonntag brachte dann den öffentlichen Teil; am Vormittag vier Referate über das Gesamtthema „Individuum und Gemeinschaft“, in die sich Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach a. M.) („Gemeinschaft und Individuum i'm ihren gegenseitigen Rechten und Pflichten“), Erich Bayer (Breslau) („Der Kultus, die Gemeinschaft und der Einzelne“), Bianca Hamburger (Berlin) („Das jüdische Heim — unser zweites Gotteshaus“) und J.-R. Dr, Blau .(Frankfurt a. M.) („Die Gemeinde und der Einzelne“) teilten. Der Nachmittag war dann der Diskussion, der Abend einer öffentlichen Kundgebung gewidmet. Von großem Interesse waren die Referate Dr. Dienemanns und J.-R. Blaus, während Bayer in der üblichen liberalen Theologie und Frau Hamburger wesentlich in Gefühlsmeinungen stecken blieben. Dienemann führte etwa aus: Die Frage „Individuum und Gemeinschaft“ ist niemals endgültig zu lösen, sondern stets neu zu durchdenken. Die jeweilige Gegenwart ist wichtig für die jeweilige Haltung, deshalb ist ein Blick auf unsere Gegenwart wesentlicher als historische Rückbeziehung. Unsere heutige Situation ist anders als die in der klassischen Zeit des Liberalismus; der Individualismus im Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Religion, der das XIX. Jahrhundert zeichnete, ist in all diesen Bezirken der Neigung zur gebundenen Lebensführung gewichen. (Völkerbund, Organisierung der nationalen Minoritäten.) Die Tragik des Liberalismus in diesem ewigen Zwiespalt ist, daß er zwar die Form als kein göttliches Gebot anerkennen kann, also individualistisch ist, aber wie jede Religion gemeinsame religiöse Formen braucht. Dies besonders, da er ans Judentum gebunden ist, wo die Gemeinschaft stets stärker betont war als anderswo, wo das persönliche Seelenheil zugunsten der Die Wäscherei der Münchener Hausfrau ist ein mit allen neuzeitlichen Mitteln auf das hygienischste eingerichteter Betrieb.Strenggetrennte Behandlung jedes WäscheiPostens . Größte Mietwäscherei Münchens Wir laden die Hausfrauen ein, d. bill., schonendste und dabei müheloseste Verfahren zum Reinigen der Wäsche praktisch kennenzulernen.J Jede Hausfrau ist begeistert von der schönen Einrichtung Viele Anerkennungsschreiben. Trockenanlage und Bügelmaschinen stehen zur Verfügung. Wir bitten um unverbindliche BesichtigungHunserer Anlagen. Auto zum Abholen und Zubringen. Wäscherei d. Münchener Hausfrau HOCKER & BÄUERLE Landwehrstr.57/59, T596858 Erwählung des heiligen Volkes und der Erlösung nur der Gemeinschaft zurücktrat, wi'e denn auch persönliches Gebet hier nur nach dem Gemeindegebet möglich ist. Sind wir darüber hinaus? Dann sind wir vielleicht nicht mehr Juden. — Deshalb sind Forderungen der Gemeinschaft an das Individuum anzuerkennen, und zwar hinsichtlich ihrer Existenz (wir sind ins Judentum hineingeboren: Ahnen wirken fort) und hinsichtlich ihres Wertes, der nicht auf der Blutsverbundenheit ruht —• Blut kann ein Schicksal sein, doch ist es noch kein Wert —, sondern auf erworbenem seelischem Gut, das der Gemeinschaft eigentümlich ist. Als „Ideen-, Gedanken- und Wertungsgemeinschaft“ bestimmt sich das Judentum durch die Überzeugungen vom Dienste des gerechten Menschen gegenüber dem einzig einigen, rein geistigen Gotte, dessen Reich der Mensch zu verwirklichen hat, freien Willens zwar und ohne Mittler, doch einem Gott gegenüber, der nicht nur schenkt, sondern fordert und dem nur Erfüllung seiner Gebote Frömmigkeit heißt. — Als nicht nur geistige Gemeinschaft darf das Judentum jedoch auch Anerkennung seines Gesellschaftskörpers fordern, des Trägers und Bewahrers seiner Gedanken, und Opfer für beide, bis zu dem des Lebens, doch nicht das des Intellekts, Sittlich legitimieren sich diese Opfer dadurch, daß sie keiner Macht — sondern einer Geistesgemeinschaft dargebracht werden. Das höchste Ziel ist, das Judentum als Geist mit dem Judentum als Gesellschaftskörper, die stets aufeinander klaffen, zur Deckung zu bringen, Die Grenze all dieses Tuns liegt im Recht des Individuums auf eigenes Denken, auf Kritik, auf Selbständigkeit der Stellungnahme, die neue Formen und auch eine neue Gesamtrichtung der Gemeinschaft — z. B. im Sinne einer Abschwächung der nationalen Elemente — mit sich bringen mag. Deshalb verbietet sich jede Kodifikation, wenn auch „Richtlinien“, die eine solche weder wollen noch sind, von Zeit zu Zeit geboten erscheinen. All dies aber ist nicht lediglich oder auch nur vor allem intellektuell bestimmt, sondern von den irrationalen Kräften des Willens mit getrieben und geformt. Im Gegensatz zu Dienemanns Referat führte J.-R. Blaus Rede mitten in eine Frage hinein, die für die inneren Auseinandersetzungen der Liberalen täglich mehr Gegenwart gewinnt: Großgemeinde oder liberale Austrittsgemeinde? Dr. Blau führte etwa aus: In Deutschland herrscht, anders z. B. als in Amerika, der Typ der staatlichen Zwangsgemeinde, in der Konflikte mit dem einzelnen besonders gefährlich sind. Die notwendige Rücksichtnahme auf die Konservativen führte gelegentlich zu dem Gedanken liberaler Sondergemeinden, die aber weder der jüdischen Gesamtheit, noch auch nur dem Liberalismus dienen würden. Selbst wenn die Liberalen numerisch und religiös-dynamisch kräftig genug sein sollten, um eine eigene Gemeinde für die Dauer aufrechtzuerhalten, wäre die Einbuße an der Einheit und Solidarität des Gesamtjudentums und an der Möglichkeit gegenseitiger Beeinflussung beider Richtungen nicht auszugleichen. Der ausgetretene Orthodoxe bleibt Jude; bleibt es auch der ausgetretene Liberale? Zu den Liberalen werden die verschiedensten Nuancen in Glauben und Übung gezählt; auch der rabbinische Führer kann hier nur schwer eine Grenze setzen, obwohl es auch für den liberalen Theologen unübersteigliche religionsgesetzliche Schranken gibt, insbesondere auf dem Gebiet der Ehegesetze (das Dr. Blau bereits auf der Londoner